Die Familie, „Sündenbock für all unser Übel“

Theologin Rossi Espagnet erklärt, warum die Ehe Jugendliche nicht mehr anzieht

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ROM, 17. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Das negative Bild der Ehe als Quelle vieler persönlicher Probleme erschwere es jungen Menschen, sich für diese Institution zu begeistern, erklärt die italienische Theologin Carla Rossi Espagnet.

Espagnet ist Co-Autorin von „Ehe und Familie in den Dokumenten des kirchlichen Lehramts: Ein Kurs in Theologie der Ehe“ („Marriage and the Family in the Documents of the Magisterium: A Course in the Theology of Marriage“), dessen englische Übersetzung von „Ignatius Press“ veröffentlicht wurde.

Die Autorin promovierte in Theologie am römischen Institut Johannes Paul II., das sich auf das Studium von Ehe und Familie spezialisiert hat. Seit 2003 unterrichtet sie am Höheren Institut für Religionswissenschaften „Apollinare“, das zur Päpstlichen Universität Santa Croce gehört, einen Lehrgang mit dem Titel „Liebe, Familie und Erziehung“.

Gegenüber ZENIT wies die Theologin darauf hin, dass die Ehe „keine allgemeine soziale Anerkennung mehr genießt und in einem gewissen Sinn zum Sündenbock für all unser Übel geworden ist. Beispielsweise denkt man sofort, dass Beziehungsprobleme – und wer hat sie nicht?! – auf Spannungen zwischen unseren Eltern zurückgehen; wenn der akademische Erfolg ausbleibt, fehlt es womöglich an familiärer Unterstützung; ist man unfähig, gute berufliche Kontakte zu pflegen, heißt es, man sei als Kind unsicher gewesen usw.“

Natürlich gebe es da einen wahren Kern, weil „der Kontext der Familie in der persönliche Geschichte von größter Bedeutung ist" – das gelte aber genauso gut für alles Gute. Werde die Ehe ausschließlich dazu verwandt, die negativen und belastenden Aspekte des Lebens zu erklären, dann verliere sie in der Sicht der Menschen „ihren positiven Wert“.

Von daher sei es nur verständlich, dass „junge Menschen Zweifel an den Vorzügen des Heiratens hegen. Ich spreche hier nicht von den materiellen Vorteilen, die in der Tat bedacht werden müssen, sondern vielmehr von der Entscheidung selbst.“

Diese würde zusätzlich von dem Unvermögen erschwert, den Schwierigkeiten dieses Bundes entgegenzutreten, die – wie bei jeder Verpflichtung – mit der Zeit unvermeidlich auftreten.

Rossi Espagnet sieht in der Liebe als der ausschlaggebenden Komponente der Entscheidung zur Ehe „einen Schritt in die richtige Richtung, verglichen mit jener Zeit, als Ehen zwecks wirtschaftlichen oder politischen Nutzens arrangiert wurden“.

Im allgemeinen Verständnis sei aber häufig unklar, „dass Liebe kein Zustand ist, sondern eine Handlung. Die Tatsache, dass man jemanden so sehr liebt, dass man sein Leben mit ihm teilen möchte, ist keine statische Situation, sondern ein Prozess.“ Einander zu lieben bedeute, „gegenseitige und neue Handlungen der Liebe zu üben“, und nicht, „die Zeit im Augenblick der liebenden Verzückung anzuhalten“.

Deshalb sei Liebe stets „Neuheit und kein Stillstehen. – Es bedarf jedoch der Bemühungen und des Willens, die Beziehung weiter zu pflegen und zu stützen, wo sie schwach ist, und sie zu festigen, wo sie stark ist.“