Die Fastenzeit: eine Einladung der Vorsehung, damit wir Kurs wechseln

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 426 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.00 Uhr auf dem Petersplatz, wo Papst Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Ansprache erinnerte der Heilige Vater daran, dass mit dem Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt, und erklärte die Bedeutung dieser wichtigen Zeit des Kirchenjahrs.

Nach einer Zusammenfassung der Katechese in verschiedenen Sprachen richtete der Heilige Vater einige Grußworte an die verschiedenen anwesenden Gruppen von Pilgern und Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunsers und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute, am Aschermittwoch, beginnt der 40-tägige Weg der Fastenzeit, der uns zum Ostertriduum führen wird, mittels dessen wir des Leidens, des Todes und der Auferstehung des Herrn gedenken, die das Herz, der Mittelpunkt des Mysteriums unserer Erlösung sind. Die Fastenzeit bereitet uns auf diesen wichtigen Augenblick vor; deshalb ist sie eine „starke“ Zeit, ein Wendepunkt, der in jedem von uns eine Veränderung, eine Bekehrung hervorrufen kann. Wir alle haben die Pflicht, uns zu bessern. Die Fastenzeit hilft uns, von unseren festgefahrenen Gewohnheiten und der trägen Abhängigkeit vom Bösen freizukommen. Während der Fastenzeit richtet die Kirche zwei wichtige Einladungen an uns: dass wir uns des Erlösungswerkes Christi stärker bewusst werden, und dass wir mit größerer Konsequenz unsere Taufe erleben.

Das Bewusstsein der wunderbaren Werke, die der Herr zu unserem Heil gewirkt hat, regt unseren Geist und unser Herz zur Dankbarkeit an; wir sind dem Herrn dankbar für das, was er uns geschenkt hat, für alles, was er für sein Volk und für die gesamte Menschheit tut. Das ist der Ausgangspunkt unserer Bekehrung: Sie ist die dankbare Antwort auf das wunderbare Mysterium der Liebe Gottes. Wenn wir diese Liebe erkennen, die Gott uns entgegenbringt, spüren wir den Wunsch, uns ihm anzunähern: das ist die Bekehrung.

Mit größerer Konsequenz unsere Taufe erleben – das ist die zweite Aufforderung. Sie beinhaltet auch, dass wir uns nicht an die Situationen von Verfall und Armut gewöhnen dürfen, denen wir auf den Straßen unserer Städte begegnen. Es besteht die Gefahr, dass wir passiv gewisse Dinge akzeptieren und uns nicht mehr von den traurigen Situationen berühren lassen, die uns umgeben. Wir gewöhnen uns an die Gewalt, als ob es sich um eine normale und alltägliche Nachricht handelte; wir gewöhnen uns daran, Menschen zu sehen, unsere Brüder und Schwestern, die auf der Straße schlafen, weil sie kein Dach haben, unter dem sie Schutz suchen könnten. Wir gewöhnen uns an die Flüchtlinge, die auf der Suche nach Freiheit und Würde sind, und nicht aufgenommen werden, wie es sich gehören würde. Wir gewöhnen uns daran, in einer Gesellschaft zu leben, die sich anmaßt, ohne Gott leben zu können, wo die Eltern ihren Kindern nicht mehr beibringen, wie man betet, wie man sich bekreuzigt. Ich frage euch: Wissen eure Kinder, wie man sich bekreuzigt? Denkt darüber nach. Und eure Enkelkinder? Habt ihr es ihnen beigebracht? Denkt darüber nach und antwortet in eurem Herzen. Wissen sie, wie man das Vaterunser betet? Sind sie in der Lage, zur Muttergottes mit einem Ave Maria zu beten? Denkt darüber nach und gebt euch eine Antwort. Die Tatsache, dass wir uns an solche nichtchristlichen und bequemen Verhaltensweisen gewöhnen, ist wie eine Narkose für unsere Herzen!

Die Fastenzeit erreicht uns wie eine Zeit, die die Vorsehung uns schickt, damit wir unseren Kurs wechseln und die Fähigkeit zurückgewinnen, angesichts des Bösen, das uns immer herausfordert, zu reagieren. Die Fastenzeit muss als eine Zeit der Bekehrung erlebt werden, als eine Gelegenheit für den Einzelnen und für die Gemeinschaft, sich Gott wieder anzunähern und vertrauensvoll dem Evangelium zu folgen. Dadurch ermöglicht sie es uns auch, mit neuen Augen auf unsere Brüder und ihre Bedürfnisse zu schauen. Deshalb ist die Fastenzeit eine günstige Zeit, um sich zu Gott zu bekehren und dem Nächsten zuzuwenden; die Nächstenliebe muss sich die Selbstlosigkeit und Barmherzigkeit des Herrn zum Vorbild nehmen, der „unseretwegen arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen“ (vgl. 2 Kor 8,9). Wenn wir über die zentralen Mysterien unseres Glauben meditieren, über die Passion, den Kreuzestod und die Auferstehung Christi, dann werden wir feststellen, dass das unermesslich kostbare Geschenk unserer Erlösung eine völlig selbstlose Initiative der Liebe Gottes ist.

Gott für das Mysterium seiner gekreuzigten Liebe dankbar sein, echten Glauben besitzen, sich bekehren und das Herz für die Brüder öffnen: Das sind die grundlegenden Elemente für ein korrektes Erleben der Fastenzeit. Auf diesem Weg wollen wir mit besonderem Vertrauen den Schutz und die Hilfe der Jungfrau Maria erbitten: Möge sie, die erste, die an Christus geglaubt hat, uns in diesen Tagen des Gebets und der Buße begleiten, damit wir, geläutert und im Geiste erneuert, am Ostertag das große Mysterium der Auferstehung ihres Sohnes feiern können.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]