Die Fastenzeit: wie und warum?

Geschichte einer Tradition seit den Anfängen des Christentums

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Von Giovanni Preziosi

ROM, 22. Februar 2012 (ZENIT.org).- Schon in den frühesten Zeiten des Christentums setzte sich bei den Gläubigen der Brauch durch, in Erwartung des Osterfests eine Zeit der Vorbereitung einzuhalten, um sich auf dieses größte aller Mysterien der Heilsgeschichte einzustellen.

Am Anfang dauerte diese Vorbereitung nur einen Tag; doch mit der Zeit wurde sie immer länger, bis sie schließlich sechs Wochen umfasste. Auf Latein nannte man diese Zeit „Quadragesima“: die 40 Tage Vorbereitung auf das Ostermysterium. Die Fastenzeit bringt für die Gläubigen zwei unterschiedliche religiöse Gebote mit sich: fasten und Buße tun. Das Fasten, das früher (außer an Sonntagen) für alle Gläubigen zwischen 21 und 60 Jahren Pflicht war, wurde von der Kirche frühestens ab dem 4. Jahrhundert praktiziert.

In der lateinischen Kirche dauerte die Fastenzeit ursprünglich 36 Tage bis im 5. Jahrhundert noch vier weitere Tage hinzugefügt wurden. Diesem Beispiel folgte bald das ganze Abendland mit Ausnahme der ambrosianischen Kirche. Die abendländischen Mönche hielten drei Fastenzeiten ein: die wichtigste vor Ostern, eine weitere (die sogenannte Sankt-Martins-Fastenzeit) vor Weihnachten und eine dritte nach Pfingsten zu Ehren Johannes des Täufers.

Obgleich es gute Gründe dafür gab, die Fastenzeit 36 Tage dauern zu lassen, ließ sich die vierzigtägige Dauer sogar noch besser begründen. Die Zahl vierzig ist nämlich in der Heiligen Schrift immer mit Leid und Trauer verbunden.

Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte die Sintflut, welche die Erde überschwemmte und die sündige Menschheit auslöschte (vgl. Gen 7,12); vierzig Jahre lang musste das auserwählte Volk zur Strafe für seine Undankbarkeit in der Wüste umherirren, bevor es das Gelobte Land erreichte (vgl. Dtn 8,2); vierzig Tage lang musste Ezechiel auf seiner rechten Seite liegen, um die bevorstehende Strafe Gottes für Jerusalem darzustellen (vgl. Ez 4,6); vierzig Tage lang fastete Moses auf dem Berge Sinai, um die göttliche Offenbarung entgegenzunehmen (vgl. Ex 24,12-17); vierzig Tage lang wanderte Elija durch die Wüste, um der Rache der götzendienerischen Königin Isebel zu entkommen und von Jahwe getröstet und belehrt zu werden (vgl. 1Kön 19,1-8); auch Jesus verbrachte, nach seiner Taufe im Jordan und vor Beginn seines öffentlichen Wirkens, vierzig Tage und vierzig Nächte betend und fastend in der Wüste (vgl. Mt 4,2).

Ursprünglich setzte die Fastenzeit mit dem ersten Fastensonntag ein und endete am Morgen der Auferstehung Jesu. Weil aber der Sonntag ein Feiertag ist und das Fasten nicht zu ihm passte, und um die heilige Anzahl von 40 Tagen beizubehalten, wurde der Beginn der Fastenzeit um die 4 fehlenden Tage auf den Mittwoch vor dem ersten Fastensonntag vorverlegt.

Dieser Brauch entstand während der letzten Lebensjahre Gregors des Großen, der von 590 bis 604 n.Chr. Papst war. Das Vorverlegen des Beginns der Fastenzeit auf den Mittwoch, der später den Namen Aschermittwoch erhielt, erfolgte also in den allerersten Jahren des 7. Jahrhunderts, etwa zwischen 600 und 604. Damals nannte man den Aschermittwoch „Caput Jejunii“ oder auch „Caput Quadragesimae“, was beides „Beginn der Fastenzeit“ bedeutet.

Die Buße für die öffentlich begangenen Sünden begann damit, dass der Büßer von der Teilnahme an der Messliturgie ausgeschlossen wurde. Eine echte kirchliche Vorschrift diesbezüglich finden wir im Konzil von Benevent im Jahr 1091 unter Kanon Nr. 4.

Im Urchristentum wurde die Fastenzeit dazu genutzt, die Katechumenen vorzubereiten, da diese am Ostersonntag die Taufe empfingen und damit von der Kirche aufgenommen wurden. Das Fasten selbst war schon seit der frühesten Antike ein religiöses Gebot vieler Völker. In den heiligen Büchern Indiens, in den Schriftrollen der alten Ägypter und in den mosaischen Büchern gibt es zahlreiche Vorschriften, die das Fasten betreffen.

In der Beachtung der Fastenzeit sind die Ostkirchen strenger als die abendländischen Christen. In der griechisch-schismatischen Kirche wird an jedem der vierzig Tage vor Ostern streng gefastet; niemand kann sich eine Dispens erteilen, auch nicht der Patriarch. Die ersten christlichen Mönche (Zönobiten) fasteten im Gedenken an Jesus in der Wüste; die ägyptischen Mönche nahmen am Tag nicht mehr als 12 Unzen Brot zu sich, die Hälfte davon am Morgen, die andere Hälfte abends, jeweils mit einem Schluck Wasser.

Früher war während der Fastenzeit nur eine Mahlzeit am Tag erlaubt. Diese wurde bis ins 4. Jahrhundert nach Sonnenuntergang eingenommen. Später wurde sie ab 15 Uhr gestattet. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erlaubten die kirchlichen Behörden zusätzlich zur Hauptmahlzeit eine leichte abendliche Speisung, die sogenannte „Colatio“. Als mit der Zeit die Strenge immer mehr nachließ, wurde auch das Fleisch, das früher während der gesamten Fastenzeit verboten war, in der Hauptmahlzeit bis zu dreimal in der Woche zugelassen.

Die strikten Vorschriften der Fastenzeit wurden in Rom jedes Jahr durch das sogenannte „Fastenedikt“ bekannt gemacht. Lange Zeit war das Fasten eine echte Pflicht und wer sich diesbezüglich etwas zuschulden kommen ließ, musste mit strengen Strafen rechnen.

Ein Beispiel für diese Strenge ist der Beschluss des 8. Konzils von Toledo im Jahr 653, allen, die ohne Grund in der Fastenzeit Fleisch gegessen hatten, den weiteren Genuss von Fleisch für das ganze Jahr zu verbieten und sie außerdem am Ostersonntag von der Kommunion auszuschließen.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]