Die Fesseln von Angst, Wut und Verzweiflung im Heiligen Land lösen

Abschlusskommunique des 7. Internationalen Bischofstreffens zur Unterstützung der Kirche im Heiligen Land

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JERUSALEM/BONN, 23. Januar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Abschlusskommuniqué des siebten Internationalen Bischofstreffens zur Unterstützung der Kirche im Heiligen Land, das vom 13. bis zum 18. Januar im Heiligen Land stattgefunden hat.



Die deutsche Übersetzung des Dokuments, die am Dienstag von der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegt wurde, enthält die wesentlichen Erkenntnisse, zu denen Vertreter der Bischofskonferenzen aus den USA, Kanada, Frankreich, England und Wales, Irland, Italien, Spanien, der Schweiz und Deutschland sowie des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) gelangt sind.

Sie berieten im Heiligen Land gemeinsam mit Repräsentanten des Vatikans und der Ortskirchen darüber, wie die Christen im Heiligen Land wirksam unterstützt werden können.

Bei Besuchen in Gaza und bei christlichen Gemeinden und Einrichtungen in Galiläa konnten sich die Teilnehmer des Treffens vor Ort über die Situation der Menschen informieren. Gegenüber dem stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Shimon Peres und dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomieverwaltung, Mahmud Abbas, wurden neue Schritte in eine gemeinsame friedliche Zukunft angemahnt.

Das Internationale Bischofssymposium zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land geht auf eine Initiative des Heiligen Stuhls und des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Michel Sabbah, zurück.

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Die Fesseln von Angst, Wut und Verzweifelung
im Heiligen Land lösen

Kommunique

18. Januar 2007



Nach einem für Israelis, Palästinenser und die Völker des Mittleren Ostens so traumatisch verlaufenen Jahr ist das gemeinsame Engagement unserer Bischofskonferenzen zur Unterstützung der Kirche im Heiligen Land wichtiger denn jemals zuvor. In unseren Heimatländern und zumal unter den Katholiken herrscht tiefe Besorgnis über die Situation im Nahen Osten. Der Koordinationsgruppe gehören katholische Bischofskonferenzen aus Europa und Nordamerika an. Sie wurde auf Wunsch des Heiligen Stuhls 1998 in Jerusalem ins Leben gerufen.

Wir besuchen das Heilige Land nun zum siebten Mal, um unsere Solidarität mit der Ortskirche und ihren Bischöfen zum Ausdruck zu bringen und die Suche nach einem gerechten Frieden zu unterstützen. Eindringlich bitten wir die Katholiken aus allen Ländern, uns und Millionen von Pilgern zu folgen und die Heiligen Stätten sowie die christlichen Gemeinden dieses Landes zu besuchen. Wir rufen sie auf: „Kommt und seht!“

Ein Teil unserer Delegation ist zu einer Begegnung mit der christlichen Gemeinde sowie muslimischen und palästinensischen Führern nach Gaza gereist. Von den Menschen, die dort in Armut leben und doch auf eine bessere Zukunft hoffen, wurden wir herzlich empfangen. Die gesamte Delegation besuchte anschließend die christlichen Gemeinden in Galiläa. Sie sind „lebendige Steine“ unseres Glaubens. Wir haben mit ihnen gebetet, uns ihre freudigen und sorgenvollen Geschichten erzählen lassen und von den Initiativen erfahren, mit denen sie die Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit für den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft gewinnen wollen. Im Rahmen einer Diskussion mit jüdischen, christlichen, muslimischen und drusischen Vertretern haben wir einen hoffnungsvollen interreligiösen Dialog erlebt.

Immer wieder wies man uns darauf hin, dass Heilig-Land-Pilger neben den heiligen Stätten auch die lebendigen christlichen Gemeinden besuchen sollen. Mit dem israelischen Tourismusminister Isaac Herzog sprachen wir darüber, was getan werden kann, um die Pilger zu Reisen und Besuchen zu ermutigen.

Die Präsenz der Christen wirkt vermittelnd und ist unentbehrlich für den Frieden. Wie Papst Benedikt XVI. unlängst sagte, wird „ihr Zeugnis eine Hilfe und Stütze im Hinblick auf eine Zukunft in Frieden und Brüderlichkeit sein“. Die Zahl der Christen ist gering, doch sind sie ein fester Bestandteil der Bevölkerung Israels und der Palästinensergebiete. Ihre Gleichstellung und Sicherheit müssen gewährleistet, ihre religiösen Rechte gesetzlich verankert werden.

Das Grundsatzabkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel basiert auf Rechten, die im Laufe der Jahrhunderte etabliert wurden, um die einzigartige Mission der Kirche im Heiligen Land zu erleichtern. Mit der Ratifizierung und vollständigen Umsetzung des Abkommens und anderer Maßnahmen soll die Vitalität der Kirche und ihrer Einrichtungen in Israel gefördert werden. Dazu zählen Krankenhäuser, Schulen und Gästehäuser, die wertvolle Dienste für die ganze Gesellschaft leisten. Seit mehr als zehn Jahren verfolgt die Kirche dieses Ziel. Wir bitten die israelischen Behörden, den Weg für einen erfolgreichen und baldigen Abschluss der Verhandlungen über das Grundsatzabkommen frei zu machen. Ein dringendes Anliegen bleibt dabei die Erteilung von Visa und Passierscheinen für kirchliche Mitarbeiter.

Unser Glaube an den einen Gott verpflichtet uns zum Engagement für das Wohl beider Völker, Israelis und Palästinenser, und für die Angehörigen von drei Religionen, Juden, Christen und Muslimen, die alle zu der einen Familie Gottes gehören. Als Bischöfe und Hirten bekräftigen wir die Worte unseres Heiligen Vaters in seiner jüngsten Ansprache an das Diplomatische Corps: „Die Israelis haben das Recht, in Frieden in ihrem Land zu leben; die Palästinenser haben das Recht auf ein freies und souveränes Vaterland“ (8. Januar 2007).

Bei einer Begegnung mit dem stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Shimon Peres brachten wir Verständnis für die gravierenden Sicherheitsprobleme zum Ausdruck, mit denen Israel konfrontiert ist. Wir sprachen über eine vorgeschlagene Reduzierung der Kontrollpunkte und die ebenfalls vorgeschlagene Freigabe palästinensischer Steuereinnahmen, die ermutigende Zeichen sein könnten. Zugleich betonten wir jedoch, dass es noch sehr viel beherzterer Gesten bedarf, um den herrschenden Kreislauf von Angst auf Seiten der Israelis und von Wut auf Seiten der Palästinenser zu durchbrechen.

Die Zukunft aller Völker im Heiligen Land hängt von einem gerechten und dauerhaften Frieden ab. Auf beiden Seiten herrscht tiefes Leid. Mit geeigneten Maßnahmen sollte deshalb gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden. Die Errichtung eines lebensfähigen Palästinenserstaates und damit die Beendigung der Besetzung setzt ein zusammenhängendes Territorium voraus und stellt den Verlauf der Sicherheitsgrenze sowie die Ausdehnung und Errichtung von Siedlungen in der Westbank in Frage. Unterdessen brauchen die Palästinenser Bewegungsfreiheit, damit sie einer Arbeit nachgehen, ihre Familienangehörigen treffen, medizinische Versorgung erhalten und Schulen besuchen können. An Grenzen und Kontrollpunkten darf es keine erniedrigende Behandlung geben. Da die Familie die Grundlage der Gesellschaft ist, sollte Israel die Zusammenführung von Familien mit einem palästinensischen Ehepartner gestatten.

Bei einer Begegnung mit Präsident Abbas berichteten wir, dass wir bei unseren Besuchen die täglichen Leiden und Entbehrungen der Palästinenser miterlebt haben. Es ist jedoch Einigkeit unter den Palästinenserführern notwendig, damit sie einen gerechten Frieden für eine bessere Zukunft aushandeln können. Eine Abwendung von der Gewalt und die Anerkennung des Staates Israel in allen Teilen der palästinensischen Gesellschaft wird das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft in die palästinensische Autonomiebehörde stärken und deren Unterstützung wachsen lassen. Präsident Abbas erbat die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für eine neue, ernsthafte und baldige Friedensinitiative.

Bei unserem siebten Besuch im Heiligen Land mussten wir feststellen, dass 59 Jahre nach Ausbruch des Konfliktes dauerhafte Sicherheit und ein gerechter Frieden noch immer nicht gefunden wurden. Eines steht fest: Auf dieser Suche nach Gerechtigkeit und Frieden müssen neue Wege beschritten werden: damit die Israelis ihre Angst überwinden können und so ihre kontraproduktive Sicherheitspolitik aufgeben, die das palästinensische Volk unterdrückt; und damit die Palästinenser ihre Wut und Verzweiflung überwinden können und von der Gewalt ablassen, die das israelische Volk mit Angst erfüllt. Zuversichtlich stimmt die Nachricht, dass sich der israelische Ministerpräsident, der palästinensische Präsident und die US-amerikanische Außenministerin demnächst zu Gesprächen über eine Friedenslösung treffen werden.

Gemeinsam mit den Bischöfen im Heiligen Land bitten wir die Katholiken, für den Frieden zu beten, Pilgerfahrten zu unternehmen und mit anderen Initiativen die Mutterkirche zu unterstützen. Wir beten für den Mut und die Orientierung, die notwendig sind, um die Fesseln von Angst und Verzweiflung im Heiligen Land zu sprengen.

Unterzeichner:

Bischof Christopher Budd
Bischof von Plymouth, Bischofskonferenz von England und Wales

Bischof Pierre Bürcher
Weihbischof in Lausanne, Genf und Freibourg, Schweizer Bischofskonferenz

Bischof Gilles Cazabon OMI
Bischof von Saint-Jérôme (Provinz Quebec), Kanadische Bischofskonferenz

Bischof Michel Dubost
Bischof von Evry, Französische Bischofskonferenz

Monsignor Peter Fleetwood
Stellvertretender Generalsekretär des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen

Bischof Raymond Field
Weihbischof in Dublin, Irische Kommission für Gerechtigkeit und Soziales

Erzbischof Patrick Kelly
Erzbischof von Liverpool, stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz von England und Wales

Bischof William Kenney
Weihbischof in Birmingham, Bischofskonferenz von England und Wales
Vertreter der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union

Bischof John Kirby
Bischof von Clonert, Trócaire, Irische Bischofskonferenz

Ulrich Pöner
Leiter des Bereiches Weltkirche und Migration der Deutschen Bischofskonferenz

Bischof William Skylstad
Bischof von Spokane und Vorsitzender der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten

Bischof Joan Enric Vives i Sicilia
Bischof von Urgell und Coprinceps von Andorra, Spanische Bischofskonferenz

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]