Die Feuerwehr der Päpste

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 8. April 2009 (ZENIT.org).- Das schwere Erdbeben in Mittelitalien – in L’Aquila und Umgebung – hat viele Opfer gefordert, Verletzte und Tote. Tausende von Menschen haben ihr Hab und Gut verloren. Die Zahl der Obdachlosen nimmt ein erschreckendes Ausmaß an. Bemerkenswert jedoch ist die Hilfe, die den Erdbebenopfern aus ganz Italien zu Teil wird. Unter den vielen Helfern, die seit Montag in den Abruzzen im Einsatz sind, befinden sich auch Mitglieder der vatikanischen Feuerwehr.



Der Kommandant der vatikanischen Gendarmerie, Dr. Domenico Giani, der in der Vatikanstadt für die Sicherheitsdienste und den Zivilschutz verantwortlich zeichnet, sagte gegenüber Radio Vatikan: „Noch in der Nacht, sobald wir von dieser enormen Tragödie erfahren haben, habe ich mit unseren Vorgesetzten gesprochen, mit Bischof Boccardo und Kardinal Lajolo; wir haben dann das Staatssekretariat informiert... In diesem schmerzhaften Moment haben wir es als unsere Pflicht gesehen, dass auch die Feuerwehr des Vatikanstaates einen Beitrag leistet. Auch wenn der eher symbolisch ist – gemessen am Ausmaß der Katastrophe und der Zahl der Helfer des Zivilschutzes –, wir wollen in dieser großen Not da sein und unsere Hilfe anbieten. Das ist auch eine moralische Unterstützung für die Menschen die leiden – im Namen des Papstes“.

Die Feuerwehrleute des Heiligen Vaters leisten ihren Dienst in der Ortschaft Onna, die durch das Erdbeben fast zur Gänze von der Landkarte gelöscht wurde. Paolo De Angelis, Kommandant der vatikanischen Feuerwehr, berichtete aus Onna: „Die Lage ist katastrophal. Der Ort ist zerstört, allein hier haben die Hilfskräfte 40 Leichen aus den Trümmern geborgen. Wir arbeiten mit den italienischen Feuerwehrleuten zusammen, wir überprüfen die Statik der Häuser, die stehen geblieben sind und begleiten auch die Überlebenden in die Trümmer ihrer Häuser, um in kurzer Zeit und streng überwacht das wichtigste Hab und Gut sicher zu stellen. Die Bevölkerung hat unsere Ankunft als großes Zeichen der Solidarität gewertet. Die Menschen brauchen hier jetzt Trost und Unterstützung jeder Art, ihnen wurde ja alles entrissen. Diese Geste der Solidarität seitens des Vatikanstaates bedeutet für uns sehr viel – persönlich wie beruflich“.
        
Eine Feuerwehr, so wie sie uns heute vertraut ist, gab es im alten Kirchenstaat seit dem Jahre 1810. Sie war in dem von den Franzosen besetzten Rom nach dem Vorbild der „Sapeurs-Pompiers“ von Paris entstanden. Sie unterstand dem emsigen Marchese Giuseppe Origo, der sie mit viel Engagement aufgebaut hatte. Der Aristokrat, ein begnadeter technischer Tüffler, hatte für sie auch die ersten Geräte zur Brandbekämpfung entworfen und konstruiert.

Nach seiner Rückkehr in die Ewige Stadt (1814) und der Wiedererrichtung des Kirchenstaates (1815) behielt Papst Pius VII. (1800-1823) die Feuerwehr bei, wandelte sie in eine militärische Einheit um und verfügte ihre Eingliederung in die päpstliche Armee. Die Leitung der Feuerwehr beließ der Papst in den bewährten Händen des Marchese Origo. Der Markgraf entwarf eine hydraulische Pumpe, die in Gegenwart von Kardinalstaatssekretär Ercole Consalvi, des Gouverneurs von Rom, Monsignore Tommaso Bernetti, und des Generalschatzmeisters der Apostolischen Kammer, Monsignore Belisario Cristaldi, erfolgreich erprobt wurde. Cristaldi setzte sich dann dafür ein, daß das Korps weitere Geräte zur besseren Erfüllung seiner Aufgaben erhielt.

Papst Leo XII. (1823-1829) unterstellte die Vigili del Fuoco im Jahre 1827 dem „Monsignor Governatore di Roma“ (Gouverneur von Rom) und entzog sie damit der Befehlsgewalt der militärischen Autoritäten des Kirchenstaates. Nach dem Tode des Marchese Origo ernannte Papst Gregor XVI. (1831-1846) den Herzog von Sermoneta, Michelangelo Caetani, zum Kommandanten der Vigili. Ein eigenes Reglement bekam das Korps erst am 28. Dezember 1845. Was Disziplin und Ränge anging, behielt es seinen militärischen Charakter bei.

Der Stab setzte sich aus dem kommandierenden Oberst, einem Oberstleutnant, Quartiermeister, Stabsarzt, Chirurgen und Sekretär zusammen; die Kompanie selber bestand aus: einem Hauptmann, einem Leutnant und Vizeleutnant, einen Unteroffizier im Rang eines Adjutanten, vier Wachtmeistern, 20 Korporalen, einem Obertrompeter, vier Trompetern und 110 Gemeinen. In einem Tagesbefehl aus dem Jahre 1847 definierte Monsignore Grassellini, der Gouverneur der Ewigen Stadt, den „militärischen“ Auftrag der Vigili mit den Worten: „Die Waffen der Feuerwehr sind Waffen des Friedens, der Sorge und der Sicherung des öffentlichen Wohls“.

In den Palästen des Vatikans und des Quirinals befanden sich die beiden zahlenmäßig stärksten Abteilungen des Korps. Kleinere Einheiten waren unter anderen bei der Ponte S. Angelo, der Kirche S. Ignazio und im Palazzo Gaetano stationiert. Bei allen größeren öffentlichen Veranstaltungen in der Ewigen Stadt hatten Abteilungen des Korps ex officio anwesend zu sein. Vigili wurden auch zu jeder Theater- und Operaufführung entsendet.

In Rom, aber auch in Bologna und Ancona, wo ebenfalls päpstliche Feuerwehrkorps stationiert waren, bewiesen sich die „Vigili Pontifici“ nicht nur im Löschen von Bränden, sondern sie brillierten auch durch die Erfindung neuer Löschgeräte und der Herausgabe richtungsweisender Fachliteratur. In der Ewigen Stadt taten sich neben dem Marchese Origo zwei Wachtmeister des Korps durch Einfallsreichtum und Können hervor: Angelo Luswergh und Domenico Marcelli. Ihre Apparate und Sicherheitsvorrichtungen erprobten und demonstrierten die beiden Techniker sogar in der Öffentlichkeit, vor einem großen Publikum, so zum Beispiel am 26. Juni 1829 beim Mausoleum des Augustus. „Wir ernteten großen Applaus und vielfaches Da Capo!“, hieß es in dem Rapport, den Luswergh und Marcelli ihrem Vorgesetzten nach der Vorführung übergaben.

Berühmt wurden zwei in französischer Sprache verfasste Werke des aus dem päpstlichen Bologna stammenden Cavaliere Giovanni Aldini: „Art de se preserver de l’action de la flamme“ (Paris 1830) und „Sur le incendies“ (Paris 1831). 1839 präsentierten Angelo Luswergh, mittlerweile zum Offizier befördert, und Pietro Biondi der römischen Bevölkerung auf öffentlichen Plätzen neue hydraulische Maschinen zur Bekämpfung von Feuerbränden; nach dem einhelligen Urteil von Fachleuten stellten die Geräte sogar englische und französische Erfindungen in den Schatten.

Von dem Leistungsstand ihres Feuerwehrkorps überzeugten sich die Päpste durch Feuerwehrübungen und -präsentationen im Vatikan, denen sie persönlich beiwohnten. Das Interesse der Römer an diesen Darbietungen war so groß, dass der Majordomus des Papstes den Zutritt durch „biglietti“, Eintrittskarten, regeln musste. Wenige Wochen vor dem Ende des alten Kirchenstaates, am 3. Juli 1870, konnte Pius IX. (1846-1878) im Belvederehof des Vatikans noch einer großangelegten Demonstration zuschauen, während deren Verlauf ihm die neuesten Löschapparate und Spezialleitern vorgeführt wurden. Bei dieser Gelegenheit wurde erstmals eine Leiter gezeigt, die mit ihren verschieden aufeinander geschobenen Teilen schnell eine erhebliche Höhe erreichte, um Personen aus Gefahren zu retten.

Nach der Besetzung Roms am 20. September 1870 und der Einverleibung des Kirchenstaates in das Königreich Italien blieb die im Vatikan stationierte Einheit der Vigili del Fuoco in verkleinertem Umfang bestehen; ihr Quartier nahm sie in einem Gebäudetrakt beim Damasushof des Vatikanpalastes. In der Regierungszeit Papst Leos XIII. (1878-1903) kam der päpstlichen Feuerwehr auch die Aufsicht über den durch Wasserkraft betriebenen Aufzug zu, der Besucher des Vatikans in die Gemächer des Papstes brachte.

Dieser seltsam anmutende  Fahrstuhl  ersetzte eine noch seltsamere Konstruktion aus der Barockzeit – der barocke Aufzug wurde durch besonders kräftige Männer, die sich in einer Art Tretmühle befanden, in einem schwierig zu dirigierenden Manöver in die Höhe gehievt; die letzte Persönlichkeit, die mit diesem Fahrstuhl den Papst aufsuchte, war Eduard VIII. gewesen, als er noch Prince of Wales war.

Am 11. Februar 1929 wurde mit den Lateranverträgen die Aussöhnung von Kirche und italienischem Staat besiegelt. Für die Feuerwehr des Papstes blieb zunächst alles beim alten. Erst im Jahre 1941 entschloss sich Papst Pius XII. (1939-1958), das Corpo dei Vigili del Fuoco neu zu ordnen. Die vatikanische Feuerwehr wurde der Gouverneursbehörde des Vatikanstaates (Direzione Generale dei Servizi Tecnici – Generaldirektion der Technischen Dienste), unterstellt. Sie bestand aus zehn Mann, ausgewählt aus den technischen Diensten des Vatikans, die unter der Leitung zweier Offiziere in zwei Geschwadern Dienst taten.

Ihre Ausbildung erhielten die Vigili in der „Scuola Centrale Antincendi di Roma“, der Zentralschule Roms für Brandbekämpfung. Dem Korps wurde ein neues Quartier im Belvederehof des Vatikans zugeteilt. Der Papst ließ den Ausrüstungsbestand überprüfen und durch neue Geräte ergänzen; zudem ordnete er neue Brandschutzbestimmungen an und übertrug ihre Überwachung den Vigili.      

Schon im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges bewährte sich die Neuorganisation. Obschon der Vatikanstaat als neutraler Staat von allen Mächten offiziell anerkannt war, fielen dennoch mehrfach Bomben alliierter Flugzeuge auf sein Hoheitsgebiet. Der schwerste Vorfall ereignete sich am Abend des 5. November 1943. Gegen 20.10 Uhr warf ein Flugzeug vier Bomben über den Vatikan ab. Der erste Sprengsatz ging vor dem Palazzo dei Tribunali (Gerichtspalast) nieder, die zweite Bombe explodierte nahe der Apsis der Petersbasilika, die dritte hinter dem vatikanischen Gouverneurspalast, die letzte der Bomben detonierte zwischen dem Bahnhof des Kirchenstaates und dem abessinischen Priesterkolleg. Die Feuerwehr war nur wenige Minuten nach dem Angriff zur Stelle.

2002 wurde ein neues Gesetz zur Verwaltung des Vatikanstaates erlassen. Die vatikanische Feuerwehr ordnete der Papst der neu geschaffenen „Direktion der Sicherheitsdienste und des Zivilschutzes“ zu. Aktuell verfügt das Korps an die dreißig Feuerwehrleute, die unter einem Kommandanten und zwei Geschwaderführern ihren Dienst leisten. Ihre Dienstzeit umfasst vierundzwanzig Stunden, auf die jeweils ein arbeitsfreier Tag folgt. Alle vierzehn Tage wird eine Freizeit von zweiundsiebzig Stunden gewährt. Die Arbeitsuniform des Korps – je nach Jahreszeit aus leichtem oder schwerem Tuch – ähnelt der Uniform der italienischen Feuerwehr und ist von kastanienbrauner Farbe.

Die vatikanische Feuerwehr ist der heilige Barbara anvertraut. Die im 4. Jahrhundert in Kleinasien verstorbene Märtyrerin teilt sich das Patronat jedoch mit dem heiligen Leo IV., der im Jahre 847 beim Brand des Borgo, des Viertels rund um St. Peter, dem Feuer durch eine Segensgeste Einhalt geboten hatte (im Papstpalast, in den Stanzen Raphaels, ist diese Szene in einem berühmt gewordenen Fresco verewigt worden).

Detaillierte Angaben zur Ausrüstung sind nur wenige bekannt. Für das Jahr 1995 sprach Niccolò Del Re in seinem Buch „Mondo Vaticano“ von drei Feuerwehrautos und zwei Leiterfahrzeugen, die eine Leiter ausgefahren 30 Meter lang, die andere 12 Meter. Die Anschaffung moderner Ausrüstungsgegenstände und Fahrzeuge wurde in neuerer Zeit durch Geld- und Sachspenden ermöglicht. So übergaben am 28. Oktober 1998 oberösterreichische Feuerwehrleute ihren vatikanischen Kollegen ein neues Fahrzeug. Zu den Sponsoren des Wagens gehörten neben den Feuerwehren und der Landesregierung Oberösterreichs auch die Raiffeisenbank des Bundeslandes. Angeregt worden war die Spende durch den verstorbenen, aus der Diözese Linz stammenden  Kurienerzbischof Dr. Alois Wagner. Im November 2005 erhielt Papst Benedikt XVI. von DaimlerChrysler Italia einen Mercedes Benz Econic überreicht; der Löschwagen eignet sich besonders für die engen und verwinkelten Straßen der Vatikanstadt.

Im Quartier des Korps befinden sich auch die zentralen Alarmanlagen des päpstlichen Palastes, die mit allen Nebengebäuden wie den Vatikanischen Museen, der Bibliothek, dem päpstlichen Geheimarchiv, der Druckerei und der Audienzhalle verbunden sind. Das besondere Augenmerk der päpstlichen Feuerwehr gilt St. Peter. Jeden Abend, nach der Schließung der Basilika, unterziehen zwei Feuerwehrleute unter Mitwirkung der Sampietrini (Arbeiter der Dombauhütte von St. Peter) das Gotteshaus einer eingehenden Überprüfung. Die Hinzuziehung der Sampietrini ist nötig, denn niemand ist so gut mit den geheimsten Winkeln der Basilika vertraut wie sie.

Bei kleineren und mittleren Bränden vertraut man im Vatikan ganz auf die Professionalität der eigenen Feuerwehr. Für größere Brände liegt im Governatorat des Vatikanstaates, der weltlichen Regierung des Kirchenstaates,  ein Katastrophenplan bereit, der auch den Einsatz italienischer Feuerwehrkräfte mit einschließt.