Die Folgen des arabischen Frühlings

Christen im Nahen Osten mehr Zielscheibe von Übergriffen

Rom, (ZENIT.org) P. John Flynn LC | 637 klicks

Während der Konflikt in Syrien anhält, herrscht in anderen Ländern wie Ägypten trotz des vollzogenen Regimewechsels nach wie vor große Sorge um das Schicksal der Christen.

In der vergangenen Woche wurden der syrisch-orthodoxe Erzbischof Gregorios Yohanna Ibrahim und sein griechisch-orthodoxer Amtsbruder Bulos Jasidschi im Dorf Kfar Dael Opfer einer Entführung. Bei den Tätern handelte es sich nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters vom 22. April 2013 um eine „terroristische Gruppe“.

Im vergangenen September hatte Erzbischof Ibrahim Reuters von grausamen Angriffen auf und Entführungen von Christen berichtet sowie von hohen Lösegeldern, die Familienangehörigen für den Freikauf aufbringen müssten.

Die ersten Pressemitteilungen verbreiteten die Nachricht von der Befreiung der Erzbischöfe, was von Jean-Clement Jeanbart, dem griechisch-melkitischen Erzbischof von Aleppo, später jedoch dementiert wurde (vgl. „Asia News“, 24. April 2013).

Am 22. April 2013, dem Tag der Entführung, veröffentlichte die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) ein Sonderdossier mit dem Titel „Schutz und Förderung der Religionsfreiheit in Syrien“.

In religiöser Hinsicht ist Syrien traditionell ein heterogenes Land. 75 Prozent der Gesamtbevölkerung von 22 Millionen Menschen sind sunnitische Muslime, wobei Alawiten, Christen und Drusen bedeutende Minderheiten bilden.

Laut dem Dossier stelle der derzeit herrschende Konflikt eine Bedrohung für die religiöse Vielfalt Syriens dar, da die Mitglieder der kleinsten Minderheitengruppen entweder aus dem Land fliehen oder in einem Syrien nach Assad einer unsicheren Zukunft entgegenblicken.

Das Dossier richtet sowohl an die USA als auch an die anderen Staaten den Aufruf, die Maßnahmen zum Schutz der Minderheiten und der Religionsfreiheit umzusetzen.

Die amerikanische Nachrichtenagentur räumte zwar ein, dass die Lage in Syrien auch vor dem derzeitigen Aufstand keineswegs intakt gewesen sei, betonte jedoch, dass ein Mindestmaß an Religionsfreiheit einschließlich der Freiheit des Kultes vor allem für die kleinsten religiösen Minderheiten des Landes, zu denen die Christen zählen, existiert habe.

Dennoch habe die Regierung die Wahl der sunnitischen Imams kontrolliert und deren Religionsfreiheit beschränkt.

Darüber hinaus schreibt das Dokument der Regierung die Verantwortung für eine jahrzehntelange Politik der Unterdrückung der sunnitischen Mehrheit sowie für eine Verschärfung der Feindschaft zwischen den religiösen Minderheiten zu.

Zugleich seien die während der gewalttätigen Aufstände neutralen religiösen Gemeinden von den Oppositionskräften als Komplizen der Regierung betrachtet worden.

„In dem Maße, in dem sich die parteiischen Gräben vertiefen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die religiösen Gemeinschaften ins Visier geraten; nicht aufgrund ihrer politischen Verbindungen, sondern allein wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit“, heißt es in dem USCIRF-Dossier.

An späterer Stelle ist darin Folgendes zu lesen: „Das Sektierertum ist im Steigen begriffen. Die religiös motivierten Angriffe wurden vom Assad-Regime und dessen Delegierten und manchmal von den Oppositionskräften perpetuiert, die einen Sturz beabsichtigen und dabei Verletzungen der Religionsfreiheit begehen.“

„Diese Verletzungen stellen auch für die religiöse Vielfalt Syriens eine Bedrohung dar, wobei die Wahrscheinlichkeit für religiös motivierte Verstöße und andauernde Racheakte im Syrien nach al-Assad steigt und religiöse Minderheiten besonders verletzlich werden“, heißt es weiter.

Ägypten ist ein weiteres Land, in dem Christen Bedrohungen ausgesetzt sind. Nach Berichten der BBC vom 3. Januar 2013 herrsche dort die Angst, dass die kürzlich verabschiedete Verfassung nicht imstande sei, die Rechte der Christen zu schützen.

Eine ägyptische Frau und ihre sieben Kinder wurden zu schweren Haftstrafen verurteilt, weil sie unrechtmäßige Änderungen an ihren Ausweisen vorgenommen hatten (vgl. „Russia Today“, 16. Januar 2013). Die Familienmitglieder wollten nach dem Tod des muslimischen Familienvaters erneut ihre christlichen Namen annehmen.

Nadia Ali Mohamed war als Christin geboren worden, nach der Hochzeit mit Mustafa Abdel-Wahab jedoch zum Islam konvertiert. Nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahre 1991 wollte die Frau zum Christentum zurückkehren.

Im Jahr 2004, nach der Rückkonvertierung zum Christentum, ließ die Familie die muslimischen Namen auf den Pässen durch christliche Namen ersetzen. Die gesamte Familie wurde wegen Verletzung des Namensänderungsgesetzes zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Unterdessen setzen sich die von islamischen Gruppen verübten Anschläge auf christliche Gebäude fort, ohne dass die Polizei oder Sicherheitskräfte sich besonders darum bemühen, diese zu verhindern. Am vergangenen 16. Januar berichtete die „Assyrian International News Agency“ von der Zerstörung des Zentrums der sozialen Dienste der koptischen Kirche durch Hunderte von Muslimen, während islamische Slogans angestimmt wurden. Das Gebäude befand sich in dem im Bezirk Tamia gelegenen Dorf Fanous in der Provinz Fayoum, 130 Kilometer süd-östlich von Kairo.

In einem zu Beginn dieses Monats begangenen Anschlag bewarf eine Gruppe die koptische Kathedrale St. Markus mit Steinen und Bomben (vgl. „New York Times“, 8. April 2013).

Laut einem Zitat aus der „New York Times“ schildert Wael Eskandar, ein christlich-koptischer Aktivist, die Tat folgendermaßen: „Die Polizei unternimmt nichts, um uns zu schützen oder die Gewalt zum Stillstand zu bringen. Im Gegenteil: Sie unterstützt Zivilisten aktiv dabei, Attentate auf Christen auszuführen.“

Dem Angriff ging ein mehrere Tage währender Konflikt voraus, der mit einer bewaffneten Auseinandersetzung, der den Tod von Muslimen und eines Christen zur Folge hatte, seinen Höhepunkt erreichte.

Der koptische Papst Tawadros II. konfrontierte Präsident Mohammed Mursi, ein Mitglied der muslimischen Bruderschaft, mit dem Vorwurf, die Kathedrale nicht beschützt zu haben: Die „Washington Post“ sprach in einem am 18. April veröffentlichten Artikel in diesem Zusammenhang von einer „unverhohlenen Kritik sondergleichen“.

Die Spannungen halten an; in den vergangenen Wochen kamen bei Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und koptischen Christen in Ägypten zehn Personen ums Leben (vgl. „Al-Jazeera“, 22. April 2013).

In den Ländern des Nahen Ostens sind die Aussichten für Christen nach wie vor äußerst schwierig. Dennoch scheinen sich weder die Regierungen des Westens noch internationale Institutionen besonders intensiv mit der Frage zu beschäftigen.