Die Frage nach dem Leid: P. Raniero Cantalamessa betrachtet das Lamm Gottes

Kommentar zum Evangelium des 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

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ROM, 18. Januar 2008 (ZENIT.org).- Das Leid jener Menschen, die voller Güte und ganz ohne Schuld sind, steht im Mittelpunkt des Kommentars von Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa zu den Lesungen des kommenden Sonntags (Jes 49,3.5-6; 1 Kor 1,1-3; Joh 1,29-34). Die wahre Größe des Menschen kommt nach Worten des Predigers des Päpstlichen Hauses vor allem in der Leidensfähigkeit zum Vorschein.



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Seht, das Lamm Gottes!

Im Evangelium hören wir Johannes den Täufer, der Jesus aller Welt vorstellt und dabei ausruft: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ Das Lamm ist in der Bibel - genauso wie in einigen Kulturen - das Symbol der Unschuld, denn es fügt keinem ein Leid zu; Leid kann ihm nur angetan werden. In Fortführung dieser Symbolik wird Christus im ersten Petrusbrief „das Lamm ohne Fehl und Makel“ genannt: Es „wurde geschmäht, schmähte aber nicht; (es) litt, drohte aber nicht.“ Jesus ist mit anderen Worten der Unschuldige schlechthin; der Unschuldige, der leidet.

Es ist gesagt worden, dass der Schmerz der Unschuldigen „der Fels des Atheismus“ sei. Nach Auschwitz stellte sich dieses Problem in noch schärferer Weise: Die Bücher und Dramen, die zu diesem Thema geschrieben wurden, sind unzählbar. Man scheint in einem Prozess zu sein und die Stimme des Richters zu vernehmen, der dem Angeklagten befiehlt aufzustehen. Der Angeklagte ist in diesem Fall Gott beziehungsweise der Glaube.

Was kann der Glaube auf all dies antworten? Es ist vor allem notwendig, dass wir alle, Gläubige und Nichtgläubige, eine Haltung der Demut annehmen. Denn wenn der Glaube nicht imstande ist, Schmerz und Leid zu „erklären“, so ist es noch weniger die Vernunft. Das Leid der Unschuldigen ist zu rein und zu geheimnisvoll, als dass es in unsere armseligen Erklärungsversuche aufgenommen werden dürfte. Jesus selbst, der sicher mehr erklären konnte als unsereins, wusste angesichts des großen Schmerzes der Witwe von Naim und der Schwestern des Lazarus nichts Besseres zu tun als zu weinen.

Die christliche Antwort auf das Problem des Leidens der Unschuldigen liegt in einem Namen: Jesus Christus! Jesus ist nicht gekommen, um uns gelehrte Erklärungen zum Schmerz zu geben, sondern er ist gekommen, um ihn still auf sich zu nehmen. Und indem er ihn auf sich genommen hat, hat er ihn von innen her verwandelt: Aus einem Zeichen der Verfluchung hat er aus ihm ein Instrument der Erlösung gemacht. Ja, mehr noch: Er hat den Schmerz zum Wertvollsten gemacht, zum Größten dieser Welt!

Die wahre Größe eines Menschen lässt sich von der Tatsache her ermessen, dass er so wenig Schuld wie möglich auf sich lädt, dafür aber so viel Sündenschmerz wie möglich. Die Größe besteht also nicht so sehr in dem einen oder anderen an sich, das heißt in der Unschuld oder im Leiden, sondern vielmehr in der gleichzeitigen Gegenwart von beiden. Dies ist eine Art des Leidens, die zu Gott führt. Nur Gott leidet nämlich, wenn er leidet, als Unschuldiger in absolutem Sinn.

Jesus aber hat nicht nur dem unschuldigen Leid Sinn verliehen; er hat ihm auch neue Macht verliehen, eine geheimnisvolle Fruchtbarkeit. Schauen wir doch, was aus dem Leiden Christi erwachsen ist: die Auferstehung und die Hoffnung für das ganze Menschengeschlecht!“ Richten wir unseren Blick aber auch auf das, was um uns herum geschieht. Wie viele Energien und heldenhafte Haltungen werden dank der Annahme eines behinderten Kindes, das für Jahre ans Bett gefesselt ist, bei Eheleuten freigesetzt! Wieviel unerwartete Solidarität zeigt sich in ihrem Umfeld! Wieviel Fähigkeit zu lieben, die andernfalls unerkannt geblieben wäre!

Das Wichtigste aber, wenn man vom Leid unschuldiger Menschen spricht, ist nicht, es zu erklären. Das Wichtigste ist, es nicht durch unsere Taten und Unterlassungen zu vergrößern. Und damit, dieses Leid nicht anwachsen zu lassen, ist es noch lange nicht getan. Man muss auch versuchen, das vorhandene Leid zu lindern! Angesichts eines kleinen Mädchen, das vor Kälte zitterte und vor Hunger weinte, rief ein Mann eines Tages in seinem Herzen zu Gott: „O Gott, wo bist du? Warum tust nichts für dieses unschuldige Kind?“ Und Gott antwortete ihm: „Gewiss habe ich etwas für es getan: Ich habe dich geschaffen!“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]