Die Freude an der Fülle des Katholischen

Zur Neuauflage eines klassischen Werkes von Leo Kardinal Scheffczyk

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Von Manfred Hauke



WÜRZBURG, 22. Januar 2009 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die gegenwärtige Situation der Kirche im deutschsprachigen Raum ist nach wie vor gekennzeichnet durch den fortschreitenden Niedergang der Glaubenspraxis. Pfarreien werden zu anonymen pastoralen Einheiten zusammengelegt, Kirchen müssen abgerissen oder umgewidmet werden und die Statistiken über die aktive Teilnahme am Leben der Glaubensgemeinschaft sinken weiter. Ein solcher geistiger Zusammenbruch erklärt sich nicht zuletzt durch die mangelnde Freude der Katholiken über das eigene Katholischsein. Schon in den 60er Jahren kursierte im französischen Sprachraum ein geflügeltes Wort: „Was ist ein Katholik? Ein Katholik ist ein Mensch, der an alle Religionen glaubt - außer an seine eigene". Der im Sinne des Relativismus praktizierte interreligiöse Dialog und der real existierende Ökumenismus haben den Stolz und die Freude über das Geschenk des katholischen Glaubens auf breiter Front zurückgedrängt. Viele Katholiken entschuldigen sich geradezu dafür, noch katholisch zu sein.

In dieser Situation des Zerfalls gibt es, Gott sei Dank, auch einige Zeichen der Hoffnung und des Neuaufbruchs. Dazu gehört sicherlich die Leitung der Kirche durch Papst Benedikt XVI., dessen gehaltvolle Verkündigung gerade auch im deutschsprachigen Raum viele Menschen, selbst außerhalb der Kirche, aufhorchen lässt und die Fülle der Wahrheit Christi in der Gemeinschaft der Kirche anziehend nahebringt. Zu den Zeichen der Hoffnung gehören aber auch die international wirksamen Bemühungen, das theologische Lebenswerk von Leo Kardinal Scheffczyk zur Geltung zu bringen. Das vielleicht originellste und typischste Buch des schlesischen Kardinals (1920-2005) erschien zuerst im Jahre 1977 unter dem Titel „Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt" (in zweiter Auflage 1978). Nach 30 Jahren wird es nun erneut vorgelegt, eingeführt durch ein Interview mit Papst Benedikt XVI. über Leo Scheffczyk sowie ein biographisch-theologisches Porträt von dem Herausgeber der Neuauflage, Johannes Nebel FSO (von der geistliche Familie „Das Werk").

Die Wahrheit ist eine lebendige Kraft

Dem Werk von Scheffczyk geht es um die Frage: „Was ist eigentlich katholisch?" Der Theologe selbst betont in seinem Vorwort, dass es eine Menge Arbeiten gibt über das „Wesen des Christentums", das „Christliche" usw., während das theologische Nachdenken über das spezifisch Katholische in der neueren Theologie vergleichsweise schwach ausgeprägt ist. Dahinter steht nicht zuletzt ein falsch verstandener Ökumenismus, der die Frage nach der eigenen Identität oder dem eigenen Wesen als störend empfindet.

Jedenfalls ist es nicht einfach, die Fülle des Katholischen in einen einzigen Begriff zu fassen. Manche außenstehende Beobachter, wie der ehemalige Katholik und spätere Protestant Friedrich Heiler, haben das Katholische als widersprüchliches Konglomerat von widerstrebenden Elementen gedeutet. Diese Auffassung findet sich faktisch auch bei all jenen Katholiken, die alles Gesetzhafte, Institutionelle, Dogmatische und Hierarchische in der Kirche überwinden wollen.

Scheffczyk dagegen geht aus von dem Eigenschaftswort „katholisch", das sich schon bei dem Märtyrerbischof und Apostolischen Vater Ignatius von Antiochien findet. Das Adjektiv weist auf die Universalität der Kirche, welche die ganze Welt umfassen möchte, aber auch auf die Fülle ihres Wahrheits- und Heilsgehaltes für alle Menschen. Dabei erscheint das Katholische „als lebendige Wirklichkeit und als konkrete Gestalt". Die Wahrheit des Katholischen ist nicht etwas rein Theoretisches, sondern eine „lebendige Kraft", die das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft formt (Scheffczyk, S. 1). Scheffczyk schaut also auf die konkrete Gestalt der vom Glauben her geprägten katholischen Kirche, um dann gleichsam in einer „Wesensschau" zentrale Wahrheiten zu formulieren. Wichtige Anregungen findet er dazu bereits in der Tübinger Schule des 19. Jahrhunderts. Johann Adam Möhler, dessen „Symbolik" das Glaubensbekenntnis der Katholiken und Protestanten auf den Punkt bringt, betont den „organischen" Zusammenhang der Glaubenslehren untereinander. Danach müssen die Teile eines Systems immer in ihrer Stellung zum Ganzen angeschaut und auf die beherrschende Grundidee bezogen werden. Möhler sieht den tiefsten Grund der Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten im unterschiedlichen Verhältnis des Menschen zu Gott.

Während im katholischen System die göttliche und menschliche Tätigkeit sich miteinander verbinden, dringt nach reformatorischer Vorstellung der göttliche Geist in den Menschen ein ohne dessen Mitwirkung. Möhler betont die Einheit zwischen Göttlichem und Menschlichem, die ihr Vorbild im Gottmenschen Jesu Christi selbst findet.

Auch Scheffczyk geht von der Grundidee des Gottmenschlichen aus, bleibt aber nicht dabei stehen. Das Katholische ist eine komplexe Wirklichkeit, die nicht mit einem einzigen Prinzip gekennzeichnet werden kann. Es reicht nicht, das katholische „sowohl - als auch" (et-et) dem reformatorischen „allein" entgegenzustellen (solus Deus, sola scriptura, sola fide). Im Sinne von John Henry Newman geht Scheffczyk aus von der „Idee" des Katholischen, vom organischen Ganzen des Glaubens, um einen „synthetischen Blick" auf das Wesentliche zu gewinnen. Diese geistige Vergewisserung ist wichtig auch für das ökumenische Anliegen, das die „Identitätsbestimmung des eigenen Seins" voraussetzt. Ohne geistige Klarheit führt die Ökumene nicht zur wahren Einheit, „sondern nur zu einer willkürlichen Zusammenschließung von Bruchstücken" (S. 19). Die Förderung der Einheit in der Wahrheit muss darum beginnen in Bezug auf die eigene Konfession als „Ökumenismus nach innen". Bevor Scheffczyk bestimmte Glaubenswahrheiten und Lebensprinzipien darlegt, widmet er sich den Leitideen, die sich in allen Lebensäußerungen des Katholizismus finden und sie von innen her bestimmen: die „Formelemente" des Katholischen. Dazu gehört das katholische „et-et" (sowohl - als auch), das Gott und Mensch miteinander verbindet. Im Anschluss an Hans Urs von Balthasar vergleicht Scheffczyk das katholische Denken mit einer Ellipse, die zwei Brennpunkte besitzt, wobei freilich der erste Brennpunkt stärker zu betonen ist: Gott und Welt, Gnade und Natur. Die einigende Kraft zwischen den beiden Brennpunkten liegt in Gott selbst, der die geschaffene Wirklichkeit teilhaben lässt an seinem Wirken.

Ein weiteres Formelement des Katholischen ist die Universalität, also der Anspruch der Kirche, der gesamten Menschheit die Frohe Botschaft zu verkünden und das Heil zu bringen. Schon Ignatius von Antiochien betont, dass dort, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist (An die Smyrnäer 8,2). Die Kirche kann demnach nicht getrennt werden von der Anwesenheit Jesu Christi. Das Adjektiv „katholisch" ist dabei verbunden mit dem universalen Wahrheitsanspruch, durchaus auch im Unterschied zu den Gemeinschaften, die sich von der apostolischen Nachfolge und der Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri gelöst haben. Jesus Christus hat nicht viele Kirchen gegründet, sondern nur eine einzige. Dieser universale Anspruch ist nicht in gleicher Weise bei den anderen Weltreligionen zu finden. Scheffczyk zeigt dies im Blick auf den Buddhismus (zu dessen Wesen die Weltverneinung gehört), den Hinduismus (der ein pluralistisches Konglomerat verschiedener Auffassungen darstellt) und den Islam (bei dem die Gehalte der Gnade und der Erlösung nicht zum Zuge kommen). Dem Islam fehlt also die Dimension des Gnadenhaften und des Übernatürlichen, die im Geheimnis des dreifaltigen Gottes wurzelt. Im Christentum gründet die Universalität in der Sendung des Heiligen Geistes und in der Menschwerdung Gottes. Indem die Schöpfung durch das ewige Wort geschieht, ist das Christentum in die Universalität des Kosmos eingestiftet. Darum richtet sich das Christentum auf das Ganze, auf die ganze Welt und auf den ganzen Menschen.

Nach dem katholischen „und" sowie der Universalität stellt Scheffczyk als drittes Formelement des Katholischen den Heilsrealismus vor. Damit ist gemeint, dass das Heil aus dem geistigen Bereich auch in die materielle, kosmische, sinnenhafte und geschichtliche Sphäre eindringen will. Das Katholische unterscheidet sich darin von einem abstrakten Idealismus, der unter dem Einfluss Hegels das Christentum nur als erhebendes Gedankensystem und religiöses Programm versteht, unter Ablösung von allem Institutionellen und Gegenständlichen.

Mit dem Idealismus ist der theologische Existenzialismus verwandt, dessen Hauptvertreter Rudolf Bultmann alle Wunder leugnet, einschließlich der leiblichen Auferstehung Jesu. Der Heilsrealismus des Christentums ist dagegen verwurzelt im Ereignis der Menschwerdung Gottes. Nach dem Johannesevangelium ist das „Wort" „Fleisch geworden" (Joh 1,14). Das Christentum ist darum „keine Idee, kein Programm, kein Existential des Menschen". Nein: es ist zusammengefasst „in der Person des Gottmenschen" (S. 79f). Sowohl beim Hegelschen Idealismus als auch beim theologischen Existenzialismus fehlt die personale Begegnung mit Gott in Jesus Christus.

Der Heilsrealismus führt zum vierten Formelement des Katholischen, dem des Geheimnisses, das sich konkret in den Sakramenten der Kirche zeigt: ein sichtbares Zeichen vermittelt aufgrund seines Ursprungs in Christus die unsichtbare Gnade. Die sakramentale Struktur ist das fünfte Formelement, das Scheffczyk hervorhebt. Die sakramentale Struktur der Kirche ergibt sich aus dem Heilsuniversalismus, dem Heilsrealismus und dem Geheimnis. Alle diese Strukturen weisen zurück auf das Gottmenschliche als „Urstruktur des Katholischen" (S. 118).

Nach den „Formelementen" beschreibt Scheffczyk einzelne zentrale Lehrelemente der katholischen Glaubenswelt: das Dogma als Ausdruck der „inkarnatorischen Struktur", das Christusgeschehen als Zentrum, die Auferstehung als Schlüssel zum Persongeheimnis Christi, die Kirche als Universalsakrament, die Eucharistie als Konzentration des Lebensgeheimnisses der Kirche und die Bedeutung Marias als Exponent katholischen Glaubens. Ein weiterer Schritt kennzeichnet wichtige „Lebenselemente" des Katholischen: Glaube und Leben, Lebensganzheit aus Natur und Gnade, die Kirchlichkeit katholischer Glaubenshaltung, Aktion und Kontemplation.

In einem „Epilog" äußert sich Scheffczyk zu den „Aussichten des Katholischen". Mit aller Klarheit diagnostiziert er die gegenwärtigen Krisensymptome innerhalb der Theologie: der „Schwund des dogmatischen Glaubens", „die Ablösung des Ethos von diesem Glauben" und „die Unsicherheit im Weltverhältnis" (S. 260). Dagegen stellt der Theologe als Heilmittel den „Mut zum Anderssein, das bewusste Existieren unter den Bedingungen einer kognitiven Minderheit und Konzentration auf das eigene Wesen". Scheffczyk schließt mit folgenden Worten: „Gegen die heute möglicherweise aufkommende Furcht, dass diese Minderheit sich ins Mikroskopische zurückbildet, steht einmal der Glaube an die der Kirche gegebene Verheißung, zum anderen die natürliche Überzeugung, dass es auch in der modernen Welt die Sehnsucht nach dem Transzendenten und nach dem Heiligen gibt, die von der Kirche erfüllt werden muss. Die daraus entspringende Hoffnung ist aber nur der Gemeinde zugesagt, welche die ,erste Liebe‘ nicht aufgibt und beim Ursprung bleibt. Darum darf man die Augen auch vor der anderen Möglichkeit nicht verschließen, dass für eine anders geartete Gemeinde (oder Kirche), der Leuchter von seinem Platz weggerückt‘ wird (Apk 2, 5)" (S. 263).

Noch ebenso aktuell wie vor dreißig Jahren

Einige Jahre vor dem Tod des Kardinals fragte ihn der Rezensent, ob er nicht daran denke, sein gewichtiges Werk über die „Katholische Glaubenswelt" neu aufzulegen. Scheffczyk erwiderte, dies würde er gerne unternehmen, wolle aber zuvor noch einige Aktualisierungen aufnehmen. Dazu ist der Kardinal nicht mehr gekommen, aber sein Werk erscheint im Großen und Ganzen auch heute noch genauso aktuell wie vor 30 Jahren. Was zu Lebzeiten des Theologen nicht Wirklichkeit werden konnte, ist nunmehr (durch Johannes Nebel) vonseiten der geistlichen Familie „Das Werk" nachgeholt worden, der Scheffczyk über 20 Jahre angehörte und die er zur Verwalterin seines Nachlasses bestimmt hat. Der Text und die Anmerkungen wurden überprüft. Für die Zitation lehramtlicher Texte wurde die aktuelle Ausgabe des Denzinger berücksichtigt. In Kursivdruck eingearbeitet wurden auch die Seitenzahlen des Buches aus den beiden früheren Auflagen (1977, 1978). Das Register der Schriftstellen, Personen und Sachen wurde ergänzt durch eine abschließende vollständige Literaturliste. Dabei herausgekommen ist eine wirklich vorbildliche Werkausgabe.

Scheffczyk selbst hat noch in den letzten Jahrzehnten kleinere Beiträge zum Thema verfasst, die eine Aktualisierung gestatten würden. Sie werden in der Einführung von Johannes Nebel genannt (S. XXI, Anm. 35). Diese Einführung bildet in aller Kürze ein kundiges Porträt des Lebenslaufes und der theologischen Prägung von Leo Scheffczyk (S. XIII-XXX). Ein Glanzstück der Neuveröffentlichung ist zweifellos die Voranstellung eines Interviews von Pater Nebel mit Papst Benedikt XVI. vom 11. November 2006. Darin schildert der Heilige Vater seine Erinnerungen an Leo Scheffczyk, wobei sich eine tiefe Dankbarkeit und Wertschätzung zeigt. Papst Benedikt XVI. erwähnt die Tiefe des Denkens, die Gelehrsamkeit, den Mut und die Klarheit des Theologen. Durch sein Kardinalat ist er „sozusagen zu einer ,kirchenöffentlichen‘ Gestalt geworden", die in den großen Disputen der Gegenwart nicht mehr überhört werden konnte (S. XII). Die Neuausgabe eines der wichtigsten Werke von Scheffczyk trägt dazu bei, dass seine Stimme auch in der Gegenwart weiterwirkt. Vielleicht macht die vorbildliche Neuauflage im Schöningh-Verlag Mut, auch weitere vergriffene Bände seines Werkes mit einer ähnlichen Akkuratheit neu herauszubringen.

[Leo Scheffczyk: Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt. Mit einem Interview mit Papst Benedikt XVI. und einer Einleitung von Johannes Nebel, Schöningh-Verlag, Paderborn, 2008, 3. durchgesehene Auflage, 292 Seiten, EUR 29,90; © Die Tagespost vom 22. Januar 2009]