Die Freude der Weihnacht ausstrahlen!

Predigt von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, am 1. Weihnachtstag, 25. Dezember 2013

Bonn, (DBK PM) | 499 klicks

Wir übernehmen im Folgenden die Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch,  am 1. Weihnachtstag, 25. Dezember 2013, in Freiburg.

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Schrifttexte: Jes 52,7-10; Hebr 1,1-6 - Joh 1,1-18 

Die Freude der Weihnacht ausstrahlen!

Liebe Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens,

Hoffnung ist uns geschenkt: Christus der Retter ist uns geboren! Was für eine Botschaft der Heiligen Nacht, die wir heute feiern. Deshalb ist es gut, dass auch wir uns an Weihnachten beschenken, um anderen eine Freude zu bereiten. Dies ist beinahe selbstverständlich Teil unserer Kultur und in der Tat ein wertvolles Zeichen der Verbundenheit.

Eines meiner schönsten Weihnachtserlebnisse war, wie ich von der Familie, bei der wir nach Vertreibung und Vernichtungslager im nordbadischen Oberschüpf aufgenommen wurden, im Jahr 1946 beschenkt wurde. Mir, dem Achtjährigen, haben sie Geschenke gegeben, als wäre ich ihr eigener Sohn. Da habe ich erfahren, was das Weihnachtsfest meint, das Menschen zusammen führt und in der Familie etwas von Gottes Liebe erfahren lässt. Als kleiner Junge war ich glücklich darüber. Und bis zum heutigen Tag freue ich mich über Weihnachtsgrüße und Geschenke, die zum Ausdruck bringen, dass wir aneinander denken. Umgekehrt erfüllt es mich, wenn ich mit einer kleinen Gabe bei Anderen Freude auslösen kann. Es ist wie das Lächeln, das wir weiter geben und das sich dadurch immer weiter ausbreitet. Wenn wir die Geschenke, die wir Anderen zu Weihnachten geben, recht verstehen und sie nicht selbst zum Eigentlichen machen, führen sie uns zum Kern dessen, was wir an Weihnachten feiern: zur Freude über die Geburt unseres Herrn Jesus Christus. 

Wir haben es soeben in der Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört. „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden verkündet, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt.“ (Jes 52,7) Diese Freude steht am Beginn unseres christlichen Glaubens. Es ist die Freude über die Geburt eines Kindes, und zugleich ist es weit mehr. Es ist die grundlegende Freude, die uns erfüllt, dass uns in der Geburt dieses kleinen Kindes in der Krippe Rettung verheißen ist. Wir können so noch besser verstehen, dass Papst Franziskus sein jüngstes Schreiben mit den Worten „Freude des Evangeliums“ einleitet. Es ist eine Freude, die nicht von uns organisiert oder selbst initiiert zu werden braucht, die uns vielmehr geschenkt wird, die ohne unser Zutun oder eigene Planung entsteht.

Zugleich ist sie die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht, die in uns Menschen steckt. Es ist die Sehnsucht danach, dass unser Leben einen Sinn hat, dass die vielen Freuden des Alltags nicht eine oberflächliche Aneinanderreihung von Bedeutungslosem sind, sondern dauerhaft Bestand haben. Es ist die Sehnsucht, auch dann getragen und gehalten zu sein, wenn wir und alle um uns herum nicht froh gestimmt sind. Wenn wir von Krankheit und Tod heimgesucht werden, wenn Leid und Not in unseren Familien um sich greifen und sich Sprachlosigkeit über Konflikte und Streit legt. Wenn alle selbst gemachte Freude zu kurz greift, suchen wir das Gehalten und Angenommen sein. Gerade dann gilt es, sich der Botschaft des Freudenboten zu öffnen, der Frieden verkündet und Rettung verheißt. Papst Benedikt hat dies in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ auf den Punkt gebracht: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“

Ja, liebe Schwestern, liebe Brüder, das ist das Entscheidende unseres Glaubens: das Geschenk, aus allen Sorgen und Nöten, von aller Unzulänglichkeit und Schwäche errettet zu werden. Wir haben dazu weder mit unserem Verstand einen Entschluss gefasst, noch ist unser Glaube ein Erziehungsmittel, um ein besseres Leben zu erreichen. Er beginnt in der Begegnung mit Jesus Christus, dem Kind in der Krippe. In ihm finden wir die Antwort auf die Fragen, die uns zutiefst bewegen. Hier finden wir wahre Freude, die auch dann anhält, wenn die „kleinen Freuden des Alltags“ durch Schicksalsschläge verdunkelt werden. Die Freude über die Geburt Jesu Christi geht tiefer, weil wir uns von ihm in allen Situationen getragen wissen und sie deshalb nicht Stimmungsschwankungen unterliegt.

Was damit gemeint ist, macht ein Bericht junger Menschen, die bei der Fahrt unserer Erzdiözese zum Weltjugendtag in Brasilien unterwegs waren, deutlich – er stimmt zugleich nachdenklich. Sie berichteten, wie sie während der Tage der Begegnung im Norden Brasiliens in einfachen Verhältnissen untergebracht waren. Und wie froh und glücklich die Menschen dort waren, die kaum das Nötigste zum Leben hatten, die aber Halt im Glauben fanden, die deshalb trotz aller Nöte eine Perspektive für ihr Leben hatten. Unsere Jugendlichen gestanden, wie beschämt sie waren. Sie spürten, wie sehr sich ihre eigenen Sorgen und die Unzufriedenheit, wenn sich ihre Pläne nicht realisieren lassen, in der Begegnung mit diesen Menschen relativierten. Besonders geprägt hat sie dabei eine Fahrt in die Favelas dieser Kleinstadt. Die Menschen dort nahmen sie mit einer Begeisterung auf, die sie bisher kaum kannten. Zur Begrüßung sagten sie ihnen voller Erstaunen: „Ihr kommt ja doch!“ Niemand hatte damit gerechnet, dass die reichen Besucher aus Deutschland sich tatsächlich für die Menschen im Armenviertel interessieren würden. „Ihr kommt ja doch!“

Das ist die tiefe und bleibende Freude, angenommen zu sein, ernstgenommen zu werden. Sie lebt nicht zuletzt von der Sehnsucht nach Beziehung und Liebe – gerade angesichts aller eigenen Unzulänglichkeit und Armut. Dies ist ein Schlüssel zum Verständnis von Weihnachten. Gott kommt ja doch zu uns. Obwohl wir es nicht verdient haben. Obwohl wir nichts dafür tun können und ihm kaum richtig antworten können, vor ihm mit „leeren Händen dastehen“, wie es in einem Kirchenlied heißt.

Gott liegt an der Beziehung zu uns Menschen. Und das macht uns unendlich reich. Es lässt uns echte Freude empfinden. Die Freude, zu erkennen, dass unsere Sehnsucht nach Sinn und Dauerhaftigkeit Erfüllung findet. Dazu brauchen wir nicht in erster Linie materielle Dinge, sondern vor Allem die Bereitschaft, die offene Hand, die Gott uns hinhält, zu ergreifen; ein Herz, das bereit ist, die Güte, mit der er uns begegnet, zu empfangen und selbst auszustrahlen.

Papst Franziskus führt uns dies vor Augen, wenn er betont, was es braucht, um wirklich Freude zu empfinden. So lesen wir in seinem Apostolischen Schreiben: „Die Versuchung erscheint häufig in Form von Entschuldigungen und Beanstandungen, als müssten unzählige Bedingungen erfüllt sein, damit Freude möglich ist. […] Ich kann wohl sagen, dass die schönsten und spontansten Freuden, die ich im Laufe meines Lebens gesehen habe, die ganz armen Leute waren, die wenig hatten, an das sie sich klammern können. Ich erinnere mich auch an die unverfälschte Freude derer, die es verstanden haben, sogar inmitten bedeutender beruflicher Verpflichtungen ein gläubiges, großzügiges und einfaches Herz zu bewahren. Auf verschiedene Weise schöpfen diese Freuden aus der Quelle der stets größeren Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus kundgetan hat.“

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn wir aus dieser Kraftquelle leben, können wir im Herzen von Freude getragen sein, auch wenn es um uns herum dunkel wird, weil das Licht der Liebe Gottes in uns leuchtet. Je mehr wir uns darauf einlassen, desto stärker erfahren wir, wie wertvoll und angesehen unser Leben, ja das Leben eines jeden und einer jeden Einzelnen vor Gott ist. Er selbst wird Mensch, lebt mitten unter uns Menschen, um uns zu zeigen: so wertvoll ist unser Leben. Es erhellt unser Leben, wenn wir uns immer neu dieser Zusage Gottes vergewissern und aus ihr Kraft schöpfen. Mit jedem Leben, das es auf Erden gibt, haben wir Anteil an seiner Verheißung. Wo wir das Leben achten und schützen, stehen wir in aktueller Verbindung zum Weihnachtsfest, das uns an die Schönheit und das Getragen-Sein des menschlichen Lebens erinnert.

Es muss uns deshalb beunruhigen, wenn im Europaparlament vor wenigen Wochen debattiert wurde, ob eine Empfehlung für alle Länder der Europäischen Union ausgesprochen werden soll, in der die Abtreibung eines Kindes aus dem Leib der Mutter als Menschenrecht eingefordert werden könnte. Dieser Antrag wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt. Er hatte die Umkehrung aller Werte zum Ziel! Weihnachten sagt uns, dass wir als Christen nicht zusehen können, wenn das Recht auf Leben in sein Gegenteil verkehrt wird!

Mit Papst Franziskus müssen wir all jenen, die meinen, durch die Unterstützung der Abtreibung einem modernen Gesellschaftsbild zu entsprechen, sagen: „Es ist nicht fortschrittlich, sich einzubilden, die Probleme zu lösen, indem man ein menschliches Leben vernichtet.“ Wer die Menschenrechte achtet und voller Ehrfurcht dem Leben dient, erfährt die Freude, die das Weihnachtsfest ausstrahlt.

Sie lebt von der zentralen Botschaft des christlichen Glaubens: Gott ist Liebe (Joh 4,16b)! Was Liebe heißt, kann jeder Mensch, der einen Säugling liebend in die Arme nimmt, ahnen. Gott wählt den Weg in unsere Welt als kleines, wehrloses Kind, weil er uns liebevoll begegnen will und um unsere Liebe wirbt. Beinahe unmerklich lädt er uns so dazu ein, seine Liebe zu erwidern und für das Leben einzutreten. Es ist uns Christen aufgetragen darauf zu achten, dass die Menschenrechte voll respektiert und nicht aufgeweicht werden!

Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Friedens. Wir erleben – Gott sei Dank – wie selbstverständlich in unserem Land und in Europa seit Jahrzenten Frieden; wir leben in Freiheit und schätzen dies. Gerade deshalb können wir unsere Augen nicht davor verschließen, dass es zahlreiche Krisenherde auf unserer Welt gibt. In Syrien, im Sudan oder in Nordkorea leiden so viele Menschen unter Krieg und Terror. Es sind oft die Christen, die besonders betroffen sind, denen die Freiheit, ihren Glauben zu leben, genommen wird. Unsere Freude über die Geburt Jesu Christi ist getrübt dadurch, dass es in unserer Welt so viele Menschen gibt, die Gewalt ausgesetzt sind. Wir sind herausgefordert, zu helfen: Flüchtlingen Heimat zu geben, um Frieden zu beten, zur Versöhnung beizutragen, die Freiheit des Anderen zu achten.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wo dies geschieht, da wächst die eigentliche und tiefe Freude, die dauerhaft Bestand hat und zu wirklicher Menschlichkeit führt. Es ist die Freude, von der uns der Bote berichtet. Die von innen trägt, nicht immer schnelle Antworten gibt und manchmal sogar in den alltäglichen Nöten und Anforderungen unterzugehen droht. Die aber stärker ist als alles Bedrängende, weil sie wahre Rettung verheißt, da sie Leben, Zuwendung und unverdiente Liebe schenkt. Weil Gott doch und trotz allem in unsere Welt und in unser Leben tritt und uns Erlösung und Heil zusagt. Das ist der bleibende Grund, der froh macht. So können wir nicht anders als diese Freude auszustrahlen. Christus der Retter ist wirklich geboren!