Die Freuden Chinas (Teil 3)

Monsignore „C“ baut seine Kirche aus dem Gefängnis auf

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Von Mark Miravalle*



STEUBENVILLE, 18. November 2008 (ZENIT.org).- Das zweite fröhliche Gesicht Chinas ist für gewöhnlich ein verstecktes. Hinter Mauern, hinter Gittern, hinter den Verboten der Behörden. Es ist ein Untergrundbischof, der der Kirche in China sein „weißes“ Martyrium schenkt, das teilweise droht, ein „rotes“ Martyrium zu werden, ein blutiges.

Wir werden ihn von nun an Monsignore „C“ nennen, das für „clandestine“ (geheim, verborgen) steht, im Gegensatz zum bereits erwähnten Bischof „O“, also der offiziellen „patriotischen“ Kirche angehörend.

Für Monsignore „C“ sowie für seine Leute ist es moralisch nicht vertretbar, der patriotischen Verbindung beizutreten. Aus dem einfachen Grund, dass er in diesem Falle in seiner Religion Kompromisse eingehen müsste, die nicht der Lehre der katholischen Kirche entsprächen.

Ohne unvorsichtigerweise auf Details einzugehen, kann gesagt werden, dass dieser Bischof nichts anderes tun kann, als Zeuge zu sein, für seinen katholischen Glauben und für seine kompromisslose Loyalität dem Heiligen Vater gegenüber. Und dies hat er auch stets getan, was ihm wiederholt Verfolgung, 20 Jahre Gefängnisaufenthalt und die Trennung von seiner Herde einbrachte. All dies, nur weil er sich weigerte, „Ja“ zu Peking und „Nein“ zu Christus zu sagen.

Wir reisen per Zug, um zu seiner Diözese zu gelangen, die mehrere Stunden von der nächsten Stadt entfernt liegt. Bei unserer Ankunft werden wir von einem jungen Mann mit recht auffallender Krawatte und ebensolcher Kleidung empfangen. Etwa so würde sich ein Bauer bei seinem ersten Besuch in einer großen Stadt kleiden. Wir verteilen uns auf zwei Autos und erreichen schließlich eine ländliche Gegend. Dann begreifen wir, dass der junge Herr, der uns zuvor empfangen hatte, Pater „X“ ist, ein Professor am Untergrundseminar.

Nach weiteren zwei Stunden Autofahrt erreichen wir schließlich einen kleinen Weg mit einem Gebäudekomplex, der den Blick, auf alles was sich dahinter befindet, versperrt. Man führt uns in einen kleinen Kreuzgang und von dort weiter in einen Saal.

Dann betreten zahlreiche Jugendliche das Zimmer. Pater „X“ stellt uns zwei weitere Priester vor, Pater „L“ und Pater „F“, sowie die restlichen anwesenden Personen, die Seminaristen. Auf meine Frage hin, ob es dieses Seminar schon seit langem gibt, erwidert Pater „X“, dass es sich ursprünglich an einem anderen Ort befunden habe, es jedoch in letzter Zeit öfters seinen Sitz wechseln musste. Daraufhin erinnere ich mich, dass wir während unseres letzten Besuches der Region an einem verlassenen Gebäude vorbeigefahren waren. Damals entgegneten mir die Anhänger der Untergrundkirche: „Das ist vorübergehend unser Seminar“.

Priesterweihe im Dunkeln

Die Erzählung von einer Priesterweihe gibt Einblick darin, was es bedeutet, sich in einer Untergrundkirche berufen zu fühlen: Ein Seminarist, der bereits in einem anderen Land theologisch ausgebildet worden und nun bereit für seine Weihe war, musste damit erst warten, bis der Bischof aus dem Gefängnis entlassen wurde. Als dann der Tag endlich kam, musste er sich bereithalten, um auf Abruf an einem bestimmten Ort zu sein. Es vergingen Wochen, ohne dass sich jemand bei ihm meldete. Seine Freunde und Kollegen aus dem Seminar schrieben ihm seit Monaten und wollten wissen: „Wann ist der Tag deiner Weihe?“ Der Seminarist konnte stets nur mit „Ich weiß es nicht“ antworten.

Endlich kam ein Anruf. Man sagte ihm, er solle sich zu einem bestimmten Gebäude begeben und dort im Dunkeln auf den Bischof warten. Der Seminarist kam früh morgens und wartete lange, ohne jemanden anzutreffen. Erst am Ende des Tages öffnete sich eine Tür im Obergeschoß und jemand kam die Treppe zu ihm hinunter. Es war der Bischof, in Begleitung eines Priesters. Schließlich wurde der Seminarist dort, im dunklen Keller, ohne die Anwesenheit seiner Verwandten oder Freunde, ganz allein, zum Priester geweiht, einem „Alter-Christus“ [einem „zweiten Christus“ – Anm. d. Red.].

Einige Wochen später erhielt der Frischgeweihte Post von seinen Mitbrüdern. Diese hatten von der Neuigkeit erfahren und baten ihn um Bilder der Weihe und des Festes. Doch es hatte nie eine öffentliche Zeremonie oder eine Feier im Rahmen einer Festgemeinschaft stattgefunden. Seine erste Messe hatte er am darauffolgenden Tag an einem geheimen Ort zelebriert. Seine Seminarkollegen anderswo auf der Welt konnten nicht begreifen. Und wir selbst verstehen auch oft nicht, was es bedeutet, Priester in Chinas Untergrundkirche zu sein.

Anfangs verhält man sich uns gegenüber verständlicherweise sehr zurückhaltend. Doch mit der Zeit öffnen sich die Priester und Seminaristen immer mehr theologischen und geistlichen Gesprächen. Gegen Ende unseres Aufenthalts erfahren wir großes Zutrauen, das unter anderen Umständen erst nach Jahren gewachsen wäre. Nach gegenseitigem Bewundern des Werkes von Monsignore „C“, verabschieden wir uns und versprechen, in Zukunft wieder zu kommen, um mit dieser Diözese zu arbeiten.

Eine geistige Tochter des Bischofs verriet uns, dass seine übermenschliche Kraft, der ständigen Verfolgung die Stirn zu bieten, aus seinem außerordentlichen Gebetsleben kommt. Er steht für gewöhnlich sehr früh morgens auf, und hält im Laufe des Tages drei Stunden Anbetung (vorausgesetzt er befindet sich in der Nähe des Allerheiligsten, was ihm während seiner Inhaftierung nicht gestattet ist). Dazu kommen die Heilige Messe, das Stundengebet und mehrere Rosenkränze. Er wird von seinen Priestern, Ordensleuten und Gläubigen so sehr geliebt, dass diese bereit wären, ihr Leben für ihn zu geben. Viele seiner Priester haben es tatsächlich bereits für ihn riskiert.

Aus einer anderen Welt

Seine Gelassenheit wirkt wie aus einer anderen Welt. Man erzählt sich, dass er selbst während einer Inspektion der Polizei und Behörden für religiöse Angelegenheiten, die Ruhe und den Frieden nicht verlor. Als er sich wieder einmal in Freiheit befand, jedoch stets unter Androhung erneut inhaftiert zu werden, strahlte er trotz allem große Herzensruhe aus, mit einem Lächeln auf den Lippen, das nur vom Himmel kommen kann.

Später treffen wir eine Person, die wichtige Texte zu Chinas Untergrund veröffentlicht hatte. Eine äußerst elegante Frau, voller Demut, wie sie stets in der Nähe eines authentischen Katholizismus zu finden ist. Sie nutzt ihr Talent, und versorgt Chinas Kirche mit wichtigen Materialien für die Katechese und geistige Bildung.

Diese Frau, nennen wir sie „P“, lehnt stets jede Anerkennung für ihren Mut und ihre Großherzigkeit ab. Ihre Antwort ist nur: „Gott sei Dank. Die Mutter Gottes sorgt für alles. Es ist ein Privileg, Gott zu dienen und ich bin dessen nicht würdig“.

Auf die Frage bezüglich ihrer offensichtlich sehr großen Verehrung der Gottesmutter gegenüber, antwortete Frau „P“: „Unsere Heilige Mutter liebt uns sehr. Ich bitte immer Ma li ya (Maria, die Heilige Mutter) um Hilfe und bete Novenen. Sie liebt uns wirklich sehr.“

Beim Abflug bringe ich meinen höchst schmerzlichen Gruß an China zum Ausdruck, der freundlicherweise von meinem Sitznachbarn im Flugzeug ins Mandarin übersetzt wurde: „Women ai ni. Ni yong yaan zai wode xin Li, he zai Yesu he Ma li ya de xin Li. Xie xie nin!” (Wir lieben euch. Ihr werdet tief in unseren Herzen bleiben und in den Herzen von Jesus und Maria, für immer. Danke!).

All die geistigen Früchte, die in dieser Region wachsen und sich verbreiten, stehen in engstem Zusammenhang mit dem Hirten und Opfer dieser Diözese. Während Bischof „C“ dem Ewigen und Höchsten Priester nacheifert, indem er seinem Volk die größten Opfer bringt – jenes der Heiligen Messe und sein eigenes Leben – zeigen sich die Früchte des Blutes und des Wassers in den Verfolgungen durch die Behörden.

Das Zeugnis des Leidens des Bischofs bleibt eine Quelle von unschätzbarer Inspiration.

Unnötige Verfolgung?

Einige Stimmen der „patriotischen“ Kirche Chinas werden behaupten, das Leiden des Monsignore „C“ sei allein die Konsequenz einer alten Schule, eines alten Bischofs aus vergangenen Zeiten, der sich dickköpfig weigere, der patriotischen Verbindung beizutreten. Ein wenig Kooperation mit der Regierung sei schon ausreichend, um diese unnötige Verfolgung zu beenden.

Doch eine solche Sicht der Dinge verschließt sich der Realität, in der sich der Bischof und seine Diözese befinden. Eine Realität, in der eine solche Art der Zusammenarbeit zu einer politisch-kirchlichen Bewegung führen würde, die unabhängig von Rom und staatstreu wäre. Ein Mann und Bischof, vom Feuer geprüft und mit mehreren Jahrzehnten Gefängnisaufenthalt auf dem Rücken, könnte eine solche Kooperation niemals mit seinem Gewissen vereinbaren.

Der Grundgedanke des Briefes von Papst Benedikt XVI. an China ist Einheit. Daher ist es die Pflicht aller chinesischen Katholiken mit Hilfe der barmherzigen Gnade Gottes über alle Verletzungen und allen Betrug der Vergangenheit hinweg zu sehen und die Mission weiter zu tragen, die sie erwartet, stets vereint mit dem Heiligen Vater in Rom.

Mögen auch die Gläubigen der „patriotischen“ Kirche, die mit den örtlichen Behörden kooperieren, dies weiter zum Wohl der Kirche tun. Mögen sie auf jede Art von Verurteilung ihrer Brüder im Untergrund verzichten und in ihren Herzen mit diesen vereint sein.

Mögen auch die Anhänger der „geheimen“ Kirche Chinas, die verständlicherweise nicht mit jenen zusammenarbeiten können, die Papst und katholisches Leben ablehnen, weiter zum Wohl der Kirche handeln. Mögen auch sie ihre Brüder der „patriotischen“ Kirche nicht verurteilen, sondern im Herzen mit ihnen allen vereint sein.

Nur auf diese Weise, vereint im gegenseitigen Vertrauen und in der Wahrheit, gehorsam gegenüber dem Nachfolger Petri und seinen Weisungen, kann die kleine, aber starke katholische Kirche in China die christliche Freude widerspiegeln. Jene Freude, die wir auf den Gesichtern von Bischof „P“ und Bischof „C“ vernahmen – zweier Helden, die, jeder auf seine Weise, die Botschaft des Evangeliums erfüllen, welche da lautet: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19).

[Übersetzung von Katharina Marschall; Teil 1 und Teil 2 dieses Artikels wurden am 13. und am 14. November veröffentlicht.]

* Mark Miravalle lehrt Theologie an der Franziskaner Universität von Steubenville, Ohio. Er ist Autor von mehr als einem Dutzend Bücher über Marienlehre und Herausgeber von „Mariology: A Guide for Priests, Deacons, Seminarians, and Consecrated Persons”. 2007 schrieb er “The Seven Sorrows of China”. Er ist verheiratet und hat acht Kinder.