Die Fronleichnamsprozessionen der Päpste

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 21. Mai 2008 (ZENIT.org).- Pontifikatsmedaillen der Päpste, kostbare Kupferstiche und imposante Gemälde geben noch heute Zeugnis von den Fronleichnamsprozessionen in der Ewigen Stadt, jenem machtvollen Bekenntnis der katholischen Kirche zur Realpräsenz des Herrn im Allerheiligsten Altarsakrament.



Das Fest „Fronleichnam – Herrenleib“ (lat. „Corpus Domini“) geht auf die Visionen der Augustinernonne Juliana von Lüttich (1209) zurück. Die fromme Ordensfrau hatte beim Beten den Mond betrachtet und auf ihn einen kleinen schwarzen Flecken entdeckt. Christus bedeutete ihr im Traum, dass der Mond für die Kirche stehe, der Flecken aber für das Fehlen eines Festes zur Verehrung der heiligen Hostie. Mit der Apostolischen Bulle „Transiturus“ vom 11. August 1264 schrieb Papst Urban IV. (Jacques Pantaléon, 1261-1264) – als Erzdiakon von Lüttich war er mit der Untersuchung der Visionen der Ordensfrau betraut worden – das Fest für die Weltkirche vor. Sein Tod verhinderte jedoch die Durchführung dieser Anordnung. Papst Johannes XXII. (Jaques Duése, 1316-1334)  verschaffte ihr dann allgemeine Geltung, indem er sie im Jahre 1317 in den „Klementinen“, einer Sammlung päpstlicher Dekrete, veröffentlichte.

Eine der ersten Prozessionen zum Fest „Corpus Domini“ dürfte um das Jahr 1278 in Köln stattgefunden haben. Der Ablauf der Fronleichnamsprozession wurde jedoch erst im „Caeremoniale Episcoporum“ von 1600 und im „Rituale Romanum“ von 1614 geregelt; im Gegensatz zu der diesseits der Alpen gebräuchlichen Form bestand er aus einem mit Gesängen begleiteten ununterbrochenen Umgang, an dessen Schluss der Segen mit dem Sanctissimum erteilt wurde.

In Rom war es Papst Nikolaus V. (Tommaso Parentucelli, 1447-1455) gewesen, der bei der Fronleichnamsprozession des Jahres 1447 das Allerheiligste Altarsakrament als erster Papst eigenhändig getragen hatte, „da San Pietro perfino a Porta Castello – von Sankt Peter bis hin zur Porta Castello“, wie Stefano Infessura in seinem „Diario della città di Roma“ lobend anmerkte.

Johannes Burkhard, der berühmte Zeremonienmeister Alexanders VI., hatte auf ausdrücklichem Wunsch des Borgia-Papstes ein beeindruckendes Zeremoniell für die Sakramentsprozessionen in Rom geschaffen. Alexander VI. (Rodrigo de Borja, 1492-1503) war – trotz seines umstrittenen Lebenswandels – ein Papst, der sich aufrichtig bemühte, seine religiösen Pflichten aufs beste zu erfüllen. Er legte Wert auf eine würdige Liturgie, von der er sich und seine Umgebung nicht dispensierte. So ist aus zeitgenössischen Quellen zu erfahren, dass er die Fronleichnamsprozession nicht einmal bei strömendem Regen ausfallen ließ. Die Teilnahme an den Liturgien des Päpstlichen Hofs wurde von Alexander VI. „gebieterisch gefordert, jede Entschuldigung für ein Fernbleiben höchst kritisch überprüft“ (Susanne Schüller-Piroli). Zum Fronleichnamsfest des Jahres 1496 verhängte der Papst über die Prälaten-Kleriker der Apostolischen Kammer, die nicht an der Prozession teilgenommen hatten, die für die damalige Zeit recht hohe Strafe von zwölf Dukaten pro Kopf.

Sixtus V. (Felice Peretti, 1585-1590) regelte mit einer Bulle vom 23. Februar 1586 die päpstlichen Liturgien neu; er bestimmte, dass die Prozession zum Fronleichnamsfest von der Sixtinischen Kapelle zur Vatikanischen Basilika zu erfolgen habe.

Eine entscheidende Neuerung bei den Sakramentsprozessionen wurde mehr als hundertfünfzig Jahre später, im ersten Pontifikatsjahr Alexanders VII. (Fabio Chigi, 1655-1667), eingeführt. Die Tagebuchaufzeichnungen des Päpstlichen Zeremoniars Giacinto Gigli berichten: „Am 27. Mai war das Fronleichnamsfest und man veranstaltete die außerordentlich feierliche Prozession, bei der der Papst gewöhnlich in der Sedia, majestätisch erhöht, auf den Schultern der Kammerdiener getragen wird, in der Hand das Allerheiligste Sakrament. Papst Alexander ließ sich nicht sitzend in der Sedia tragen, sondern kniend und entblößten Hauptes, in der Hand das Allerheiligste, barfuß und in tiefste Andacht versunken, ohne die Augen oder irgendein Glied zu bewegen, sodass er eher einer unbeweglichen Figur als einem Menschen glich, was alle anderen ebenfalls zu größter Andacht und Zerknirschung hinriss, da es ihnen schien, als sähen sie eine himmlische Vision“.

Sforza Pallavicino geht in seinem „Leben Alexanders VII.“ näher auf einen der Gründe für diese Neuerung ein: “Die Art, auf welche sich der Papst beim Fronleichnamsfeste dem Volk zeigte, berührte dieses ganz einzigartig: da er infolge des bösen Leidens, das ihm nach einer Operation geblieben war, die lange Funktion nicht zu Fuß mitmachen konnte, wollte er die Hostie nicht sitzend tragen und nicht bedeckten Hauptes, wie es die Gepflogenheit seiner Vorgänger war, sondern er ließ sich kniend tragen und entblößten Hauptes; man sah, wie von seiner Stirn der Schweiß perlte, wozu er wegen der Dünne seiner Haut sehr starke Anlage hatte, und den er nun, da er seine Hände nicht frei hatte, nicht abtrocknen konnte“. Die Art und Weise, wie der Pontifex an der Fronleichnamsprozession teilnahm, muss auf die Römer großen Eindruck gemacht haben; die Nachfolger des Chigi-Papstes behielten daher diese Neuerung bei.

Gaetano Moroni, der gelehrte Kammeradjutant Papst Gregors XVI. (Bartolomeo Alberto Mauro Cappellari, 1831-1846), gibt in seinem „Dizionario di erudizione storico-ecclesiastica“ eine genaue Beschreibung jener Vorrichtung, auf welcher der Papst und das Sanctissimum getragen wurden: „Das Traggestell war von der Art eines Betstuhles, ganz vergoldet, mit anmutigen Holzschnitzereien und Seraphsköpfen verziert und wurde mittels zweier mit rotem Samt überzogenen Stangen von den päpstlichen Palafrenieren getragen. Zu Füßen war ein Schemel in der Art eines Faldistoriums, mit goldgesticktem, mit goldenen Quasten und Fransen versehenen Kissen, auf welches der Papst die Arme stützte. In der Mitte des Gestells war ein Zapfen mit vergoldetem Holzfuß für die durchlochte Kugel zur Aufnahme der Monstranz, die der kniende Papst in den Händen halten musste. Um seine Füße herum war eine Stütze aus Rosshaar, mit rotem Samt überzogen, um die Füße am Rutschen zu hindern und um dem Körper Halt zu gewähren, ein Zingulum, eine Binde, damit nicht die ganze Last auf den Knien ruhte“.

Der so beschriebene Talamo blieb über hundertfünfzig Jahre in Gebrauch, bis zur Erneuerung dieser Tragevorrichtung durch Pius VII. (Barnaba Gregorio Chiaramonti, 1800-1823) im Jahre 1816. Von da an saß der Papst in einem kleinen Lehnstuhl vor einem Tisch; aber rückwärts auf dem Talamo, erhöht, fast so, als wären es die Füße des knienden Papstes, hob eine Stütze leicht den Mantel des Heiligen Vaters.

Als besonderes Privileg galt es, zu jenen zu gehören, die den  großen Baldachin trugen, der den Papst und das Allerheiligste überhöhte. Gut vierzehnmal ging ein Wechsel der Träger vonstatten: den letzten, denen diese Verpflichtung anvertraut wurde, war der Magistrat der Ewigen Stadt; er übernahm den Baldachin im Inneren der Basilika bei der Kapelle des heiligen Sebastian und trug ihn bis zum Papstaltar des Gian Lorenzo Bernini.

Die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession der Päpste war für die Botschafter fremder Höfe von enormer Bedeutung – besonders, was die protokollarische Einordnung der Gesandten in den Zug betraf. Zu einem schwerwiegenden Zwischenfall kam es bei der Fronleichnamsprozession des Jahres 1696. Der Gesandte Österreichs, Graf Georg Adam Martinez, ein Enkel des durch den Prager Fenstersturz weltberühmt gewordenen böhmischen Statthalters, beanspruchte entgegen des bestehenden Brauches die Präzedenz vor dem Gouverneur der Ewigen Stadt, Monsignore Giambattista Spinola. Papst Innozenz XII. (Antonio Pignatelli, 1691-1700) war von dem Ansinnen des für sein herrisches Auftreten bekannten Gesandten informiert worden und hatte Monsignore Spinola angewiesen, der Prozession dieses Jahres fernzubleiben. Dennoch kam es zum Eklat. Mit dem unverdienten Zugeständnis noch nicht zufrieden, bestand Martinez darauf, unmittelbar vor den Kardinaldiakonen einher zu schreiten. Es entstand eine heftige Debatte, die in eine Rangelei und Rauferei überzugehen drohte, so das die Prozession nicht mehr fortgesetzt werden konnte.

Die Fronleichnamsprozession der Päpste wurde mit der Zeit zu einem Schauspiel, das sich niemand in der Ewigen Stadt entgehen lassen wollte. Viele der „Zaungäste“ kamen mit Kutschen, um so bequem und von einem „Logenplatz“ aus der Zeremonie beizuwohnen. Deren große Zahl sorgte für ein hohes Maß an Unordnung, zumal die Besitzer oder Insassen ihren Kutschern befahlen, je nach dem Stand der Sonne, den Platz zu wechseln. Das dadurch entstehende Chaos führte immer wieder zu Unfällen, bei denen Verletzte, ja sogar Tote zu beklagen waren. Ein ungewöhnlich strenges Edikt aus dem Jahre 1794 bestimmte, dass es keinem Kutscher erlaubt sei, sich mit seinem Wagen von seinem Platz fortzubewegen, bevor die Prozession ihr Ende gefunden habe.  Zuwiderhandlungen konnten mit Gefängnisstrafen von bis zu sieben Jahren geahndet werden, und diejenigen, die den Kutschern Befehl gaben, sich dennoch zu entfernen, hatten im ungünstigsten Fall mit einer vierjährigen Verbannung zu rechnen.

Seit dem Jahre 1870 gab es dann keine Papstprozessionen zu Fronleichnam mehr; die Ursupation des Kirchenstaates verhinderte ein öffentliches Auftreten des Papstes in seiner Bischofsstadt. Im Vatikan selber geriet die Benutzung des Talamo jedoch nicht gänzlich außer Gebrauch; am 9. Juni 1904, beim Internationalen Eucharistischen Kongress, bediente sich der heilige Pius X. (Giuseppe Sarto, 1903-1914) seiner innerhalb der Petersbasilika. Erst am 25. Juli 1929 durften die Bewohner der Ewigen Stadt wieder eine päpstliche Sakramentsprozession erleben, ein Ereignis, auf das sie mehr als ein halbes Jahrhundert hatten verzichten müssen.

Ein Seminarist des „Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum“ in Rom, Augustinus Frotz, gehörte zu jenen, die ausgewählt worden waren, sich an diesem denkwürdigen Tag mit den Sediari, den päpstlichen Sesselträgern, beim Tragen des Talamo abzuwechseln. In seinen persönlichen Erinnerungen schrieb der spätere Titularbischof von Corada und Auxiliar des Kölner Erzbischofs:

„Seit der Eroberung Roms durch die Truppen der Piemontesen im Jahre 1870 und der Zerstörung des Kirchenstaates hatte kein Papst mehr den Vatikan verlassen. Die freiwillige Gefangenschaft, zu der sich Papst Pius IX. zum Protest gegen die italienische Regierung entschlossen hatte, wurde von seinen Nachfolgern beibehalten. Der Abschluss der Lateran-Verträge am 11. Februar 1929 hatte die Versöhnung und damit die große Wende herbeigeführt. Die Frage war allgemein: Wann wird Papst Pius XI. zum ersten Mal den Vatikan verlassen? In welcher Weise? Wohin wird er sich wohl begeben?

Einige Monate später war die Antwort klar. Sie hat alle Welt überrascht. Pius XI. erklärte: Die erste Ausfahrt des Papstes soll kein Triumphzug für ihn selbst sein. Sie soll in Form einer Eucharistischen Prozession über den Petersplatz geschehen. Der Herr also sollte im Mittelpunkt des großen geschichtlichen Ereignisses stehen. Kein ‚Evviva il Papa’, kein Händeklatschen, keine Silbertrompeten zum Papstmarsch, nichts von alledem, was bei großen Papstempfängen die Massen begeisterte und berauschte. Statt dessen die Lobgesänge des Thomas von Aquin auf den verborgenen Herrn und Erlöser in der bescheidenen, verhüllenden Brotsgestalt: ‚Lauda Sion, Salvatorem – Lobe, Volk Gottes, deinen Heiland und Erlöser!’

Es war ein strahlend schöner Sommertag, der 25. Juli 1929, als die mit höchstem Aufwand geformte Prozession den Vatikan, das heißt hier: die Peterskirche, verließ, umgeben von einer unübersehbaren Volksmenge aus allen Völkern und Nationen der ganzen Welt. Der Papst kniete in tiefer Andacht versunken vor der Monstranz. Der sonst für den Papst allein vorgesehene Tragsessel, die Sedia Gestatoria, war so hergerichtet worden, dass der Papst auf einer Kniebank, vor sich die Monstranz, niederknien konnte. Der so konstruierte Tragsessel wurde von Männern getragen, die sich nach kurzen Abständen ablösten. Zu diesen gehörten auch acht Germaniker. Da ich mit ausersehen war, genoss ich den großen Vorzug, den Eucharistischen Herrn mittragen zu dürfen und den Papst aus der Nähe zu sehen und beobachten zu können.

Er war ganz offensichtlich von der Größe und Bedeutung dieser Stunde gepackt, so wie wir alle, die Zeugen eines geschichtlichen Ereignisses und eines Vorgangs von tiefer Zeichenhaftigkeit waren. Denn darin lag die Symbolik, die der Papst deutlich machen wollte: Christus ist der Herr der Welt. Er ist der König des Universums. Er ist der Weg zum Heil, die Wahrheit zur Befreiung, das Leben in Fülle. Alle müssen ihm folgen, ihm glauben und dadurch das Leben gewinnen. Und die er ruft, die sollen mit ihm gehen, ihn in die Welt tragen. Den Menschen sichtbar machen und nahe bringen. Wir Träger fühlten uns besonders angerufen. Später haben wir uns darüber ausgetauscht. Wir waren mit dem Herrn der Kirche, mit dem Stellvertreter, mit dem Papst, in tiefer geistlicher Verbundenheit unterwegs: Christopheri!! Diese Prozession, dieser Pilgerweg war ein großartiges weltgeschichtliches Ereignis, es war gleichzeitig ein tiefbewegendes persönliches Erlebnis auf dem Weg zur Nachfolge im Priestertum.“

Der seit 1655 geübte Brauch, dass der Papst auf dem Talamo das Hochfest „Corpus Domini“ feiert, machte jedoch oft auch die Teilnahme des Papstes unmöglich, denn bei Gebrechlichkeit oder Krankheit des Pontifex Maximus stellte dessen Verweilen auf dieser Tragevorrichtung eine zu große Zumutung und Gefahr für ihn dar. Schon vor dem II. Vatikanischen Konzil und der durch sie begründeten  Liturgiereform war die prachtvolle Fronleichnamsprozession des Papstes außer Gebrauch gekommen. Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli, 1939-1958) musste in seinen letzten Jahren aus Gesundheitsgründen auf sie verzichten; der selige Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli, 1958-1963) nahm sie dann jedoch wieder auf.

In den folgenden Pontifikaten wurde es üblich, dass der Papst am Fronleichnamstag die heilige Messe auf dem Vorplatz der Lateranbasilika feierte und dann zu Fuß, mit dem Sanctissimum in der Hand, die Via Merulana hinauf nach Santa Maria Maggiore zog, wo er den Gläubigen den feierlichen Schlusssegen erteilte. Von Alter und Krankheit geschwächt, verzichtete Papst Johannes Paul II. (Karol Wojtyla, 1978-2005) in den letzten Jahren seines Pontifikates auf den beschwerlichen Fußweg. Er wurde auf einem offenen Wagen, vor dem Allerheiligsten Altarssakrament kniend, von seiner Bischofskirche zu der römischen Marienbasilika gefahren (einen Einsatz des Talamo wäre auf dieser langen Strecke nicht möglich gewesen: Das hohe Gewicht der Tragevorrichtung und ihr äußerst schwieriges Manövrieren schlossen dies aus). Papst Benedikt XVI. übernahm zum Fronleichnamsfest des Jahres 2005 diesen Usus.