Die Frucht des Kreuzes: Benedikt XVI. über den heiligen Stephanus

„Sankt Stephanus helfe uns, nicht vor Schwierigkeiten zurückzuschrecken“

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ROM, 10. Januar 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. am Mittwochvormittag im Rahmen der zweiten Generalaudienz dieses Jahres gehalten hat.



Der Heilige Vater betrachtete das Leben und Sterben des heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers der Kirchengeschichte, und verwies dabei auf die Tatsache, dass er das Alte Testament in einer damals vollkommen neuen, nämlich christologischen Weise gelesen habe. Diese neue Lesart, die ihm das Leben kostete, habe der heilige Paulus von Stephanus übernommen und dessen Sicht zur Vollendung geführt.

Die beiden Lehren, die Benedikt XVI. aus dem Schicksal des Diakons Stephanus zog, sind erstens: „Liebe und Verkündigung gehen immer zusammen“, und zweitens: Anfeindungen und Schwierigkeiten – „das Kreuz, an dem es nie fehlen wird“ – werden „zum Segen“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Nach den Festtagen kehren wir zu unseren Katechesen zurück. Ich hatte gemeinsam mit euch über die Gestalten der zwölf Apostel und des heiligen Paulus meditiert. Dann haben wir begonnen, über die anderen Gestalten der entstehenden Kirche nachzudenken, und heute wollen wir bei der Person des heiligen Stephanus verweilen, den die Kirche am Tag nach Weihnachten feiert.

Der heilige Stephanus ist die charakteristischste Figur innerhalb einer Gruppe von sieben Gefährten. Die Überlieferung sieht in dieser Gruppe den Keim des künftigen Amtes der „Diakone“, auch wenn gesagt werden muss, dass dieser Begriff in der Apostelgeschichte nicht vorkommt. Die Bedeutung des Stephanus ergibt sich auf jeden Fall aus der Tatsache, dass ihm Lukas in diesem seinen wichtigen Buch zwei ganze Kapitel widmet.

Die Erzählung des Lukas hebt mit der Feststellung einer Untereinteilung an, die innerhalb der Urkirche Jerusalems Fuß gefasst hatte. Diese Kirche setzte sich zwar zur Gänze aus Christen jüdischer Herkunft zusammen; einige von ihnen aber stammten aus den Territorien Israels und wurden so „Juden“ genannt, während andere, die den alttestamentlichen jüdischen Glauben bekannten, aus der griechischsprachigen Diaspora kamen und „Hellenisten“ genannt wurden. So ist das Problem zu sehen, das sich abzuzeichnen begann: Die Ärmsten unter den Hellenisten, besonders die Witwen ohne jegliche soziale Absicherung, liefen Gefahr, bei der Hilfe zur täglichen Versorgung vernachlässigt zu werden. Um dieses Problem abzuwenden, beschlossen die Apostel, sich selbst das Gebet und den Dienst am Wort als zentrale Aufgabe vorzubehalten und gleichzeitig „sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ zu beauftragen, damit sie die Aufgabe der Versorgung versehen (Apg 6,2-4), das heißt des sozialen karitativen Dienstes. Zu diesem Zweck wählten die Jünger, wie Lukas schreibt, dem Vorschlag der Apostel folgend sieben Männer. Wir haben auch ihre Namen. Es sind: „Stephanus, ein Mann erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus… Sie ließen sie vor die Apostel hintreten, und diese beteten und legten ihnen die Hände auf“ (Apg 6,5-6).

Der Gestus der Handauflegung kann verschiedene Bedeutungen haben. Im Alten Testament hat der Gestus vor allem die Bedeutung der Übertragung einer wichtigen Aufgabe, wie dies Moses bei Josua tat (vgl. Num 27,18-23): Er bestimmte so seinen Nachfolger. In diesem Sinne wird auch die Kirche von Antiochien diesen Gestus benutzen, um Paulus und Barnabas zur Evangelisierung der Völker in die Welt auszusenden (vgl. Apg 13,3). Auf eine ähnliche Handlauflegung bei Timotheus, dem damit ein offizieller Auftrag erteilt wurde, beziehen sich die beiden an ihn gerichteten Briefe des Paulus (vgl. 1Tim 4,14; 2 Tim, 1,6). Dass es sich dabei um einen wichtigen Akt handelte, der nach reiflicher Überlegung vollzogen worden ist, folgt aus dem, was im ersten Brief an Timotheus zu lesen ist: „Lege keinem vorschnell die Hände auf und mach dich nicht mitschuldig an fremden Sünden“ (5,22). Wir sehen also, dass der Gestus der Handauflegung sich in der Linie eines sakramentalen Zeichens entwickelt. Im Fall des Stephanus und seiner Gefährten handelte es sich mit Sicherheit um eine offizielle Übertragung einer Aufgabe seitens der Apostel und – damit verbunden – des Betens um eine Gnade, die sie erfüllen sollte.

Das Wichtigste, was man bemerken muss, ist, dass Stephanus über die karitativen Dienste hinaus auch einen Auftrag zur Evangelisierung seiner Landsgenossen, der so genannten „Hellenisten“, erhält. Lukas betont nämlich die Tatsache, dass er „voll Gnade und Kraft“ im Namen Jesu eine neue Interpretation des Moses und des Gesetzes Gottes selbst vorlegt: Er liest das Alte Testament auf neue Weise im Licht der Verkündigung des Todes und der Auferstehung Jesu. Diese neue Lesart des Alten Testaments, eine christologische Lesart, provoziert die Reaktionen der Juden, die seine Worte als Gotteslästerung verstehen (vgl. Apg 6,11-14). Aus diesem Grund wird er zur Steinigung verurteilt. Und der heilige Lukas überliefert uns die letzte Rede des Heiligen, eine Synthese seiner Predigt. Wie Jesus den Jüngern von Emmaus gezeigt hatte, dass das ganze Alte Testament von ihm spricht, von seinem Kreuz und von seiner Auferstehung, so liest der heilige Stephanus der Lehre Jesu folgend das ganze Alte Testament in christologischem Sinn. Er beweist, dass das Geheimnis des Kreuzes im Mittelpunkt der Heilsgeschichte steht, die im Alten Testament erzählt wird; er zeigt, dass Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene, wirklich das Endziel dieser ganzen Geschichte ist. Und er beweist also auch, dass der Kult des Tempels zu Ende und Jesus, der Auferstandene, der neue und wahre „Tempel“ ist.

Gerade dieses „Nein“ zum Tempel und zu dessen Kult provoziert die Verurteilung des heiligen Stephanus, der in diesem Moment – so sagt uns der heilige Lukas – den Blick zum Himmel erhob und die Herrlichkeit Gottes und Jesu sah, der zur Rechten Gottes stand. Und den Himmel schauend, Gott und Jesus, rief der heilige Stephanus: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,56). Es folgt sein Martyrium, das in der Tat dem Vorbild des Leidens Jesu selbst folgt, insofern er dem „Herrn Jesus“ seinen Geist anvertraut und darum betet, dass die Sünde seiner Mörder diesen nicht angerechnet werde (vgl. Apg 7,59-60).

Der Ort des Martyriums des Stephanus in Jerusalem befindet sich der Überlieferung nach etwas außerhalb des Tores von Damaskus, wo heute die Kirche von Saint-Étienne steht, neben der berühmten École Biblique der Dominikaner.

Die Ermordung des Stephanus, des ersten Märtyrers Christi, folgte eine örtlich begrenzte Verfolgung der Jünger Jesu (vgl. Apg 8,1), die erste der Geschichte der Kirche. Sie bildete den konkreten Anlass, der die Gruppe der jüdisch-hellenistischen Christen dazu brachte, aus Jerusalem zu flüchten und sich zu zerstreuen. Nach der Vertreibung aus Jerusalem wurden sie zu Wandermissionaren: „Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort“ (Apg 8,4).

Die Verfolgung und die anschließende Zerstreuung werden zur Mission. Das Evangelium breitete sich so in Samarien, Phönizien und Syrien bis hin zur großen Stadt von Antiochien aus, wo es laut Lukas zum ersten Mal auch den Heiden verkündet wurde (vgl. Apg 11,19-20) und wo auch zum ersten Mal der Name „Christen“ zu hören war (vgl. Apg 11,26).

Lukas hält im Besonderen fest, dass die Steiniger des Stephanus „ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes niederlegten, der Saulus hieß“ (Apg 7,58) – derselbe, der vom Verfolger zum berühmten Apostel des Evangeliums werden sollte. Das bedeutet, dass der junge Saulus die Predigt des Stephanus gehört haben muss und somit ihre grundsätzlichen Inhalte kannte. Und der heilige Paulus war wahrscheinlich unter jenen, die dieser Rede folgten und sie hörten und so „aufs Äußerste über ihn empört waren und mit den Zähnen knirschten“ (Apg 7,54). Und an diesem Punkt können wir das Wundersame der göttlichen Vorsehung ausmachen. Saulus, erbitterter Gegner der Sicht des Stephanus, nimmt nach der Begegnung mit dem auferstandenen Christus auf dem Weg nach Damaskus die christologische Lesart des Alten Testaments auf, die der Protomärtyrer vorgelegt hatte, vertief und vervollständigt sie und wird so zum „Apostel der Völker“. Das Gesetz ist im Kreuz Christi erfüllt, so lehrt er. Und der Glaube an Christus, die Gemeinschaft mit der Liebe Christi, ist die wahre Erfüllung des ganzen Gesetzes. Das ist der Inhalt der Predigt des Paulus. Er zeigt so, dass der Gott Abrahams der Gott aller wird. Und alle, die an Jesus Christus glauben, werden als Söhne Abrahams zu Teilhabern an den Verheißungen. In der Mission des heiligen Paulus gelangt die Sicht des Stephanus zu ihrer Vollendung.

Die Geschichte des Stephanus sagt uns vieles. Zum Beispiel lehrt sie uns, dass man die soziale Bemühung der Caritas nie von der mutigen Verkündigung des Glaubens trennen darf. Er war einer der Sieben, die sich vor allem um die Liebe zum Nächsten kümmerten. Es war jedoch unmöglich, Nächstenliebe und Verkündigung voneinander zu trennen. So verkündet er mit der Caritas Christus, den Gekreuzigten, bis zum Martyrium.

Das ist die erste Lektion, die wir von der Gestalt des heiligen Stephanus lernen können: Liebe und Verkündigung gehen immer zusammen. Der heilige Stephanus spricht vor allem von Christus zu uns, vom gekreuzigten und auferstandenen Christus als Mittelpunkt der Geschichte und unseres Lebens. Wir können verstehen, dass das Kreuz im Leben der Kirche und auch in unserem persönlichen Leben immer zentral bleibt. In der Geschichte der Kirche werden Leid und Verfolgung nie fehlen. Und gerade die Verfolgung wird nach dem berühmten Ausspruch Tertullians Quelle der Mission für die neuen Christen. Ich zitiere seine Worte: „Wir vermehren uns jedes Mal, wenn wir von euch niedergemetzelt werden: Der Same ist das Blut der Christen“ („Apologetico“ 50,13: „Plures efficimur quoties metimur a vobis: semen est sanguis christianorum“). Aber auch in unserem Leben wird das Kreuz, an dem es nie fehlen wird, zum Segen. Und indem wir das Kreuz auf uns nehmen und wissen, dass es Segen wird und ist, lernen wird die Freude des Christen auch in schwierigen Momenten.

Der Wert des Zeugnisses ist unersetzlich, da das Evangelium zu ihm hinführt und das sich die Kirche von ihm nährt. Der heilige Stephanus möge uns zu einem tiefen Verständnis dieser Lehren gelangen lassen; er möge uns lehren, das Kreuz zu lieben, denn das Kreuz ist der Weg, auf dem Christus immer wieder neu in unsere Mitte kommt.

[Auf Deutsch sagte der Papst:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Nach dem Ende der festlichen Weihnachtszeit möchte ich heute die vor etwa einem halben Jahr begonnenen Betrachtungen über bedeutende Gestalten der Urkirche fortsetzen. Die Apostelgeschichte berichtet uns vom heiligen Stephanus an der Spitze der sieben Diakone der Jerusalemer Gemeinde. Die Bezeichnung „Diakon“ steht freilich nicht im Text, die Überlieferung hat die Siebenergruppe als Ursprung des Diakonenamtes gedeutet.

Die Apostel wählten also bewährte Männer als Helfer für den christlichen Liebensdienst aus, weil nicht mehr alle gleichmäßig und in gleich gerechter Weise bedacht werden konnten, und wählten bewährte Männer dann als Helfer eben für diesen Liebensdienst, um sich selber uneingeschränkt dem Gebet, das heißt vor allem der Feier der Eucharistie, und der Verkündigung widmen zu können. Zum Zeichen der Beauftragung mit diesem Dienst und der Bitte um die dafür notwendige Gnade legten die Apostel den sieben Männern die Hände auf. Stephanus sah über den karitativen Bereich hinaus seine Aufgabe auch in der Evangelisierung. Seine Predigt und sein klares Bekenntnis zu Jesus Christus, den er als die innere Mitte des ganzen Alten Testamentes deutete, brachte ihm dann wieder Widerstand und schließlich das Martyrium ein.

Als erster Märtyrer für Christus betete er nach dem Vorbild Jesu noch im Sterben für seine Verfolger. Die Verfolgung der jungen Kirche von Jerusalem gab den Jüngern Jesu den Anstoß, die Botschaft Christi über Jerusalem hinaus, zunächst nach Samaria und dann bis nach Syrien, bis nach Antiochien und schließlich zu den Heiden zu tragen.

Paulus, der bei der Steinigung des Stephanus zugegen war, führte nach seiner Bekehrung dessen Verkündigung fort, führte vor allem seine Deutung des ganzen alten Testaments auf Christus hin weiter und befreit so das Alte Testament von der Bindung an die äußere Befolgung des Kultgesetzes und seiner Rechtsvorschriften, öffnet es auf die ganze Welt hin, so dass der Gott Abrahams der Gott aller Menschen werden konnte und alle in der Taufe im Glauben an Christus Söhne Abrahams und damit Träger der Verheißung werden durften. Er zeigt uns, dass das Kreuz in der Mitte des Alten Testamentes steht und so, dem gekreuzigten Christus zu glauben, Erfüllung aller Worte Gottes ist.

Dies ist der wunderbare Vorgang, dass der, der Gegner des Stephanus war, durch die Begegnung mit Christus selbst dessen Erbe aufnimmt und damit zum Apostel der Völker wird, zum Mitbegründer der universalen Kirche wurde.

Sehr herzlich heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher willkommen. Der heilige Stephanus zeigt uns, dass unser sozialer und karitativer Einsatz nicht von der Verkündigung des Evangeliums getrennt werden kann – beides gehört untrennbar zusammen.

Sankt Stephanus helfe uns, nicht vor Schwierigkeiten zurückzuschrecken, sondern darin die Chance zum Zeugnis für Christus zu sehen. Der Heilige Geist stärke und führe euch alle Tage!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]