Die Gabe des Friedens: Predigt von Papst Benedikt XVI. am Pfingstsonntag

Der Friede Christi breitet sich nur aus durch erneuerte Herzen von Männern und Frauen, die versöhnt sind

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ROM, 12. Mai 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine „Radio-Vatikan“-Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. gestern, am Pfinsgtsonntag, im Petersdom gehalten hat.

„An diesem Fest des Geistes und der Kirche wollen wir Gott danken, weil er seinem Volk, das er inmitten der Völker auserwählt und geformt hat, das unschätzbare Gut des Friedens, seines Friedens gegeben hat. Gleichzeitig erneuern wir unser Bewusstsein der Verantwortung, die mit dieser Gabe verbunden ist: die Verantwortung der Kirche, wesentlich Zeichen und Instrument des Friedens Gottes unter den Völkern zu sein.“

Der Heilige Vater unterstrich die zu selten erkannte Bedeutung der „Gabe der Versöhnung, die die Herzen befriedet“, und bekräftigte: „Der Friede Christi breitet sich nur aus durch erneuerte Herzen von Männern und Frauen, die versöhnt sind und die Diener der Gerechtigkeit geworden sind... So kann die Kirche Ferment, Sauerteig der Versöhnung sein, die von Gott kommt. Sie kann es nur sein, wenn sie sich vom Heiligen Geist lehren lässt und vom Evangelium Zeugnis gibt, nur wenn sie wie Jesus und mit Jesus das Kreuz trägt.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Die Pfingsterzählung, die wir eben in der ersten Lesung gehört haben wird von Evangelisten Lukas ins zweite Kapitel der Apostelgeschichte verlegt. Das Kapitel beginnt mit dem Ausdruck eingeleitet: Als der Pfingsttag zu Ende ging, waren alle an einem Ort beisammen. Diese Worte beziehen sich auf das vorhergehende Bild, in dem Lukas die kleine Gemeinschaft der Jünger beschreibt, die sich ständig in Jerusalem nach der Aufnahme Jesu in den Himmel versammelt hielt. Es ist eine von vielen Details geprägte Beschreibung: Der Ort, wo sie wohnten – der Abendmahlsaal – liegt im ersten Stock, die elf Apostel werden namentlich aufgezählt, die ersten drei sind Petrus, Johannes und Jakobus, die Säulen der Gemeinschaft. Mit ihnen werden genannt „einige Frauen“, Maria die Mutter Jesu und seine Brüder, die jetzt in seine neue Familie eingegliedert sind, die auch nicht mehr auf die Bande des Blutes, sondern auf den Glauben an Jesus gegründet ist.

Auf dieses „neuen Israel“ spielt klar die ganze Zahl der Personen an. Es waren rund 120, das Zehnfache der 12 des Apostelkollegiums. Diese Gruppe bildet wirklich ein Qahal, eine Versammlung nach dem Modell des Alten Bundes, eine Gemeinschaft, die zusammengerufen ist, um die Stimme des Herrn zu hören und auf seinen Wegen zu gehen. Das Buch der Apostelgeschichte unterstreicht, dass diese alle andauernd und einmütig im Gebet versammelt waren. Das Gebet ist also die Hauptaufgabe der entstehenden Kirche, durch das sie ihre Einheit vom Herrn findet und sich von seinem Willen führen lässt. Das zeigt auch das Loswerfen, um einen an die Stelle von Judas zu wählen.

Diese Gemeinschaft fand sich auch versammelt an dem gleichen Ort, dem Abendmahlsaal, am Morgen des hebräischen Pfingstfestes, dem Fest des Bundes, an dem man des Ereignisses vom Sinai gedachte, als Gott, durch Moses, Israel vorgeschlagen hat, sein Eigentum unter allen Völkern zu werden, um ein Zeichen seiner Heiligkeit zu sein. Nach dem Buch Exodus wurde dieser alte Bund begleitet durch eine erschreckende Manifestation der Macht Gottes. Man liest da: der Berg Sinai hüllte sich in Rauch, denn auf ihn war der Herr im Feuer herabgestiegen und sein Rauch stieg auf wie der eines Feuerofens: der ganze Berg bebte stark. Wir finden die Elemente des Windes und des Feuers am Pfingsten des Neuen Testamentes, aber ohne das Phänomen der Angst. Speziell nimmt das Feuer die Gestalt der Zungen an, die sich auf jeden der Jünger niederließen, die alle voll des Heiligen Geistes waren und daher anfingen, in anderen Sprachen zu sprechen. Es handelte sich um eine echte und eigentliche Feuer-Taufe der Gemeinschaft, eine Art Neugeburt. An Pfingsten wird die Kirche nicht durch menschlichen Willen gegründet, sondern durch die Kraft des Geistes Gottes. Und sofort wird erkennbar, wie dieser Geist einer Gemeinschaft Leben gibt, die gleichzeitig eine und universal ist und so den Fluch von Babel überwindet. De facto kann nur der Heilige Geist, der die Einheit in der Liebe und in der gegenseitigen Annahme der Verschiedenheiten annimmt, die Menschheit von der ständigen Versuchung eines irdischen Machtstrebens, das alles beherrschen und vereinheitlichen will, befreien.

Gemeinschaft im Geiste, Gemeinschaft des Geistes. So nennt der Heilige Augustinus in einer Predigt die Kirche. Aber schon vor ihm hat der Heilige Irenäus eine Wahrheit formuliert, an die ich gerne hier erinnere. Wo die Kirche ist, da ist der Geist Gottes, und wo der Geist Gottes ist, da ist die Kirche und alle Gnade und der Geist und die Wahrheit. Sich von der Kirche entfernen bedeutet, den Geist zurückweisen – und daher: sich vom Leben ausschließen. Vom Pfingstereignis an zeigt sich voll diese Ehe zwischen dem Geist Christi und seinem mystischen Leib, der Kirche.

Ich möchte mich konzentrieren auf einen besonderen Aspekt der Aktion des Heiligen Geistes, nämlich auf die Verflechtung von Vielheit und Einheit. Davon spricht die zweite Lesung, indem sie von den verschiedenen Charismen der Gemeinschaft im gleichen Geist spricht. Schon in der Erzählung der Apostelgeschichte, die wir gehört haben, zeigt sich diese Zusammengehörigkeit in besonderer Deutlichkeit. Im Pfingstgeschehen zeigt sich klar, dass zur Kirche viele Sprachen und verschiedene Kulturen gehören. Im Glauben können sie sich verstehen und gegenseitig befruchten. Der Heilige Lukas will sicher eine grundlegende Idee übermitteln, nämlich dass die Kirche schon bei ihrer Geburt katholisch, universal ist. Sie spricht von Anfang an alle Sprachen, denn das Evangelium, das ihr anvertraut ist, ist nach Willen und Auftrag des Auferstandenen Christus, für alle Völker bestimmt. Die Kirche, die an Pfingsten geboren wird, ist nicht vor allem eine Einzelgemeinde – nämlich die Kirche von Jerusalem – sondern die Gesamtkirche, die die Sprache aller Völker spricht. Aus ihr werden später andere Gemeinschaften in allen Teilen der Welt geboren, Ortskirchen, die alle und immer Verwirklichungen der einen und einigen Kirche Christi sind. Die katholische Kirche ist daher nicht eine Föderation oder ein Zusammenschluss von Kirchen, sondern eine einige Wirklichkeit. Ontologisch – im Sein –geht die Universalkirche voraus. Eine Gemeinschaft, die nicht in diesem Sinne katholisch ist, wäre nicht einmal Kirche.

In diesem Sinne muss man noch einen anderen Aspekt hinzufügen: nämlich den der theologischen Sicht der Apostelgeschichte über den Weg der Kirche von Jerusalem nach Rom. Unter den Völkern, die an Pfingsten in Jerusalem vertreten waren, nennt Lukas auch die „Fremden von Rom“. Damals war Rom noch ferne, fremd für die entstehende Kirche. Rom war Symbol für die heidnische Welt im Allgemeinen. Aber die Kraft des Geistes wird die Schritte der Zeugen bis an die Grenzen der Erde führen, bis nach Rom. Das Buch der Apostelgeschichte endet genau da, wo der heilige Paulus durch den Plan der Vorsehung in der Hauptstadt des Reiches ankommt und dort das Evangelium verkündet. So gelangt das Wort Gottes, das in Jerusalem seinen Anfang nahm, an sein Ziel, denn Rom bedeutet die ganze Welt und inkarniert daher die lukanische Idee des Katholizismus. Die Gesamtkirche ist verwirklicht, die katholische Kirche, die die Fortsetzung des auserwählten Volkes ist und sich ihre Geschichte und Sendung zu eigen macht.

An dieser Stelle – und um abzuschließen – bietet uns das Johannes-Evangelium ein Wort, das sich sehr gut zusammenschließt mit dem Geheimnis der durch den Geist geschaffenen Kirche. Es ist das Wort, das zweimal aus dem Mund des auferstandenen Jesus kommt, als er am Osterabend im Abendmahlssaal inmitten der Jünger erscheint: Shalom, Friede sei mit Euch. Der Ausdruck Shalom ist nicht ein einfacher Gruß, er ist sehr viel mehr. Er ist das Geschenk des versprochenen Friedens, der von Jesus durch die Hingabe seines Blutes errungen worden ist. Er ist die Frucht seines Sieges im Kampf gegen den Geist des Bösen. Es ist also ein Frieden – nicht wie in die Welt ihn gibt, sondern wie nur Gott ihn geben kann.

An diesem Fest des Geistes und der Kirche wollen wir Gott danken, weil er seinem Volk, das er inmitten der Völker auserwählt und geformt hat, das unschätzbare Gut des Friedens, seines Friedens gegeben hat. Gleichzeitig erneuern wir unser Bewusstsein der Verantwortung, die mit dieser Gabe verbunden ist: die Verantwortung der Kirche, wesentlich Zeichen und Instrument des Friedens Gottes unter den Völkern zu sein. Ich habe versucht, ein Vermittler dieser Botschaft zu sein, indem ich kürzlich an den Sitz des Vereinten Nationen gereist bin, um mein Wort an die Vertreter der Völker zu richten. Aber man darf nicht nur an diese Gipfel-Ereignisse denken. Die Kirche verwirklicht ihren Dienst für den Frieden Christi vor allem in der ordentlichen Präsenz und Tat unter den Menschen durch die Verkündigung des Evangeliums und durch die Zeichen der Liebe und Barmherzigkeit, die sei begleiten.

Unter diesen Zeichen muss man natürlich vor allem das Sakrament der Versöhnung unterstreichen, das der auferstandene Christus in dem Moment eingesetzt hat, in dem er seinen Jüngern die Gabe des Friedens und des Geistes gemacht hat. Wie wir im Evangelium gehört haben, hat Jesus auf die Apostel gehaucht und gesagt: Empfangt den Heiligen Geist: Wem ihr die Sünden nachlassen werdet, dem sind sie nachgelassen, wem ihr sie nicht erlasset, dem sind sie nicht erlassen.

Wie wichtig, aber leider nicht genügend erkannt ist die Gabe der Versöhnung, die die Herzen befriedet! Der Friede Christi breitet sich nur aus durch erneuerte Herzen von Männern und Frauen, die versöhnt sind und die Diener der Gerechtigkeit geworden sind, bereit in der Welt nur kraft der Wahrheit und ohne Kompromisse mit der Mentalität der Welt den Frieden zu verbreiten, denn die Welt kann den Frieden Christi nicht geben. So kann die Kirche Ferment, Sauerteig, der Versöhnung sein, die von Gott kommt. Sie kann es nur sein, wenn sie sich vom Heiligen Geist lehren lässt und vom Evangelium Zeugnis gibt, nur wenn sie wie Jesus und mit Jesus das Kreuz trägt. Genau das bezeugen die Heiligen aller Zeiten.

Im Licht dieses Wortes des Lebens, liebe Brüder und Schwestern, möge das Gebet, das wir heute in geistlicher Gemeinschaft mit der Jungfrau Maria zu Gott erheben, glühender und intensiver werden.

Die Jungfrau des Hörens, die Mutter der Kirche, erhalte für unsere Gemeinschaften und für alle Christen eine erneute Ausgießung des Tröstergeistes. Emitte Spiritum Tuum et creabuntur et renovabis faciem terrae. Gieße Deinen Geist aus, alles wird neu geschaffen, und du wirst das Antlitz der Erde erneuern. Amen.

[Radio-Vatikan-Übersetzung von Pater Eberhard v. Gemmingen SJ]