„Die Gebetsrichtung der Kirche ad orientem und die aktive Teilnahme an der Heiligen Messe“

P. Uwe Lang: „Die Eucharistie wird nicht vom Priester hin zum Volk oder mit Rücken zum Volk gefeiert.“

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ROM, 30. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Der deutschstämmige P. Uwe Michael Lang, unlängst von Papst Benedikt XVI. zum Mitglied der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche ernannt, ist Verfasser der Buches „Conversi ad Dominum. Zu Geschichte und Theologie der christlichen Gebetsrichtung“ (Mit einem Geleitwort von Joseph Kardinal Ratzinger, Johannes Verlag, Einsiedeln 2003-2006, 4. Auflage). Das Buch wurde auf Italienisch, Französisch, Spanisch und Ungarisch übersetzt und liegt auch in englischer Sprache vor. P. Lang ist Mitglied des Oratoriums des heiligen Philipp Neri in London. Er studierte Theologie in Wien und Oxford, um danach am Londoner Heythrope Collge zu unterrichten. P. Lang ist Herausgeber zahlreicher patristischer Schriften.



In seinem Buch untersucht Lang laut den Einleitungsworten des damaligen Kardinals Ratzinger „die Frage nach der Gebetsrichtung der Liturgie historisch, theologisch und pastoral“.

„Ohne den Anspruch, große neue Einsichten zu bringen“, so Ratzinger weiter, „stellt es sorgsam die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte heraus und bietet so die für ein sachliches Urteil nötigen Einsichten.“ Lang erarbeite jene theologischen Antworten, „die sich aus der inneren Richtung des historischen Befunds ergeben“. Und der frühere Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre fügte hinzu: „Ich hoffe, dass dieses Buch eines jungen Gelehrten eine Hilfe werden kann für das in jeder Generation nötige Ringen um das rechte Verstehen und um das würdige Feiern der heutigen Liturgie. Ich wünsche dem Werk daher viele und aufmerksame Leser.“

Unter dem Thema der Gebetsrichtung behandelt das Buch nicht die Praxis der außerordentlichen Form des einen Römischen Ritus. Es stellt vielmehr ein bedeutendes Instrument für die Durchdringung des liturgischen Fundaments, der liturgischen Praxis, kurz: des „Geistes der Liturgie“ in der Tradition der Kirche dar. Es steht im Zeichen der Definition der Tradition, wie sie Benedikt XVI. am 26. April 2006 in der Mittwochskatechese den Gläubigen ans Herz gelegt hat. Für den Papst besteht die Tradition demnach „nicht in der Weitergabe von Dingen oder Worten, sie ist keine Ansammlung toter Dinge. Die Tradition ist der lebendige Fluss, der uns mit den Ursprüngen verbindet, der lebendige Fluss, in dem die Ursprünge stets gegenwärtig sind, der große Fluss, der uns zum Hafen der Ewigkeit führt“.

Im Gespräch mit ZENIT äußerte sich P. Lang über den Sinn der Zelebrations- und Gebetsrichtung „ad orientem“ sowie die Möglichkeit, diese antike liturgische Praxis wieder zu entdecken.

Lang hält fest, dass das Gebet aller Religionen durch eine „heilige Ausrichtung“ bestimmt ist. So beteten die Juden gen Jerusalem, das heißt hin zu Gott, der im „Sancta Sanctorum“ des Tempels gegenwärtig ist. Die ersten Christen richteten sich nicht mehr nach dem irdischen Jerusalem aus, sondern nach dem „himmlischen Jerusalem“. „Die Christen sahen im Aufsteigen der Sonne ein Symbol der Auferstehung und der zweiten Wiederkunft Christi. Und dieses Symbol wurde von ihnen auch auf das Gebet übertragen. Es gibt Elemente, die ausführlich beweisen, dass sich seit dem zweiten Jahrhundert das Gebet im Großteil der Christenheit nach Osten richtete.“ Für Lang ist seit dem vierten Jahrhundert und wahrscheinlich schon früher eine enge Verbindung zwischen dem Kreuz und dem nach Osten gerichteten Gebet ersichtlich.

Die Gebetsrichtung unterscheide dann eindeutig die Christen von den Juden und Moslems: Die Juden beten ausgerichtet nach Jerusalem, die Moslems nach Mekka, die Christen nach Osten.

P. Lang stellt fest, dass die Gebetsrichtung „ad orientem“ nicht nur in der lateinischen Tradition gegeben ist, sondern auch in der byzantinischen, syrischen, armenischen, koptischen und äthiopischen Tradition. Noch heute sei sie bei den meisten orientalischen Riten üblich, dies zumindest während des eucharistischen Hochgebets. Einige orientalische Riten (wie der maronitische und syro-malabresische Ritus) haben nach Worten des Geistlichen die Zelebration „versus populum“ eingeführt, allerdings aufgrund des modernen westlichen Einflusses. „Aus diesem Grund erklärte die Kongregation für die Ostkirchen im Jahr 1996, dass die antike Tradition des nach Osten ausgerichteten Gebets einen tiefen liturgischen und geistlichen Wert besitzt und in den orientalischen Riten beibehalten werden muss.“

Die Feier der Messe des Priesters„ad orientem“ hat, so Lang, nichts mit dem Gemeinplatz einer Messe zu tun, die „mit dem Rücken zum Volk“ gefeiert wird. Das Wesentliche bestehe darin, dass „die Messe ein gemeinsamer Kultakt ist, in dem der Priester zusammen mit der Gemeinde, die die pilgernde Kirche repräsentiert, sich nach dem transzendenten Gott ausrichten“. Die Frage sei also nicht, ob die Zelebration hin zur Gemeinde geschieht; was zähle, sei die gemeinsame Gebetsausrichtung, die nicht durch die Ostung des Altars bedingt ist.

„Der Priester am Altar, der sich wie das Volk ausrichtet, führt das Gottesvolk auf dem Weg des Glaubens“, so P. Lang. Die Wallfahrtsheiligtümer vieler Kirchen des ersten Jahrtausends seien hierfür überragende Zeugnisse: Das Kreuz und der verherrlichte Christus sind das Ziel der irdischen Pilgerschaft der Versammlung.

Die Liturgie der gemeinsamen Gebetsausrichtung fördert nach Worten des Priesters den Dialog zwischen Gott und seinem Volk, den Priester mit eingeschlossen, das sich auf ihn ausrichtet: „Die Eucharistie wird nicht vom Priester hin zum Volk oder mit Rücken zum Volk gefeiert. Vielmehr ist es die ganze Gemeinde, die durch Jesus im Heiligen Geist hin zu Gott betet.“

Die „aktive Teilnahme“ des Volkes an der Liturgie, die insbesondere der heilige Papst Pius X. einführte und wie sie von der Konzilskonstitution über die Liturgie Sacrosanctum Concilium vorgesehen ist, bestimme, dass der Zelebrant sich hin zur Gemeinde richtet. Dieser Begriff der aktiven Teilnahme bedürfe allerdings einer neuen theologischen Vertiefung. In diesem Zusammenhang verweist P. Lang auf das Buch Joseph Ratzingers „Der Geist der Liturgie“, in dem der jetzige Papst zwischen der Teilnahme am Wortgottesdienst, die äußere Handlungen umfasst, und der Teilnahme an der eucharistischen Liturgie unterscheidet, in der die äußeren Handlungen sekundär sind, da die innere Teilnahme am Gebet das zentrale Element bildet.

Außerdem zitierte er aus dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum caritatis, wo der Papst schreibt: „Nicht dienlich ist der aktiven Teilnahme der Gläubigen vor allem eine Verwirrung, die auf der Unfähigkeit beruht, in der kirchlichen Gemeinschaft die verschiedenen Aufgaben zu unterscheiden, die jedem zukommen. Im Besonderen ist es notwendig, dass bezüglich der spezifischen Aufgaben des Priesters Klarheit herrscht. Wie die Tradition der Kirche bestätigt, ist er in unersetzlicher Weise derjenige, welcher der gesamten Eucharistiefeier vorsteht, vom Eröffnungsgruß bis zum Schlusssegen. Kraft der heiligen Weihe, die er empfangen hat, vertritt er Jesus Christus, das Haupt der Kirche, und in der ihm eigenen Weise auch die Kirche selbst. Jede Feier der Eucharistie wird vom Bischof geleitet, ‚entweder von ihm selbst oder durch die Priester als seine Helfer’. Eine Hilfe hat er im Diakon, dem in der Feier einige spezifische Aufgaben zukommen: Bereitung des Altars, Assistenz des Priesters, Verkündigung des Evangeliums, eventuell die Predigt, Führung der Gemeinde bei den Fürbitten, Austeilung der Kommunion. Im Zusammenhang mit diesen, an die Weihe gebundenen Diensten stehen andere liturgische Dienste, die lobenswerterweise von Ordensleuten und entsprechend vorbereiteten Laien ausgeübt werden“ (52).

Was die aktive Teilnahme der Gläubigen an der Heiligen Messe angeht, hatte bereits der Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Erzbischof Malcolm Ranjith, in einem Interview mit der Zeitschrift „30 Tage“ (September 2006) erklärt: „Man spricht so viel von der Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie. Aber nehmen die Gläubigen wirklich mehr teil, wenn der Priester versus populum oder wenn er zum Altar gewandt zelebriert? Es ist nämlich nicht gesagt, dass die Teilnahme aktiver ist, wenn der Priester zu den Gläubigen gewandt zelebriert; es kann sein, dass sich die Gläubigen in diesem Falle ablenken lassen. Ist es wahre Teilnahme, wenn beim Friedensgruß in der Kirche große Verwirrung entsteht, mit den Priestern, die manchmal bis in die letzten Reihen gehen, um ihren Gruß zu entbieten? Handelt es sich um die actuosa participatio, die das II. Vatikanische Konzil so sehr erhoffte, oder einfach nur um eine große Ablenkung, die keinesfalls dabei hilft, den nachfolgenden Moment der Messe mit Inbrunst zu erleben – abgesehen davon, dass man manchmal sogar vergisst, das Agnus Dei zu sprechen. Ich wiederhole: Das Buch von Pater Lang war und ist eine überaus nützliche Provokation, angefangen bei dem Vorwort, in dem Kardinal Ratzinger daran erinnert, dass das Konzil weder jemals verlangt hat, das Lateinische abzuschaffen noch die Richtung des liturgischen Gebets zu revolutionieren.“

Zur „Neuheit“ der „Liberalisierung“ des tridentinischen Ritus als außerordentliche Form des einen Römischen Ritus durch das Motu proprio Benedikts XVI. „Summorum Pontificum“ meint P. Lang, dass Ängste und Vorbehalte gegenüber der nach Osten gefeierten Messe in erster Linie mit einer geringen Vertrautheit dieser Form verbunden sind. Die außerordentliche Form des Römischen Ritus werde vielen Menschen helfen, diese Art des Feierns der Heiligen Messe wieder zu entdecken und schätzen zu lernen.