„Die gegenwärtige Krise ist eine Krise der Wahrheit über den Menschen“

Interview mit Mariano Fazio, dem Direktor der Päpstlichen Universität Santa Croce (Rom)

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ROM, 22. Februar 2007 (ZENIT.org).- Der anhaltende Säkularisierungsprozess ist nach Ansicht des Direktors der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, Mario Fazio, in erster Linie eine Folge einer „anthropologischen Krise“.



ZENIT nahm die Vorstellung seines neuen spanischen Buches „Historia de las ideas contemporáneas. Una lectura del proceso de secularización“ („Geschichte der zeitgenössischen Ideen. Eine Einschätzung des Prozesses der Säkularisierung“; erschienen im Rialp-Verlag) zum Anlass für ein ausführliches Interview über dieses Thema.

Professor Mariano Fazio, geboren 1960 in Buenos Aires (Argentinien), unterrichtet an der Fakultät für Institutionelle Soziale Kommunikation der Päpstlichen Universität Santa Croce unter anderem das Fach „Geschichte der politischen Systeme“.

Der Historiker und Philosoph hat bisher mehrere Bücher verfasst, die in der spanischen Welt Verbreitung fanden, etwa „Vom guten Wilden zum Bürger“ (Buenos Aires, 2003) oder „Zur Geschichte der zeitgenössischen Philosophie“ (Madrid, 2004), die Frucht einer Zusammenarbeit mit Francisco Fernandez Labastida.

ZENIT: Ist Säkularisierung unvermeidlich ein negativer Prozess?

-- Fazio: Die These des Buches bestätigt im Wesentlichen, dass es zwei Entwicklungsstränge von Säkularisierung gibt. Ein starker Strang besteht in der Bekräftigung der absoluten Autonomie des Menschen, der sich von jeglicher Bindung an eine transzendente Instanz lossagt.

Aus christlicher beziehungsweise anthropologischer Sicht handelt es sich um einen sehr negativen Prozess, weil die menschliche Person nicht ohne ihr Offensein für Transzendenz verstanden werden kann.

Aber es gibt noch einen anderen Prozess von Säkularisierung, den ich „De-Säkularisierung“ genannt habe: das stetig zunehmende Bewusstsein für die relative Autonomie der zeitlichen Dinge. Und diesen Prozess halte ich für genuin christlich.

Es geht also darum, die Unterschiede zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Ordnung, zwischen der politischen und der geistlichen Macht herauszuarbeiten, und nicht um die radikale Trennung dieser Dimensionen. Das heißt mit anderen Worten, der Maxime: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“, treu zu bleiben.

Während der erste Entwicklungsstrang als „Laizismus“ bezeichnet werden kann, ist der zweite gewissermaßen die Bestätigung des Säkularen.

ZENIT: Ihr Buch über die zeitgenössische Ideenwelt scheint diese mit der westlichen Kultur zu identifizieren. Ist das so?

-- Fazio: Ich glaube, dass die westliche Kultur nicht ohne das Christentum verstanden werden kann. Die beiden oben erwähnten Prozesse sprechen für das Vorhandensein der christlichen Religion in der Geschichte unserer Gesellschaften. Man kann unmöglich über Voltaire, Nietzsche oder Marx sprechen, ohne ihre Haltung in Bezug auf die christliche Offenbarung mit zu bedenken. In dieser Hinsicht ist Säkularisierung das Kennzeichen einer Kultur, die einen christlichen Ursprung hat, wie es eben bei der der westlichen Kultur der Fall ist. In anderen Kulturen ist es zu ganz anderen Prozessen gekommen, und doch haben auch in Asien oder in Afrika jene Elemente, die mit der Säkularisierung zu tun haben, ihren Ursprung in der westlichen Welt.

ZENIT: Liberalismus, Nationalismus, Marxismus und Verwissenschaftlichung sind Ihren Ausführungen zufolge „Ersatzreligionen“. Ist es nicht auch denkbar, dass sie neben und zusammen mit den Religionen existieren können?

-- Fazio: Die Ideologien, die das 19. und 20. Jahrhundert gekennzeichnet haben, erheben den Anspruch, die komplette Erklärung für den Menschen und sein Schicksal parat zu haben. In diesem Sinn sind sie mit den Religionen inkompatibel, eben weil sie versuchen, eine Gesamterklärung der Welt abzugeben.

Allerdings sind die Ideologien, die im Buch erwähnt werden, nicht miteinander identisch, und es gibt einige Ausprägungen, die nicht direkt gegen die Religion gerichtet sind.

In meinem Buch versuche ich, die verschiedenen Formen von Ideologien zu erklären, obgleich ich die reduktionistischen Anthropologien offen kritisiere, auf denen sie aufbauen.

ZENIT: Die heutige Welt befindet sich in der Krise. Kann man sie grundsätzlich als eine „anthropologische Krise“ bezeichnen?

-- Fazio: Ich bin davon überzeugt, dass die gegenwärtige Krise eine Krise der Wahrheit über den Menschen ist. Deshalb die Beharrlichkeit von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., wenn es um den Glauben an die Vernunft geht, die zu objektiven und normativen Wahrheiten kommen kann. Ich glaube, dass man das Lehramt von Papst Johannes Paul II. als einen Versuch beschreiben kann, die Schönheit der Wahrheit über den Menschen zu bekennen.

Die Wahrheit kann man kennen lernen (vgl. Enzyklika Fides et Ratio), man kann sie leben (vgl. Veritatis splendor), und man sollte sie auch verbreiten (vgl. Redemptoris missio).

Der jetzige Papst setzt sich sehr dafür ein, dass wir das Naturgesetz wiederentdecken, das Licht auf die Hauptprobleme der zeitgenössischen Kultur wirft: auf die Familie, das Leben, den Frieden, den interkulturellen Dialog usw.

ZENIT: Was ist aus dem Auftrag von Johannes Paul II. geworden, eine neuen Weltordnung zu schaffen?

-- Fazio: Dieser Vorschlag von Johannes Paul II., eine neue Weltordnung zu schaffen, ist mit wenigen Worten in der Rede des Papstes an die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1995 formuliert worden (vgl. englische Fassung).

Der Papst sprach damals über die grundlegenden gemeinsamen Eigenschaften des Menschen, über die anthropologische Spannung zwischen der Offenheit für die Universalität und der Identifizierung mit dem Einzelnen – eine Spannung, die es mit ruhiger Ausgewogenheit zu leben gilt. Er hob auch hervor, dass es einen objektiven moralischen Auftrag gibt, der den Respekt vor der menschlichen Person in ihrer Gesamtheit meint. Leider können wir bis heute feststellen, dass es ganz anders gekommen ist.

In dieser Rede kam aber jedenfalls ein großes Vertrauen auf Gott und auf die menschliche Person zum Ausdruck, die ja immer die Fähigkeit behält, wieder auf verlassene Wege zurückzukehren.

Heutzutage gibt es zwischen denjenigen, die eine ganzheitliche, umfassende Sicht der menschlichen Person propagieren, und jenen, die reduktionistische Positionen vertreten, einen regelrechten Kulturkampf. Ich vertraue darauf, dass sich die Schönheit der Wahrheit über den Menschen durchsetzen wird, weil man ja doch schon Symptome der Ermüdung einer nihilistischen und relativistischen Atmosphäre spürt.

Wahrhaftig hängt alles vom Gebrauch ab, den wir, die Männer und Frauen unserer Tage, von unserer Freiheit machen, dem größten Geschenk Gottes im Rahmen der natürlichen Ordnung.