Die Geistlichen Übungen des Papstes mit der Kurie und die Exerzitien des hl. Ignatius (Erster Teil)

Interview mit Pater Mark Rotsaert, Leiter des Zentrums für Ignatianische Spiritualität an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 442 klicks

In der Stille eines Exerzitienhauses beging Papst Franziskus im Beisein von Kardinälen, Bischöfen und Priestern der Römischen Kurie den ersten Jahrestag seines Pontifikates.

In diesem Zusammenhang drängen sich die folgende Fragen auf: Haben diese kirchlichen Würdenträger an den heute endenden sechstägigen geistlichen Übungen des hl. Ignatius teilgenommen? Worum handelt es sich bei diesen von dem spanischen Heiligen aufgezeichneten Exerzitien? Welche Bedeutung haben sie für einen Menschen, der sich bereits für einen entsprechenden Status, beispielsweise die Ordenszugehörigkeit, entschieden hat? Welche Rolle spielt das Gewissen dabei? Handelt es sich bei den Exerzitien um Gehirnwäsche? Wie konnte Bergoglio als Jesuit das Papstamt annehmen? Birgt das ignatianische Prinzip des „agere contra“ nicht eine gewisse Gefahr des Pelagianismus?

Um zu einem tieferen Verständnis von Papst Franziskus und dieses Themas zu gelangen, führte ZENIT ein Gespräch mit dem belgischen Pater Mark Rotsaert SJ, Leiter des Zentrums für Ignatianische Spiritualität an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom sowie Autor zahlreicher Bücher, darunter „Spiritual Discernment in the Texts of Saint Ignatius“ (Geistliche Unterscheidung in den Texten des hl. Ignatius; eigene Übersetzung).

***

ZENIT: Worum handelt es sich bei geistlichen Exerzitien und innerer Einkehr? Geht ihr Ursprung auf den hl. Ignatius zurück oder existierten sie bereits vor ihm?

P. Rotsaert: Was wir heute als geistliche Exerzitien bezeichnen, entstand mit dem hl. Ignatius. Die Geschichte der inneren Einkehr reicht ebenso wie jene der Augenblicke der Spiritualität weiter zurück. Allerdings wiesen diese geistlichen Übungen nicht die vom hl. Ignatius vorgegebene Struktur auf. Dieser verfasste die geistlichen Exerzitien aus zwei Gründen: einer persönlichen Erfahrung mit Gott nach seiner Bekehrung in Loyola, während seiner Lektüre über das Leben Jesu und der Heiligen. Die zweite Erfahrung mit dem Ziel, den Seelen zu helfen, ereignete sich in Manresa, einem Ort in Spanien, an dem er etwa elf Monate weilte. Ignatius war damals kein Mitglied des Militärs unter dem König von Spanien mehr, aber noch ein Laie auf der Suche nach Jesus. Daher zog er weiter nach Barcelona und von dort aus in das Heilige Land. Er schrieb die geistlichen Exerzitien nicht für die Zuhörer, sondern für die Prediger, denn die Absolvierung der ignatianischen Exerzitien bedarf der Führung eines Predigers. Sie wurden nicht für die individuelle Praxis konzipiert.

ZENIT: Was kann man sich unter diesen Exerzitien nun vorstellen?

P. Rotsaert: Es handelt sich um ein Phänomen, das im 16. Jahrhundert erstmals in Erscheinung trat. Im Rahmen meiner Forschungsarbeit zu diesem Thema fand ich keine anderen Arbeiten, bei denen sich etwas Vergleichbares vollzieht. Sie erstrecken sich über neun Monate, vier Stunden am Tag und eine weitere Stunde in der Nacht. Die Originalität besteht im pädagogischen Kurs, denn dieses vierwöchige Gebet hilft bei der für die jeweilige Lebenssituation bestmöglichen Entscheidungsfindung.

Die Neuheit ist die Neuinterpretation des Gebetes. Nach einem einstündigen Gebet muss die Erfahrung während des Gebetes neu gedeutet werden. Wurde ich davon berührt? Habe ich Freude verspürt? Welche Gefühle wurden in mir hervorgerufen? Diese innere Bewegung ist Gottes Art, mit uns zu sprechen und die Art, ihm zuzuhören. Aus diesem Grund muss der Leiter während der Exerzitien bei der Interpretation positiver Augenblicke des Trostes und der Freude helfen, die am Ende des Rückzuges den einzuschlagenden Weg weisen.

Die Neuinterpretation kann in zwei Stufen erfolgen: Wenn sie nicht geglückt ist, muss man zunächst der Ursache auf den Grund gehen. Der zweite und wichtigste Schritt ist die Erforschung, auf welche Weise die Neuinterpretation uns berührt hat. Deshalb sagte der hl. Ignatius, dass der Prediger keine zu ausführlichen Erklärungen des Evangeliums liefern soll. So bleibt dem Exerzitianten Raum, die Antworten in seinem Gebet zu finden, denn es kommt weniger auf das Wissen als auf die Fülle des Spürens und Erfahrens an.

ZENIT: In Franziskus ist die persönliche Beziehung zu Jesus sehr stark sichtbar. Wie stehen Sie dazu?

P. Rotsaert: Ja, das ist richtig. Darüber hinaus zeigt sich, dass laut Ignatius am Ende des Gebetes ein Gespräch mit Jesus von Freund zu Freund notwendig ist.

Die Exerzitien dauern vier Wochen. Der erste Schritt ist der Eintritt in eine Beziehung mit Gott, in das Gebet, die Betrachtung der eigenen Sünden und der Barmherzigkeit Gottes. Je schwerer das Gewicht der Sünden auf einem Menschen lastet, umso mehr wird er die Barmherzigkeit Gottes zu schätzen wissen. Am Ende dieser Woche stellt sich der Exerzitiant die folgende Frage  „Was tue ich?“, und beendet den Rückzug mit der Frage: „Was soll ich tun?“.

Die zweite Woche ist der Betrachtung gewidmet. Es gilt, Menschen zu sehen, ihnen zuzuhören, sie zu beobachten. Ziel ist der Eintritt in die Vision des hl. Ignatius, sodass der Exerzitiant eine Beziehung mit Christus aufbaut; nicht mit einem Menschen, der vor zweitausend Jahren gelebt hat, sondern mit einem Menschen der Gegenwart. In dieser Woche, der längsten, steht das öffentliche Leben Jesu im Mittelpunkt. Das Thema der dritten Woche ist das Leiden und jenes der vierten die Auferstehung.

ZENIT: Wie oft führen Jesuiten in ihrem Leben Exerzitien durch?

P. Rotsaert: Das erste Mal fällt in das erste Noviziatsjahr. Die zweiten Exerzitien finden nach dem Abschluss eines Studienganges in den Fächern Theologie, Philosophie, etc. im dritten Noviziatsjahr statt. Ignatius bezeichnet dies als drittes Jahr der „schola affectus“.

Der zweite Teil des Interviews folgt am Dienstag, dem 18. März.