Die Geistlichen Übungen des Papstes mit der Kurie und die Exerzitien des hl. Ignatius (Zweiter Teil)

Interview mit Pater Mark Rotsaert, Leiter des Zentrums für Ignatianische Spiritualität an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 385 klicks

ZENIT: Wird die innere Einkehr grundsätzlich an einem anderen Ort geführt als dem Arbeitsplatz – wie in Ariccia?

P. Rotsaert: Das ist nicht immer der Fall, allerdings die vorzuziehende Lösung, denn wenn der Ort der inneren Einkehr dem  Wohnort entspricht, ist man vielleicht dazu geneigt, anderen Tätigkeiten nachzugehen. Eine weitere Methode der Absolvierung der Exerzitien während des Jahres besteht darin, zuhause zu beten und sich im Rahmen der Neuinterpretation und der einmal pro Woche stattfindenden Begegnung mit dem geistlichen Begleiter der Besinnung zu widmen. Der hl. Ignatius hat dies berücksichtigt. Dieses System ist irgendwann in Vergessenheit geraten, wurde zu Beginn der 1960er Jahre allerdings von einem Pater aus meiner Provinz in Belgien wiederentdeckt. Der ebenso an dieser Universität wirkende Pater Cusson unternahm dann mit großem Erfolg weitere Forschungen. Da die Exerzitien immer an die jeweilige Person anzupassen sind, ist eine exakt an dem Buch orientierte Durchführung der Exerzitien dem hl. Ignatius jedoch zugleich untreu.

ZENIT: Es äußerten sich zahlreiche kritische Stimmen, wonach es sich bei den  Exerzitien des hl. Ignatius um eine Form der „Gehirnwäsche“ handle.

P. Rotsaert: Darüber muss ich lachen. Ich habe nämlich ein kleines Buch auf Französisch über die Exerzitien verfasst und in der Einleitung auf den erstaunlichen offensichtlichen Widerspruch zwischen einer gymnastischen und einer geistlichen Übung sowie den „Versuch einer Gehirnwäsche“ hingewiesen. Hierfür spielen zwei Faktoren eine ausschlaggebende Rolle: Mit einem guten Prediger und an einem normalen Ort der Einkehr kommt es nicht dazu! Allerdings fand der hl. Ignatius zweifellos einen Weg, der dem Glauben des Menschen eine ziemlich entscheidende Rolle zuerkennt und eine freie Entscheidung ermöglicht.

ZENIT: Franziskus thematisierte oft die Frage des Gewissens, mit dem ein Mensch Gott vernimmt. Wie  wird dies von einem Jesuiten erlebt?

P. Rotsaert: Die Kirche hat das Gewissen stets als das letzte Kriterium im Entscheidungsprozess bezeichnet. Das gleiche gilt für erarbeitete Themen wie die Ehe, für die der Gläubige sich das Wissen um den kirchlichen Standpunkt aneignen muss, wobei die letztendliche Entscheidung über das Bewusstsein getroffen wird. Auf diesen Unterschied ist die stärker pastoral geprägte Sprache von Papst Franziskus zurückzuführen. Das Dikasterium der Glaubenskongregation muss seine Funktionen natürlich erfüllen, doch der Papst betont die Existenz dieser theologisch begründeten Wahrheit, mit der wir alle auch im Leben konfrontiert sind.

ZENIT: Lehre und Naturgesetz stehen nicht im Widerspruch zueinander. Führt ein rechtes Gewissen zum Verständnis der Lehre?

P. Rotsaert: In der Tat. In der Geschichte der Gesellschaft Jesu hatten die Jesuiten eine besondere theologische Offenheit in Bezug auf Pascal und andere strengere Schulen. Auch dafür gibt der hl. Ignatius Kriterien vor und der Jesuit muss diese auf Menschen, Orte, Zeitumstände usw. anzuwenden verstehen. Er hat den Eintritt der Kandidaten in die Kirche durch Regeln festgelegt; unter Vorlage tatsächlich wichtiger Gründe sind jedoch Ausnahmen möglich.

ZENIT: Wenn der Papst mit Menschen spricht, entsteht der Eindruck, dass er nach den Guten Seiten ihres Gewissens suche, so schwer diese auch zu finden sein mögen …

P. Rotsaert: Das ist gewissermaßen Ausdruck unserer Spiritualität, aber nicht nur unserer.

ZENIT:  Apropos Gewissen: Aufgrund des Papstgelübdes wird dies den Jesuiten nicht möglich sein. Ist die Gewissensfreiheit zum Teil auf Bergoglio übergegangen?

P. Rotsaert: Innerhalb der Gesellschaft Jesu werden drei Ordensgelübde abgelegt. Hinzu kommt ein viertes Versprechen des Gehorsams gegenüber dem Papst. Darüber hinaus existieren kleinere Gelübde in Bezug auf Armut und Ambition. Aus der Sicht des hl. Ignatius ging von diesen beiden Versuchungen die größte Gefahr für die Kirche aus. Wir sind dazu verpflichtet, mit Ausnahme von Verschärfungen niemals Änderungen an den vom hl. Ignatius gewünschten Regeln der Armut durchzuführen. Dies ist selbstverständlich nie geschehen. In Bezug auf Ambitionen erkennen wir die Verantwortung der Bischöfe usw. nicht an. Historisch betrachtet gab es natürlich Bischöfe; beispielsweise wenn im Falle von durch einen Jesuiten initiierten Missionen kein anderer Bischof zur Verfügung stand. Angesichts der Weisung, kein Bischofsamt anzustreben, war ein Jesuitenpapst in der Vorstellung des hl. Ignatius sicherlich undenkbar.

ZENIT: Dennoch hat Bergoglio die Papstwahl angenommen. Musste er dafür eine Ausnahmeregelung beantragen?

P. Rotsaeert: Aufgrund einer Ausnahmeregelung konnte er bereits das Bischofsamt ausüben. Alles Weitere ist eine Folge davon.

ZENIT:   Manchmal ist bei Ordensangehörigen eine Haltung des „Gut-Seins“ zu beobachten, die ihnen ein „Nein-Sagen“ erschwert. Bei Papst Franziskus ist das nicht der Fall. Ist dies ein Ausdruck der Anwendung des Prinzips „agere contra“ bei Entscheidungen wie dem Verbleib im päpstlichen Gästehaus „Domus Sanktae Martae“?

P. Rotsaert: Es ist wichtig, Nein sagen zu können. Das Prinzip „agere contra“ ist hingegen im Kontext zu betrachten. Die Exerzitien sind eine Methode, um den Weg der Nachfolge Jesu zu erkennen. Wenn man wählen kann, wird man sich eher für den Reichtum als für die Armut entscheiden. Im Gebet und im Dialog mit Jesus erbittet man das Gegenteil. Die Bitte erfolgt jedoch in Form eines Geschenks ohne Beteiligung des persönlichen Willens.

ZENIT: Finden die geistlichen Übungen des Papstes und der Kurie im Beisein eines Priesters statt?

P. Rotsaert: Genau genommen nicht. Sie werden jedoch selbstverständlich im Geiste der Methode des hl. Ignatius absolviert.

Der erste Teil des Interviews erschien gestern, am Montag, dem 17. März.