"Die gesamte Existenz Mariens ist ein Hymnus auf das Leben"

Papst Franziskus betet Rosenkranz in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 769 klicks

Bei seinem Einzug in die Basilika wurde der Papst vom Kapitel empfangen und küsste zum Zeichen der „Inbesitznahme“ der Basilika das Kruzifix. Die Ikone der Gottesmutter „Salus Populi Romani“ (Beschützerin des römischen Volkes) war zu diesem Anlass am Altar oberhalb der Confessio aufgestellt worden. Nach einer Begrüßung durch Kardinalerzbischof Santos Abrily Castelló führte Papst Franziskus in die freudenreichen Mysterien des hl. Rosenkranzes ein.

Vor der abschließenden Verehrung des Bildes der seligen Jungfrau Maria „Salus Populi Romani“ mit Blumen wandte sich der Papst mit folgender Betrachtung an die anwesenden Gläubigen.

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Meditation des Heiligen Vaters

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute Abend stehen wir vor Maria. Unter ihrem mütterlichen Schutz haben wir sie darum gebeten, uns zu einer immer tieferen Einheit mit ihrem Sohn Jesus zu führen; wir haben unsere Freuden und Sorgen, unsere Hoffnungen und Schwierigkeiten zu ihr hingetragen. Unter dem schönen Titel „Salus Populi Romani“ haben wir sie um Gesundheit für uns alle, für Rom und für die gesamte Welt angerufen, denn Maria schenkt uns Gesundheit. Sie ist unsere Gesundheit.

Durch seine Passion, seinen Tod und seine Auferstehung bringt Jesus Christus uns die Rettung. Er schenkt uns die Gnade und die Freude an der Gotteskindschaft und daran, ihn in Wahrheit als Vater bezeichnen zu dürfen. Maria ist die Mutter; eine Mutter ist vor allem um die Gesundheit ihrer Kinder besorgt und versteht es, diese stets mit großer Liebe und Zärtlichkeit zu pflegen. Die Gottesmutter schützt unsere Gesundheit, doch was bedeutet das? Ich denke dabei vor allem an drei Aspekte: Sie unterstützt uns in unserem Wachstum, bei der Bewältigung unseres Lebens und in unserer Freiheit.

Eine Mutter hilft ihren Kindern dabei, groß zu werden, und möchte, dass sie gut gedeihen. Daher erzieht sie sie dazu, sich nicht von der – nicht zuletzt einem gewissen Wohlstand entspringenden   Bequemlichkeit leiten zu lassen, sich nicht an ein angenehmes Leben zu gewöhnen, das allein auf den Besitz von Dingen ausgerichtet ist. Die Mutter trägt Sorge dafür, dass die Kinder immer weiter wachsen, stark werden und die Fähigkeit zur Verantwortung, zum Einsatz und zum Streben nach großen Idealen erlangen. Im Evangelium nach dem hl. Lukas lesen wir folgendes über Jesus in der Familie von Nazareth „Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit und seine Gnade ruhte auf ihm“ (Lk 2,40). Genau dies vollbringt die Gottesmutter an uns: Sie unterstützt uns in unserem Wachstum als Menschen und im Glauben und hilft uns dabei, stark zu werden und nicht der Versuchung eines oberflächlichen Mensch- und Christseins zu erliegen, sondern vielmehr ein verantwortungsvolles und immer weiter nach oben strebendes Leben zu verbringen.

In zweiter Hinsicht denkt eine Mutter auch insofern an die Gesundheit ihrer Kinder, wenn sie sie dazu erzieht, den Schwierigkeiten des Lebens entgegenzutreten. Die Erziehung und die Sorge um das Wohl der Kinder bestehen nicht darin, Probleme zu vermeiden, als sei das Leben eine Autobahn ohne Hindernisse. Eine Mutter hilft ihren Kindern dabei, die Problemen des Lebens realistisch zu betrachten, sich nicht in ihnen zu verlieren, sondern sich ihrer mit Mut anzunehmen, nicht schwach zu sein, sondern sie in einem gesunden Gleichgewicht zu überwinden, das eine Mutter zwischen den Bereichen der Sicherheit und den Gefahrenzonen „spürt“. Es gibt kein Leben ohne Herausforderungen. Wenn ein Junge oder ein Mädchen diesen nicht zu begegnen weiß, indem er oder sie sich selbst ins Spiel bringt, ist er oder sie ohne Rückgrat! Erinnern wir uns an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Jesus empfiehlt nicht die Haltung des Priesters und des Leviten, die dem unter die Räuber geratenen Mann keine Hilfe zuteilwerden lassen, sondern jene des Samariters, der die Lage dieses Mannes erfasst und sich seiner auf konkrete Weise annimmt. Maria begegnete vielen schweren Momenten in ihrem Leben: von der Geburt Jesu, als „in der Herberge kein Platz für sie war“ (Lk 2,7) bis hin zum Kalvarienberg (vgl. Joh 19,25). Wie eine gute Mutter ist sie uns nahe, damit wir angesichts der widrigen Umstände des Lebens, unserer Schwäche und unserer Sünden den Mut nicht verlieren: Sie gibt uns die Kraft und weist uns den Weg ihres Sohnes. Auf Johannes zeigend, sagt Jesus vom Kreuz herab zu Maria: „Frau, siehe, dein Sohn!“, und zu Johannes: „Siehe, deine Mutter!“ (vgl. Joh 19,26-27). Dieser Jünger ist der Inbegriff unser aller: Der Herr vertraut uns den Händen voller Liebe und Zärtlichkeit der Mutter an, sodass wir uns bei der Bewältigung der auf unserem menschlichen und christlichen Weg vorhandenen Hindernisse getragen fühlen.

Schließlich begleitet eine gute Mutter ihre Kinder nicht allein in ihrem Wachstum, wobei die Probleme und Herausforderungen des Lebens nicht vermieden werden, sondern hilft auch, die endgültigen Entscheidungen in Freiheit zu treffen. Doch was ist Freiheit? Gewiss besteht sie nicht darin, alles zu tun, was man will, sich von den Leidenschaften beherrschen zu lassen, unreflektiert von einer Erfahrung zur anderen überzugehen, den Moden der Zeit zu folgen; Freiheit bedeutet nicht, gleichsam alles, was einem nicht gefällt, aus dem Fenster zu werfen. Die Freiheit ist uns geschenkt, damit wir es verstehen, die guten Entscheidungen im Leben zu treffen! Als gute Mutter erzieht uns Maria dazu, wie sie zu sein und endgültige Entscheidungen zu treffen, in jener vollkommenen Freiheit, mit der sie dem göttlichen Plan für ihr Leben mit Ja zugestimmt hat (vgl. Lk 1,38).

Liebe Brüder und Schwestern, wie schwierig ist es in unserer Zeit, endgültige Entscheidungen zu treffen! Das Vorläufige verführt uns. Wir sind die Opfer einer Tendenz, die uns zur Vorläufigkeit führt… als wollten wir unser ganzes Leben lang Jugendliche bleiben! Lasst uns keine Angst vor dem verbindlichen Engagement haben; vor jenen Verpflichtungen, die das gesamte Leben betreffen und einschließen! So wird unser Leben fruchtbar sein!

Die gesamte Existenz Mariens ist ein Hymnus auf das Leben, ein Hymnus der Liebe zum Leben: Sie hat Jesus aus dem Fleisch hervorgebracht und die Geburt der Kirche am Kalvarienberg und im Abendmahlsaal begleitet. Die „Salus Populi Romani“ ist die Mutter, die uns im Wachstum und bei der Bewältigung der Probleme Gesundheit schenkt und uns für die endgültigen Entscheidungen frei macht. Sie ist die Mutter, die uns lehrt, fruchtbar und offen zu sein für das Leben, stets Früchte des Guten, der Freude und der Hoffnung zu tragen und den anderen leibliches und geistliches Leben zu schenken.

Darum bitten wir dich, O Maria, „Salus Populi Romani“, Beschützerin des römischen Volkes und unser aller: Schenke uns die Gesundheit, die du allein uns geben kannst, auf dass wir stets Zeichen und Werkzeuge des Lebens seien.