„Die Geschichte braucht die Verkündigung des Evangeliums“: Benedikt XVI. an die Römische Kurie

Traditioneller Weihnachtsempfang mit der Bilanz für das Jahr 2007

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ROM, 21. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Die traditionelle Weihnachtsansprache des Papstes an die Römische Kurie ist ein mit Spannung erwartetes Ereignis. In ihr setzt der Papst das auseinander, was die einschneidenden Ereignisse seines Dienstes als Nachfolger des Apostels Petrus während des gesamten Jahres waren. Gleichzeitig gibt er auf der Grundlage dieser Ereignisse Anstöße für die Sicht des Lebens der universalen Kirche.



Die diesjährige Ansprache Benedikts XVI. trat in das Herz der Erinnerung jener Ereignisse ein, die das Jahr 2007 besonders kennzeichneten. Für den Papst war das Jahr ein weiterer Abschnitt der Geschichte der Kirche in ihrer Sendung, sich gegen den „Druck“ der Ideologien und der Säkularisierung zu wenden.

„Um zu ihrer Erfüllung zu gelangen, braucht die Geschichte die Verkündigung der Frohbotschaft an alle Völker, an alle Menschen“, mahnte der Papst vor den versammelten Bischöfen und Kardinälen der vatikanischen Dikasterien. „Wie wichtig ist es doch, dass in der Menschheit Kräfte der Versöhnung, Kräfte des Friedens, Kräfte der Liebe und Gerechtigkeit zusammenfließen; wie wichtig ist es, dass in der Bilanz der Menschheit, angesichts der Gefühle und der Wirklichkeit der Gewalt und der Ungerechtigkeit, die sie bedrohen, Gegenkräfte erregt und gestärkt werden!“

Genau das sei es, was die christliche Mission tue: „Durch die Begegnung mit Jesus Christus und seiner Heiligen, durch die Begegnung mit Gott, wird die Bilanz der Menschheit mit jenen Kräften des Guten ausgestattet, ohne die all unsere Programme der sozialen Ordnung nicht Wirklichkeit werden, sondern – angesichts des übermächtigen Drucks anderer, gegen den Frieden und die Gerechtigkeit gerichteter Interessen – nur abstrakte Theorien bleiben.“

Vor seiner Grundbotschaft ließ Benedikt XVI. das vergangene Jahr Revue passieren. Einen besonderen Akzent setzte der Heilige Vater auf seine Pastoralreise nach Brasilien zur V. Generalversammlung des lateinamerikanischen und karibischen Episkopats. Bevor er auf diese Konferenz von Aparecida zur sprechen kann, erinnerte er an einige bedeutende Etappen seiner Reise. Dazu gehörte das Treffen mit den Jugendlichen Lateinamerikas.

„Es gibt Massenveranstaltungen“, so der Papst, „die nur den Effekt der Selbstbehauptung haben; in ihnen lässt man sich von der Trunkenheit des Rhythmus und der Klänge mitreißen, wobei man dabei endet, sich nur aus sich selbst heraus zu freuen.“ Bei dem Jugendtreffen hingegen „öffnete sich geradezu die Seele; die tiefe Gemeinschaft, zu der es an diesem Abend spontan unter uns kam, im Mit-Sein mit den anderen, brachte ein Für-Sein für die anderen mit sich.“

Benedikt XVI. stellte fest, dass es sich dabei nicht um eine Flucht vor dem alltäglichen Leben gehandelt habe. Das Treffen verwandelte sich vielmehr „in die Kraft, das Leben auf neue Weise anzunehmen“.

Auch der Tag der Heiligsprechung des Brasilianers Frei Galvão sei zu einem Zeichen der Heiligkeit geworden. Christus komme am Ende der Zeiten nicht allein, sondern zusammen mit seinen Heiligen. Die Heiligen nähmen somit in unserer Zeit „eine kleine Portion der Wiederkunft Christi vorweg“. Und das zeige: „Jesus gehört nicht zur Vergangenheit und liegt nicht in einer fernen Zukunft, deren Ankunft zu erbitten wir nicht einmal den Mut haben. Er kommt in einer großem Prozession der Heiligen. Zusammen mit seinen Heiligen ist er schon immer auf dem Weg zu uns, zu unserem Heute.“

Der Besuch im Drogenrehabilitationszentrum „Farm der Hoffung“ („Fazenda da Esperança“) blieb Benedikt XVI. in besonderer Erinnerung: als der Ort, wo das Lächeln auf das Gesicht ehemaliger Sklaven der Droge zurückgefunden hat, die erneut ihre Würde gefunden haben. Die sei ein „Abglanz der göttlichen Schönheit“, die in der umgebenden Natur, in der der Hof gelegen ist, aufleuchte.

„Wir müssen die Schöpfung nicht nur hinsichtlich dessen verteidigen, was für uns nützlich ist, sondern an sich selbst, als Botschaft des Schöpfers, als Geschenk der Schönheit, die Verheißung von Hoffnung ist. Ja, der Mensch braucht die Transzendenz“, so Benedikt XVI. Wenn Gott fehlt, so sei der Mensch dazu gezwungen, alleine die Grenzen der Welt zu überwinden. So werde die Droge für ihn quasi zu einer Notwendigkeit. Bald aber erkenne er, dass diese endlose Weite illusorisch ist: ein „Spott des Teufels“.

Hinsichtlich des Aktes der Selbstbesinnung der lateinamerikanischen Kirche während der Konferenz von Aparecida merkte der Papst an, dass sich jemand nach der Berechtigung dieses Themas fragen könnte: „Handelt es sich dabei nicht um eine exzessive Wende hin zur Innerlichkeit, in einem Augenblick, in dem die großen Herausforderungen der Geschichte, die dringlichen Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freiheit den vollen Einsatz aller Menschen guten Willens und in besonderer Weise der Christenheit und der Kirche verlangen?“

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich nach Worten des Papstes aus einer Reflexion über das Schlüsselwort: das wahre Leben finden. Jünger Christi sein bedeute in erster Linie, ihn zu erkennen: indem gehört wird, wie er aus der Heiligen Schrift spricht. Ihn kennen heiße mit ihm gehen, in sein Fühlen eintreten.

Die Katechese sei somit „nie nur eine intellektuelle Lehre, sie muss immer auch ein Vertrautwerden mit der Lebensgemeinschaft mit Christus sein; eine Übung der Demut, in der Gerechtigkeit und der Liebe... Nur von Gott her verstehen wir den Menschen und die Welt; eine Welt, die anders eine Frage ohne Sinn bleiben würde.“

Das Schlussdokument von Aparecida konkretisiere dieses Leben des Christen, indem es von der frohen Botschaft her über die Würde des Menschen spreche, das Leben, die Familie, die Wissenschaft und die Technik, die Arbeit, die universale Bestimmung der Güter der Erde und die Ökologie.

Der Jünger Christi sei verpflichtet, „Missionar“ zu sein. Dieser Anspruch steht für den Papst nicht im Widerspruch zum Dialog zwischen den Religionen, wofür die katholische Kirche mit großem Einsatz arbeite, wozu auch die Treffen in Assisi sowie die interreligiöse Begegnung von Neapel gedient haben. In diesem Zusammenhang erinnerte der Papst auch an den Brief des 138 muslimischen Religionsführer vom vergangenen 13. Oktober sowie an seine Antwort. Dabei habe er seine Freude über die edlen Absichten der Schreiber zum Ausdruck gebracht; gleichzeitig habe er die Dringlichkeit eines einmütigen Engagements für den Schutz der Werte des gegenseitigen Respekts, des Dialogs und der Zusammenarbeit verdeutlicht.

Dieser Dialog aber bedeute nicht, dass die Christen es aufgeben dürfen, Christus zu verkündigen. „Wer eine große Wahrheit erkannt hat, wer eine große Freude gefunden hat, muss dies weitergeben, er darf dies nicht für sich behalten“, betonte der Heilige Vater.

Aus all dem ergebe sich, dass es richtig war, dass in Aparecida das Wesen der Jüngerschaft Christi im Mittelpunkt der Überlegungen stand. Denn: „Durch die neue Begegnung mit Jesus Christus und seinem Evangelium – und nur so – werden jene Kräfte erweckt, die fähig sind, auf die Herausforderungen der Zeit die richtige Antwort zu geben.“

Der Dialog konnte in diesem Jahr in einem anderen Problembereich Fortschritte erzielen. Dies geschah durch den Brief des Papstes an die Christen Chinas. In diesem Briefe hat Benedikt XVI. nach eigenen Aussagen einige Leitlinien behandeln wollen, um im Geist der Gemeinschaft und der Wahrheit die delikaten und komplexen Problematiken des Lebens der Kirche in China anzugehen und zu einer Lösung zuzuführen. Dabei sei auch die Bereitschaft des Heiligen Stuhls zum Ausdruck gebracht worden, mit den zivilen Obrigkeiten in einen ruhigen und konstruktiven Dialog einzutreten, um zu einer Lösung der verschiedenen die katholische Gemeinschaft betreffenden Probleme zu gelangen. Die Katholiken Chinas hätten den Brief mit Freude und Dankbarkeit aufgenommen.

Zum Schluss seiner Ansprache ging Benedikt XVI. kurz auf seine Apostolische Reise nach Österreich und seine Begegnung mit den italienischen Jugendlichen in Loreto ein.

In Österreich habe es sich, in Anspielung auf die klimatischen Verhältnisse, um einen „Regen des Glaubens“ gehandelt. Diese Freude des Glaubens habe die Regenwolken durchdrungen, die über allem lagen.

Loreto sei „ein großes Zeichen der Freude und der Hoffnung“ gewesen: „Wenn so viele Jugendliche Maria begegnen wollen und mit Maria Christus, und sich von der Freude des Glaubens anstecken lassen, so können wir ruhigen Mutes der Zukunft entgegengehen.“ Gleichzeitig sei nicht verabsäumt worden, die Manipulationen zu beklagen, denen die Jugend heute ausgesetzt ist, sowie die Gefahren aufzuzeigen, die sich daraus für die Gesellschaft der Zukunft ergeben.

„Gewiss, man bracht sich keiner Illusion hinzugeben“, so der Papst am Ende seiner Ansprache. Die Probleme, die der Säkularismus mit sich bringe, und der Druck der ideologischen Voreingenommenheit, zu dem das säkularisierte Bewusstsein mit seinem exklusiven Anspruch auf eine definitive Rationalität tendiert, seien nicht gering. Trotz aller Mühseligkeit gelte die Verheißung des Herrn, der seine Nähe verspricht, die vertrauensvoll ins neue Jahr gehen lässt.