Die Geschichte Vietnams: Korruption und Martyrium

Direktor von AsiaNews spricht über Toleranz und Gewalt

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ROM, Montag, 20. Juni 2011 (ZENIT.org). - „Unter Umständen hat sich die Religionsfreiheit in Vietnam vergrößert, sie hängt jedoch von der Willkür der Regierung ab.“ Anstatt von Religionsfreiheit müsse eher von religiöser Toleranz gesprochen werden, so Pater Bernardo Cervellera. Der Direktor von AsiaNews erklärte dies in einem Interview mit dem TV-Programm „Wo Gott weint“ des katholischen Radio- und Fernsehnetzwerks (EWTN) in Zusammenarbeit mit „Kirche in Not“.

10 Prozent der vietnamesischen Bevölkerung ist katholisch. Dinge haben sich verbessert. Ist Religionsfreiheit in Vietnam heute möglich?

Pater Cervellera: Es gibt einige Verbesserungen, wie zum Beispiel die Situation der Priesterseminare in den letzten Jahren; zuvor waren die Kandidaten auf eine feste Zahl begrenzt, nun, da sie geöffnet sind, gibt es viele Berufungen. Von Seiten der Regierung herrscht eine gewisse Toleranz zum Beispiel hinsichtlich der medizinischen Versorgung durch Schwestern, die Erziehung in den Kindergärten und dergleichen. Ich würde Toleranz sagen und nicht Erlaubnis (das ist die korrekte Bezeichnung). Irgendwie gibt es mehr Freiheit; all diese Freiheiten hängen jedoch vom guten Willen der Regierung ab, die sie manchmal gewährt und manchmal nicht.

Gibt es immer noch Gewaltakte gegen Christen?

Pater Cervellera: In einigen Gebieten von Vietnam, zum Beispiel im Norden und bei den Bergvölkern, finden immer noch Gewalttaten statt. In Sung La und anderen Diözesen sowie in anderen Kleinstädten und Gemeinden können die Katholiken keine Weihnachts- oder Ostermesse feiern; die Katechese und Glaubenserziehung der Kinder sind verboten, weil die lokale Regierung keinerlei öffentlich Kundgabe des Glaubens zulässt. In der Praxis versuchen sie den katholischen Glauben zu zerstören.

Woher bekommen Sie diese Informationen?

Pater Cervellera: Unsere Informationen stammen aus Quellen außerhalb Vietnams. Es ist sehr gefährlich für Menschen, uns diese Informationen zu schicken. Mehrere Diözesen in Vietnam hatten den Mut, auf ihren Websites Nachrichten und Reden von ihren Bischöfen sowie Bewertungen und Beurteilungen einiger Verletzungen der Religionsfreiheit zu veröffentlichen, sodass wir durch diese Seiten Nachrichten erhalten konnten.

Sie schreiben in AsiaNews, dass die Gewalt gegen Katholiken in der Regel eine Folge der Korruption sei.

Pater Cervellera: Die meisten Gewaltakte gegen die katholische Kirche in Vietnam wird heute durch die Bestechung und Korruption der kommunistischen Parteikader verursacht. Vietnam befindet sich in einem Übergang. Vor diesem Übergang gab es eine zentralisierte, kommunistische Wirtschaft. Nun bewegt sie sich auf eine kapitalistische Wirtschaft zu, weshalb jetzt viele kommunistischen Parteikader Kontrollfunktionen übernehmen und Eigentümer von Gebäuden werden, die früher den Kirchen gehörten - einschließlich buddhistischer Tempel und der Gebäude anderer Religionen. Das verstößt gegen das Gesetz, weil es im vietnamesischen Recht heißt, dass alle enteigneten Gebäude und Grundstücke der Kirche oder anderer zurückgegeben werden müssen, wenn diese Anwesen nicht mehr vom Staat verwendet werden.

Und darin besteht das Problem?

Pater Cervellera: Ja, diese kommunistischen Kader behalten diese Anwesen für sich und entwickeln sie zu touristischen Zentren oder Villen, die später auf dem wachsenden Immobilienmarkt in Vietnam verkauft werden. Die Kirche versucht trotzdem, diese Anwesen zurückzuverlangen, wie in Hanoi, Saigon, Vinh und in vielen Orten - und die Katholiken sind mit ihren Forderungen im Recht. Das kommunistische Regime reagierte darauf mit Gewalt. Sie verhafteten oder verprügelten jene Katholiken, die eine Rückerstattung ihrer rechtlichen Besitztümer gefordert hatten. Ein Priester wurde aus dem zweiten Stock eines Gebäudes geworfen und ein anderer Priester bis ins Koma geprügelt. Es wird Gewalt angewendet, und sie ist eine Art und Weise, die Katholiken mundtot zu machen und ihre Rechte zu untergraben.

Vietnamesische Katholiken brauchen Gebete.

Pater Cervellera: Die ganze verfolgte Kirche braucht Unterstützung, besonders durch Gebet, durch das Gebet der Weltkirche; denn niemand kann das durch den Mangel an Religionsfreiheit aufgebürdete Leid und die Verfolgung ertragen ohne die Kraft des Gebetes. Es gibt noch eine weitere Überlegung: Angesichts der Tatsache, dass Vietnam sich zu einem Land mit zunehmenden internationalen Handelsbeziehungen entwickelt, sollten diese Handelsbeziehungen auch eine Möglichkeit bieten, die Bedeutsamkeit der Menschenrechte und der Achtung der Religionsfreiheit zu vermitteln. Auf diese Weise werden die Geschäfte besser laufen; denn wenn die Religionsfreiheit fehlt, geraten alle anderen Aspekte der Menschenrechte, wie die Freiheit, ein wirtschaftliches Projekt aufzubauen, ebenso in Gefahr.

Ist die Geschichte des Martyriums in Vietnam einer der Gründe für das schnelle Wachstum der Kirche?

Pater Cervellera: Ich denke schon. Die Kirche in Vietnam ist zusammen mit China eine der meist verfolgten Kirchen in Asien, zumindest in den letzten Jahrhunderten. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert gab es etwa 200.000 vietnamesische Märtyrer. Dieses Martyrium war die Saat für ein neues Leben der Kirche. Der zweite Aspekt, der das Leben der Kirche in Vietnam so stark macht, ist meiner Ansicht nach ihre Einheit.

Woher kommt diese Einheit?

Pater Cervellera: Diese Einheit kommt von der jesuitischen Erziehung und von den Zeugen der Kirche vor dem vietnamesischen Volk im Laufe der vietnamesischen Kirchengeschichte. Die Leute haben heute mehr Vertrauen zu den Persönlichkeiten der Kirche als zu den Regierungsbeamten.

Einer der großen Zeugen war Kardinal François-Xavier Nguyen Van Thuan. Können Sie uns etwas über sein Leben sagen?

Pater Cervellera: Er gehört zu den größten Persönlichkeiten des zeitgenössischen Vietnam. François-Xavier Nguyen Van Thuan war ein Priester und wurde wenige Monate vor der Invasion Südvietnams durch Nordvietnam zum Bischof geweiht. Während dieser Zeit war er Weihbischof von Saigon. Kardinal Van Thuan gab alles für den Dienst an den Menschen im Süden: für die Armen, für die Kinder, für die Bildung, für den Bau von Häusern...

Warum landete er dann im Gefängnis?

Pater Cervellera: An erster Stelle wurde er eingesperrt, weil er ein Verwandter des letzten südvietnamesischen Präsidenten war, und zweitens, weil er ein Bischof war. Er war ein leidenschaftlicher Verteidiger seines Volkes, und das Volk folgte ihm; deshalb kam er für 13 Jahre ins Gefängnis, von denen er neun Jahre in Einzelhaft verbracht hatte. Bischof Van Thuan - später Kardinal Van Thuan - schrieb ein großartiges Buch, ein Tagebuch über seine Zeit im Gefängnis, wo er schrieb, dass in Momenten der Verzweiflung das Gebet sein einziger Trost war. Das Buch erwähnt auch, wie er heimlich die Messe feierte, wie ihm seine Verwandten die sogenannten „Medikamente“ zuschickten, die in Wirklichkeit Wein waren, und wie er das Gefängnisbrot aufbewahrte. Dieses Tagebuch ist sehr bewegend, eine äußerst fesselnde Lektüre. Es gibt ein weiteres ergreifendes Element in diesem Buch: Viele Gefängniswärter wurden nach und nach immer freundlicher zu ihm, und viele bekehrten sich durch sein Zeugnis.*

Welchen Eindruck gewannen Sie, als Sie ihm begegneten?

Pater Cervellera: Es war sehr gelassen. Ich traf ihn in Rom. Wenn ich mich nicht täusche, erhielt der Vatikan seine Freilassung nur unter der Bedingung der vietnamesischen Regierung, dass er nie wieder nach Vietnam zurückkehren darf. Ich traf ihn, als er Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden war. Er war, würde ich sagen, sehr friedlich, aber mit einem tiefen Blick und Vietnam immerzu verpflichtet. Er traf sich mit Flüchtlingen hier in Italien oder Menschen kamen aus aller Herren Länder, ihn zu besuchen. Er war ständig am arbeiteten und unterstützte die vietnamesische Kirche mit einer stillen Gelassenheit, als wolle er sagen: „Wir wissen, dass Christus immer siegreich aus dem Kampf hervorgehen wird. Wir brauchen weder Angst noch Eile zu haben“.

Dieses Interview wurde von Marie-Pauline Meyer für die wöchentliche Fernseh- und Radiosendung „Wo Gott weint“ des katholischen Radio- und Fernsehsenders EWTN in Verbindung mit dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ geführt.

[Übersetzung aus dem Spanischen von Susanne Czupy]


*Buchempfehlung: Francois Xavier Nguyen Van Thuan: Nach 13 Jahren Haft in Vietnam als Kardinal im Vatikan. Ein Lebensbild. Von Nguyen Van Chau. Verlag Neue Stadt. München, Zürich, Wien 2008.ISBN 978-3-87996-762-9