Die Gottesfrage ist die Wurzel aller anderen Fragen: Benedikt XVI. an italienische Bischöfe

„Kein anderes Problem wird wirklich gelöst werden können, wenn Gott nicht in die Mitte unseres Lebens zurückkehrt“

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ROM, 30. Mai 2008 (ZENIT.org).- Das Grundproblem der heutigen Zeit ist in den Augen Benedikts XVI. die Gottesfrage. Erst wenn Gott in das Leben der Menschen zurückkehre, könnten alle anderen menschlichen und sozialen Fragen gelöst werden, betonte der Papst gestern Mittag, als er im Versammlungssaal des Vatikans die Mitglieder der Italienische Bischofskonferenz traf.



Vor seiner Ansprache hatte der Heilige Vater die Ausstellung zum 40jährigen Bestehen der katholischen Tageszeitung „Avvenire“ in der Vorhalle der Audienzhalle Pauls VI. besucht. Die Kirche in Italien verfüge über die außerordentliche Möglichkeit, sich mit Hilfe der Medien frei zu aktuellen Themen zu äußern, erklärte Benedikt XVI., der sich über die Arbeit von „Avvenire“ erfreut zeigte und seiner Hoffnung auf steigende Leserzahlen Ausdruck verlieh. Ein weiterer Grund zur Freude war für ihn die neue Bibelübersetzung. Sie komme gerade rechtzeitig zur bevorstehenden Bischofssynode im Oktober. Die Versammlung der Hirten aus aller Welt widmet sich dem Thema „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“.

Seine vierte Teilnahme an einer Vollversammlung der Italienischen Bischofskonferenz nahm der Heilige Vater zum Anlass, um mit den Hirten über die Sendung der Kirche in Italien reflektieren. Er grüßte den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, und dankte ihm für seine herzliche Begrüßung, um anschließend alle daran zu erinnern, dass im Mittelpunkt der pastoralen Bemühungen die Frage gestanden habe, wie man die Begegnung der Jugendlichen mit dem Evangelium fördern könne, also Fragen der Evangelisierung und der Erziehung der neuen Generationen.

In Italien konstatiere man genauso wie in zahlreichen anderen Ländern immer mehr einen „Erziehungsnotstand“, führte der Papst aus. Die moderne Kultur sei von einem sich breit machenden Relativismus gezeichnet. Dadurch würden die grundsätzlichen Sicherheiten, die Werte und Hoffnungen, die dem Leben Sinn geben, immer mehr ins Wanken geraten. Angesichts dieser Entwicklung gerieten Eltern und Erzieher leicht in Versuchung, die eigenen Aufgaben zu vernachlässigen, weil sie den Sinn ihrer Sendung nicht mehr begriffen. Und so komme es, dass sich die Jugendlichen mit ihren wichtigen Fragen, vor allem mit denen, die mit der Zukunft zu tun haben, sehr schnell alleine gelassen fühlten.

Für Bischöfe, Priester und Katecheten bekomme diese Herausforderung ein ganz konkretes Gesicht: Ihnen komme es zu, den Jugendlichen den Glauben zu vermitteln. Und auch bei dieser Aufgabe begegne man den Hindernissen, die der Relativismus den Menschen in den Weg stelle, wenn er Gott ausklammere und vor definitiven Entscheidungen abrate. Stattdessen werde die Selbstverwirklichung und schnelle Befriedigung propagiert.

Der Heilige Geist habe in der Kirche aber schon sehr viele Charismen und evangelisatorische Energien freigesetzt, insbesondere in der Kirche in Italien. An den Bischöfen liege es nun, diese neuen Kräfte freudig aufzunehmen und ihnen beim Wachsen innerhalb der Kirche behilflich zu sein.

Benedikt XVI machte die Hirten auch auf die Möglichkeiten der Verkündigung der frohen Botschaft in der Schule und an anderen Versammlungsorten aufmerksam. Eine persönliche Beziehung mit den Jugendlichen aufzubauen sei in dieser Hinsicht besonders wichtig. Alle Gelegenheiten seien Möglichkeiten, den Jugendlichen das Antlitz Gottes zu zeigen, der ein wahrer Freund des Menschen sei. Die Erzieher müssten glaubwürdige Zeugen jener Werte sein, auf denen man seine Existenz aufbauen kann.

Mit Blick auf katholische Großveranstaltungen wie dem Jugendtreffen in Loreto im September 2007 und dem bald stattfindenden Weltjugendtag in Sydney (Australien) erklärte der Papst, dass solche Begegnungen Ausdruck der Liebe zu Christus und zur Kirche seien, die ihrerseits in den Seelen der Jugendlichen tiefe Wurzeln schlage. Während dieser Treffen könne man die Universalität der Kirche und die Geschwisterlichkeit, die die Nationen miteinander vereine, richtig „einatmen“.

Im Hinblick auf das Schulwesen erklärte Papst Benedikt, dass man den kirchlichen Schulen in einem demokratischen Staat, in dem jeder Mensch die Möglichkeit habe, sich frei für etwas zu engagieren, nicht das Recht auf staatliche Unterstützung nehmen dürfe. Und die Wahlfreiheit der Eltern zwischen unterschiedlichen Schultypen bedeute hohe Qualität im Bildungsangebot.

In der Folge ging der Heilige Vater dann ausführlicher auf die konkrete Situation Italiens ein. Das Land versuche gerade, aus Zeiten herauszukommen, die sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht schwierig seien. Im Volk sei das Vertrauen in die Zukunft einem Gefühl der Unsicherheit gewichen, und es gebe immer mehr verarmte Familien. Ansatzweise machten sich aber auch schon Veränderungen zum Positiven bemerkbar. Der Papst gab als Grund dafür die bessere Zusammenarbeit zwischen der Politik und jenen Einrichtungen an, die sich für das Wohl der Nation einsetzen.

Benedikt XVI rief die Bischöfe dazu auf, in dieser Hinsicht ihren ganz persönlichen Beitrag zu leisten. Dabei könnten sie aus der langen christlichen Geschichte Italiens schöpfen. Und auch wenn es zahlreiche Probleme gebe: Das fundamentale Problem des Menschen sei immer noch das Problem Gottes, bekräftigte der Heilige Vater. „Kein anderes menschliches oder soziales Problem wird wirklich gelöst werden können, wenn Gott nicht in die Mitte unseres Lebens zurückkehrt.“ Nur durch eine lebendige Begegnung mit Gott könne der Mensch wieder Vertrauen ins Leben gewinnen.

Der Heilige Vater wiederholte vor den Mitgliedern der Italienischen Bischofskonferenz, was er den US-Bischöfen am 16. April gesagt hatte: „Ihr seid aufgerufen, euch am Ideenaustausch im öffentlichen Raum zu beteiligen.“ Man müsse verkünden, dass Religion nicht nur eine Privatsache sei. Gerade der Glaube könne zur Lösung vieler sozialer und moralischer Probleme Italiens beitragen. Die Kirche fördere eine Kultur zugunsten der Familien und der Ehe. Diese Werte vertrete sie auch vor der Politik und dem öffentlichen Leben. Man müsse das menschliche Leben immer und jederzeit schützen.

Der Papst wies am Ende seiner Ausführungen nachdrücklich darauf hin, dass die Armen nicht vergessen werden dürften. Es sollten vor allem gerechtere Gesetze verabschiedet werden, um große Armut zu verhindern. Benedikt XVI. schloss mit dem Hinweis, dass er, was diese Materie angehe, nicht ins Detail gehen müsse, da die Bischöfe ja ohnehin mit den Menschen lebten und mit ihren Bedürfnissen vertraut seien. Schließlich versicherte er die Bischöfe seines Gebetes und seiner Nähe und erteilte ihnen den Apostolischen Segen.