Die göttliche Vergebung ist Grund für die Hoffnung des Gläubigen

Benedikt XVI. betrachtet Psalm 130, “De profundis”

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ROM, 20. Oktober 2005 (ZENIT.org).- Im Mittelpunkt der Ansprache von Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am Mittwoch stand die Vergebung, die Gott immer zu schenken bereit ist. Vor rund 50.000 Besuchern aus aller Welt sprach der Heilige Vater über Psalm 130, den \"Lobgesang auf die göttliche Barmherzigkeit und die Aussöhnung zwischen dem Sünder und Gott\".



Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir:
Herr, höre meine Stimme!
Wende dein Ohr mir zu,
achte auf mein lautes Flehen!

Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten,
Herr, wer könnte bestehen?
Doch bei dir ist Vergebung,
damit man in Ehrfurcht dir dient.

Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele,
ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn
mehr als die Wächter auf den Morgen.

Mehr als die Wächter auf den Morgen
soll Israel harren auf den Herrn.
Denn beim Herrn ist die Huld,
bei ihm ist Erlösung in Fülle.

Ja, er wird Israel erlösen
von all seinen Sünden.



1. Wir haben soeben einen der bekanntesten und beliebtesten Psalme der christlichen Tradition gehört: das \"De profundis\" [\"Aus der Tiefe\", Anm. d. Übers.], wie dieser Psalm wegen seiner lateinischen Anfangsworte genannt wird. Neben dem \"Miserere\" ist er in der Volksfrömmigkeit einer der bevorzugten Bußpsalmen.

Der Text wird zwar auch bei Begräbnissen verwendet, ist aber vor allem ein Lobgesang auf die göttliche Barmherzigkeit und die Aussöhnung zwischen dem Sünder und dem Herrn, der ein gerechter Gott ist. Aber dieser Gott ist zugleich auch immer ein \"barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue: Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg\" (Ex 34, 6-7). Genau aus diesem Grund ist unser Psalm Bestandteil der Vesperliturgie zu Weihnachten sowie während der gesamten Weihnachtsoktav und wird auch am vierten Sonntag der Osterzeit und am Fest der Verkündigung des Herrn gebetet.

2. Psalm 130 beginnt mit einem Ruf aus den Tiefen des Bösen und der Schuld (vgl. Verse 1-2). Das Ich des Betenden richtet sich mit den Worten an den Herrn: \"Herr, höre meine Stimme!\" Danach entfaltet sich der Psalm und widmet sich in drei Momenten dem Thema von Sünde und Vergebung. Vor allem aber richtet er sich an Gott, der mit Du angesprochen wird: \"Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten, Herr, wer könnte bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient\" (Verse 3-4).

Es ist bezeichnend, dass nicht die Strafe, sondern die Vergebung Respekt hervorruft – diese Haltung, in der sich Furcht und Liebe miteinander vermischen. Nicht so sehr die Angst vor Gottes Zorn sollte uns dazu bewegen, ihm mit einer heiligen Furcht zu begegnen, sondern vielmehr sein großzügiger und entwaffnender Großmut. Tatsächlich ist Gott nicht ein unerbittlicher Herrscher, der den Schuldigen bestraft, sondern ein liebender Vater, den wir nicht etwa deshalb lieben müssten, weil wir Angst davor haben, andernfalls bestraft zu werden, sondern weil er gütig ist und immer bereitwillig zu verzeihen.

3. Im Mittelpunkt des zweiten Moments steht das Ich des Betenden, das sich nun allerdings nicht mehr direkt an den Herrn wendet, sondern über ihn spricht: \"Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort\" (Verse 5-6). Dem Herzen des reumütigen Psalmisten entspringen Zuversicht, Hoffnung und die Gewissheit, dass Gott ein befreiendes Wort sprechen und die Sünde tilgen wird.

Die dritte und letzte Etappe in der Entfaltung des Psalms bezieht sich auf ganz Israel, jenes Volk, das häufig sündigt und sich der Notwendigkeit der Heil bringenden Gnade des Herrn bewusst ist: \"Mehr als die Wächter auf den Morgen soll Israel harren auf den Herrn. Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden\" (Verse 7-8).

Die persönliche Erlösung, um die der Psalmist zunächst gebeten hat, erstreckt sich jetzt auf die ganze Gemeinde. Sein Glaube fügt sich in den geschichtlichen Glauben des Bundesvolkes ein, das der Herr nicht nur von den Beklemmungen der ägyptischen Unterdrückung \"erlöst\" hat, sondern auch \"von all seinen Sünden\".

Aus der dunklen Tiefe der Sünde erhebt sich die Bitte des \"De profundis\" bis zum Horizont Gottes, wo \"Huld und Erlösung\" herrschen, zwei wesentliche Eigenschaften des Herrn, der die Liebe ist.

4. Nun wollen wir zur Betrachtung übergehen, den die christliche Tradition über diesen Psalm angestellt hat. Dabei bedienen wir uns eines Wortes des heiligen Ambrosius, der in seinen Schriften immer wieder über die Beweggründe nachdenkt, die dazu führen, Gott um Vergebung zu bitten.

\"Wir haben einen guten Herrn, der allen vergeben will\", heißt es in seinem Traktat über die Sühne. Und er fügt hinzu: \"Willst du gerecht gemacht werden, bekenne deinen Fehler: Eine demütige Beichte der Sünden entwirrt das Wirrwarr der Schuld… Und du wirst sehen, wie dich die Hoffnung auf Vergebung dazu bewegen wird, deine Sünden zu bekennen\" (2,6,40-41: SAEMO, XVII, Mailand-Rom 1982, 253).

Im \"Kommentar zum Lukasevangelium\" wiederholt der Bischof von Mailand diese Einladung noch einmal und verleiht dabei seinem Staunen über jene Gnaden Ausdruck, die Gott über die Vergebung hinaus schenkt: \"Schau, wie gütig Gott ist: Er ist gewillt, die Sünden zu vergeben und gewährt dabei nicht nur das, was abhanden kam, sondern darüber hinaus unerwartete Gnaden.\" Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, wird stumm, weil er dem Engel nicht geglaubt hat. Später aber schenkt ihm Gott Vergebung und gewährt ihm außerdem die Gabe der Prophetie: \"Derjenige, der vor wenigen Augenblicken noch stumm gewesen ist, kann auf einmal prophetisch reden\", bemerkt der heilige Ambrosius. \"Das ist eine der größten Gnaden des Herrn, dass ausgerechnet diejenigen ihn bezeugen, die ihm abgeschworen hatten. Niemand lasse sich also entmutigen und die Hoffnung auf die göttliche Belohnung, die er erhalten wird, nehmen. Auch dann nicht, wenn er wegen alter Sünden Gewissensbisse hat. Gott versteht es, anders zu sein, als man erwartet, wenn man selbst es versteht, die eigene Schuld wieder gutzumachen\" (2,33: SERMO, XI, Mailand-Rom 1978, 175).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Im Anschluss verlas der Heilige Vater folgende Zusammenfassung auf Deutsch:]

Liebe Brüder und Schwestern!

\"Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.\" Mit diesen Worten beginnt Psalm 130, auf den die heutige Katechese Bezug nimmt. Der wahre Tiefpunkt im Leben eines Menschen ist die Sünde. Sie erniedrigt ihn und entfernt ihn von Gott. In dieser Situation ruft der Sünder im Psalm Gottes Erbarmen an.

Eine nur oberflächliche Betrachtung des moralischen Versagens kann dazu verleiten, so zu leben, als müssten wir für unser Tun nicht Rechenschaft ablegen. Kein Mensch kann sich indes dem Urteil Gottes entziehen. Um Verzeihung bitten heißt: unser Geringsein vor Gott anerkennen. Andererseits kann schwere Schuld auch dazu führen, an Gottes Güte und Barmherzigkeit zu zweifeln. Das Psalmwort stiftet hier neues Vertrauen: Beim Herrn ist Vergebung. Sein Erbarmen ist grenzenlos für den Menschen, der seine Schuld bereut.

Gerne heiße ich alle Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum willkommen. Besonders grüße ich heute die katholischen Rundfunkbeauftragten bei verschiedenen deutschen Sendern, Mitglieder der Marianischen Männerkongregation Regensburg und eine Delegation der Militärakademie Wiener Neustadt. Lasst euch von der erbarmenden Liebe Gottes berühren! Das demütige Bekenntnis unserer Schuld und die Vergebung durch Gott erneuern unser Leben. Euch allen wünsche ich eine tiefe Erfahrung der Güte und Liebe unseres Herrn Jesus Christus sowie einen erholsamen Aufenthalt in Rom.