Die großen Herausforderungen zum Jahresbeginn 2008: Analyse Benedikts XVI. vor Vatikan-Botschaftern

Traditioneller Neujahrsempfang des Papstes für die Mitglieder des Diplomatischen Corps

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ROM, 7. Januar 2008 (ZENIT.org).- Am Montagvormittag empfing Papst Benedikt XVI. die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Corps zum traditionellen Neujahrsempfang im Vatikan. Der Heilige Stuhl unterhält gegenwärtig diplomatische Beziehungen mit 176 Ländern, zu denen die Vertretungen der Europäischen Union und des Souveränen Malteser-Ritterordens sowie die besonderen diplomatischen Gesandtschaften hinzukommen: die Gesandtschaft der Russischen Föderation und jene der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO.



Der Papst erinnerte in seiner Ansprache an die im letzten Jahr aufgenommenen diplomatischen Beziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie an die verschiedenen von ihm außerhalb Italiens unternommenen Pastoralreisen, unter anderem an seine Reise nach Brasilien. Zur Situation des lateinamerikanischen Kontinents merkte er an: „Wie sollte man keine vermehrte Kooperation unter den Völkern Lateinamerikas und innerhalb eines jeden dieser Länder, aus denen es sich zusammensetzt, und nicht die Aufgabe der inneren Spannungen wünschen, damit sie alle hinsichtlich der vom Evangelium inspirierten Werte überein kommen?“

Ein besonderes Gedenken widmete der Papst auch allen Völkern, die von schrecklichen Naturkatastrophen heimgesucht worden sind.

Die Krisenregionen der Erde
Der Nahe Osten gehört weiterhin zu den großen Sorgen der internationalen Staatengemeinschaft. Benedikt XVI. brachte in diesem Zusammenhang seine Zufriedenheit über den Verlauf der Konferenz von Annapolis (USA) zum Ausdruck, auf der Anzeichen zur Überwindung des Rückgriffs auf partielle oder unilaterale Lösungen zugunsten einer globalen Methode sichtbar wurden, die die Rechte und Interessen der Völker der Region respektiert.

Der Bischof von Rom appellierte an Israel und die Palästinenser, ihre Kräfte auf die Umsetzung der eingegangenen Verpflichtungen zu konzentrieren. Er forderte darüber hinaus die internationale Gemeinschaft dazu auf, diese beiden Völker überzeugt und mit Verständnis für die Leiden und Ängste beider zu unterstützen.

Die Lage im Libanon und im Irak veranlassten Benedikt XVI. erneut, zu Versöhnung aufzurufen. Besonders beklagte der Papst die Terrorakte sowie die Bedrohung und Gewalt vor allem gegenüber den christlichen Gemeinschaften im Irak.

Der Papst ermutigte auch dazu, weiterhin und unaufhörlich den Weg der Diplomatie zu beschreiten, um die Frage des Nuklearprogramms des Iran zu lösen. Hinsichtlich des asiatischen Kontinents lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Gäste insbesondere auf die Krisenherde Pakistan und Afghanistan.

„Während ich mich Afrika zuwende“, so der Heilige Vater weiter, „möchte ich vor allem erneut mein tiefes Leiden zum Ausdruck bringen, wenn ich feststelle, wie in Darfur die Hoffnung durch den finsteren Fortgang von Hunger und Tod beinahe besiegt ist“. Der Papst wünschte, dass der soeben begonnene gemeinsame Einsatz der Vereinten Nationen zusammen mit der Afrikanischen Union den betroffenen Völkern Hilfe und Trost bringe.

Die Republik Kongo, die Region der Großen Seen und Somalia veranlassten ihn zum Aufruf, die Waffen niederzulegen und die Verteilung der humanitären Hilfsgüter zu ermöglichen.

Was die Situation in Kenia angeht, schloss sich der Heilige Vater dem jüngsten Appell der Bischöfe dieses ostafrikanischen Landes an und forderte alle Einwohner und vor allem die politischen Verantwortlichen auf, im Dialog eine friedliche Lösung zu suchen, die auf Gerechtigkeit und Brüderlichkeit beruht.

Im Hinblick auf Europa lobte der Papst die auf dem Balkan erreichten Fortschritte und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass es zu einem definitiven Statut des Kosovo kommen werde.

Europa, Naturrecht und Menschenrechte
Anschließend sicherte der Heilige Vater den Diplomaten seine Aufmerksamkeit für die Zeit zu, die mit der Unterzeichnung des Vertrages von Lissabon begonnen hat. Durch dieses Vertragswerk sei es zur Erneuerung des Prozesses des Aufbaus des „Hauses Europa“ gekommen, das nur dann „ein für alle gut bewohnbarer Ort“ sein könne, „wenn es auf einem soliden kulturellen und moralischen Fundament von gemeinsamen Werten aufbaut, die wir aus unserer Geschichte und unseren Traditionen gewinnen“ (vgl. Ansprache bei der Begegnung mit dem Diplomatischen Corps in Wien, 7. September 2007).

Aus der internationalen Zusammenschau, die Papst Benedikt vorstellte, ergibt sich nach seinen Worten, dass „die Sicherheit und die Stabilität der Welt brüchig bleiben“. Das Recht könne eine wirksame Kraft des Friedens nur dann sein, „wenn seine Grundlagen fest im vom Schöpfer gegebenen Naturrecht verankert sind“, betonte er. Auch aus diesem Grund dürfe Gott nie „aus dem Horizont des Menschen und der Geschichte ausgeschlossen werden“.

Dieses Bewusstsein sei auch nützlich, wenn es um die rechte Orientierung der Initiativen zum interkulturellen und interreligiösen Dialog gehe. Dieser Dialog müsse eindeutig bleiben, Relativismen und Synkretismen aus dem Weg gehen und vom aufrichtigen gegenseitigen Respekt und vom Geist der Versöhnung und der Brüderlichkeit inspiriert sein.

Der Papst wies darauf hin, dass sich die Kirche auf allen Kontinenten dafür einsetze, dass die Menschenrechte nicht nur proklamiert, sondern auch tatsächlich ermöglicht und geachtet würden. Er sprach diesbezüglich seinen Wunsch aus, dass die Organismen, die zum Schutz der Menschenrechte geschaffen wurden, den an sie gerichteten Anforderungen entsprechen können.

Der Heilige Stuhl werde jedenfalls nicht aufhören, für die Menschenrechte einzustehen, die auf dem gründen, was zum Wesen der menschlichen Person gehört.

Leben, Familie, Religionsfreiheit und Friede
„Dies ist ein Dienst, den die Kirche der wahren Würde des nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen Menschen leisten will. Und von diesen Überlegungen ausgehend kann ich nicht umhin, erneut die ständigen Angriffe gegen das Leben des Menschen anzuprangern, die auf allen Kontinenten vorangetrieben werden.“

„Ich freue mich, dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 18. Dezember eine Resolution verabschiedet hat, mit der die Staaten zu einem Moratorium der Anwendung der Todesstrafe aufgerufen werden, und ich wünsche mir, dass eine derartige Initiative die öffentliche Debatte über den sakralen Charakter des menschlichen Lebens anrege.“

Benedikt XVI. bedauerte erneut die Besorgnis erregenden Angriffe auf die Integrität der auf der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gegründeten Familie. „Die politischen Verantwortlichen jeder Seite sollten diese Einrichtung und Grundzelle des Gesellschaft verteidigen.“

Die Religionsfreiheit, so der Papst weiter, sei ein unveräußerliches Erfordernis der Würde jedes Menschen und Eckstein im Gebäude der Menschenrechte. Bedauerlicherweise werde sie aber oft beschnitten. Viele Orte seien zu verzeichnen, an denen ihre volle Ausübung verunmöglicht wird. „Der Heilige Stuhl verteidigt sie und fordert für alle, dass sie geachtet wird. Er ist besorgt über die Diskriminierungen gegen die Christen und die Anhänger anderer Religionen.“

Der Friede dürfe, so Benedikt XVI., nicht ein bloßes Wort oder eine Illusion bleiben. Der Friede ist „ein Einsatz und eine Lebensart, die es erforderlich macht, dass den berechtigten Erwartungen aller Genüge getan wird“. Dazu gehören: der Zugang zu Nahrungsmitteln, zu Wasser, zu Energie, zu Arzneimitteln und zur Technologie sowie die Steuerung des Klimawandels. „Nur so kann die Zukunft der Menschheit gebaut werden. Nur so wird eine ganzheitliche Entwicklung für heute und für morgen begünstigt.“

Zum Schluss seiner Ansprache ermahnte Benedikt XVI. die internationale Gemeinschaft zu einem globalen Einsatz zur Förderung der weltweiten Sicherheit. Dieses Engagement solle verhindern, dass Terroristen Zugang zu Massenvernichtungswaffen finden. Ein Nichtverbreitungs-Vertrag für Atomwaffen würde dieses Unterfangen wirksamer machen.