Die großen Themen 2006: Benedikt XVI. hält Jahresrückschau

Weihnachtsansprache des Papstes an die Kurie

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ROM, 22. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Am heutigen Vormittag fand im Vatikan das traditionelle Weihnachtstreffen des Heiligen Vater mit der Römischen Kurie statt. Benedikt XVI. empfing die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, die Mitglieder der Päpstlichen Familie, die Mitarbeiter der Kurie und des Governatorats in der Sala Clementina des Apostolischen Palasts. Die lange Rede Benedikts XVI. war der Zusammenschau des Jahres sowie den großen gesellschaftlichen und kirchlichen Themen gewidmet. Dabei konzentrierte sich der Papst auf die großen diesjährigen Pastoralreisen nach Polen, Spanien, Bayern und in die Türkei.



Zu Beginn seiner Ansprache gedachte Benedikt XVI. der Schrecken des Krieges, der sich um das Heilige Land herum abgespielt habe. Gleichzeitig wies der Papst auf die allgemeine Gefahr eines „Konflikts unter den Kulturen und Religionen“ hin, wie sie sich besonders in diesem Moment der Geschichte zeige. Somit sei die Suche nach Wegen des Friedens zu einer erstrangigen Herausforderung für alle diejenigen geworden, die sich um den Menschen sorgten.

Seine Reise nach Polen im Mai 2006, dem Vaterland des geliebten Papstes Johannes Pauls II, war für den Papst eine innige Pflicht der Dankbarkeit gegenüber all dem, was sein direkter Vorgänger in mehr als einem Vierteljahrhundert seines Dienstes ihm persönlich und vor allem der Kirche und der Welt geschenkt habe: „Sein größtes Geschenk für uns alle bestand in seinem unerschütterlichen Glauben und in der Radikalität seiner Hingabe.“

Benedikt XVI. erinnerte an die bewegenden Momente seines Aufenthalts im Konzentrationslager von Auschwitz-Birkenau, diesem„Ort der grausamsten Barbarei“, an dem versucht worden sei, das Volk Israel auszulöschen, seine Erwählung durch Gott zu vernichten und Gott selbst aus der Geschichte zu verbannen. Der Heilige Vater brachte den Trost zum Ausdruck, den er empfunden habe, als sich im Himmel ein Regenbogen aufbaute, während er angesichts der Grauens jenes Ortes wie Hiob zu Gott aufschrie – erschüttert durch dessen Abwesenheit und gleichzeitig getragen von der Gewissheit, dass „er auch im Schweigen nicht aufhört, da zu sein und bei uns zu bleiben“.

„Der Regenbogen war wie eine Antwort“, so der Papst. Sie habe ihm vermittelt: „Ja, ich bin da, und die Worte der Verheißung, des Bundes, die ich nach der Sintflut ausgesprochen habe, gelten auch heute.“

Die Pastoralreise des Heiligen Vaters nach Spanien stand unter dem Zeichen der Themen Ehe und Familie. Die alltäglichen Anstrengungen der Eheleute mit all ihren Schwierigkeiten, dieser Weg des „evangelischen ‚Sich-Verlierens‘, trägt zu ihrer Reifung bei, lässt sie sich selbst finden und glücklich werden“. Durch das Beispiel dieser Familien, so Benedikt XVI., sei ihm das Problem eines Europas, das anscheinend keine Kinder mehr haben wolle, in die Seele gedrungen.

Warum es so ist, sei eine große Frage, deren Beantwortung komplex sei. Der moderne Mensch zeichne sich dadurch aus, dass er zutiefst unsicher ist über sich selbst; dazu komme, dass er sein Leben ganz für sich selbst haben wolle: Dies sei wahrscheinlich der tiefste Grund für den mangelnden Willen zum Kind, das fast untragbar erscheint.

Eng damit verbunden sei das Problem der endgültigen Entscheidungen: „Kann sich der Mensch für immer binden? Kann er für ein ganzes Leben Ja sagen?“ Benedikt XVI. antwortete: „Ja, er kann. Gerade so verwirklicht sich die Freiheit des Menschen und so wird auch der Heilige Raum der Ehe geschaffen, der sich erweitert, zur Familie wird und so Zukunft aufbaut.“

An dieser Stelle erwähnte der Papst seine Sorge um staatliche Gesetze, die für ein Zusammenleben ohne Ehe geschaffen werden: Diese neuen juridischen Formen relativierten die Ehe: „Der Verzicht auf eine endgültige Bindung erhält auf diese Weise sozusagen ein juridisches Siegel“, kritisierte er. Die Legalisierung homosexueller Verbindungen sei ein weiterer Ausdruck der Relativierung der Beziehungen. „Damit werden stillschweigend jene verhängnisvollen Theorien bestätigt, die der Männlichkeit und der Weiblichkeit jegliche Relevanz nehmen, als handle es sich um ein rein biologisches Faktum.“

Benedikt XVI. sieht in einer solchen Haltung eine „Entwertung der Körperlichkeit, aus der folgt, dass der Mensch, der sich von seinem Körper, von seiner ‚biologischen Sphäre‘ emanzipieren will, bei seiner Selbstzerstörung endet“. Es sei Aufgabe der Gläubigen, ihre Stimme zur Verteidigung des Menschen zu erheben, der ein Abbild Gottes ist.

Zentrales Anliege der Reise des Papstes nach Bayern war es, „das Thema Gott ins Licht zu stellen“; dies angesichts der Tatsache, dass das große Problem des Westens die „Gottesvergessenheit“ ist. Mit dem Thema Gott eng verbunden waren die beiden anderen Themen der Reise: das Thema des Priestertums und des Dialogs.

Das wahre Fundament des priesterlichen Lebens ist Gott, bekräftigte Benedikt XVI. „Dieser Theozentrismus der priesterlichen Existenz ist gerade in unserer gänzlich funktionalistischen Welt notwendig.“ Der Priester müsse Gott wirklich aus seinem Inneren heraus kennen und ihn so zu den Menschen bringen. Dies sei der erstrangige Dienst, dessen die Menschheit heute bedürfe.

In diesem Zusammenhang kam den Papst auch auf den priesterlichen Zölibat zu sprechen. Dieser könne nur auf der Grundlage dieses Theozentrismus verstanden und gelebt werden: „Dominus pars – Du bist meine Heimstatt“; rein pragmatische Gründe seien nicht ausreichend. Der Priester müsse sich von der Leidenschaft für Gott hinreißen lassen und so lernen, den Menschen zu dienen. „Der Zölibat muss ein Zeugnis für den Glauben sein.“

Anschließend ging Benedikt XVI. auf die Problematik „Glaube und Vernunft“ ein und erinnerte dabei an seine Begegnung mit Jürgen Habermas im Jahr 2004. Der Philosoph hatte dem damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre gegenüber geäußert, dass Denker notwendig seien, „die fähig sind, die chiffrierten Überzeugungen des christlichen Glaubens in die Sprache der säkularisierten Welt zu übersetzen, um sie so auf neue Weise wirksam werden zu lassen“.

Für Papst Benedikt XVI. ist es nach eigenen Worten immer offensichtlicher, wie sehr die Welt den Dialog zwischen Glaube und Vernunft braucht. Die große Macht des Menschen, die den wissenschaftlichen Errungenschaften zu verdanken sei, werde immer mehr zu einer Gefahr, die den Menschen und die Welt bedrohe. „Der Glaube an jenen Gott, der in seiner Person die schöpferische Vernunft des Universums ist, muss von der Wissenschaft in neuer Weise als Herausforderung und Chance angenommen werden.“ Gleichzeitig müsse der Glauben neu seine innere Weite und seine eigene Vernünftigkeit erkennen. „Die Vernunft braucht den ‚Logos‘, der am Anfang steht und unser Licht ist. Der Glaube braucht seinerseits das Gespräch mit der modernen Vernunft, um sich hinsichtlich seiner eigenen Größe klar zu werden und der eigenen Verantwortung zu entsprechen.“

In Bezug auf den Dialog unter den Religionen erläuterte der Papst, dass die säkularisierte Vernunft nicht imstande sei, in einen wahren Dialog mit den Religionen einzutreten. Wenn diese gegenüber der Gottesfrage verschlossen bleibe, würde das nur zu einem „Krieg der Kulturen“ führen. Die Religionen müssten einander in der gemeinsamen Aufgabe begegnen, „sich in den Dienst der Wahrheit und somit des Menschen zu stellen“.

Hinsichtlich seiner jüngsten Reise in die Türkei erklärte Benedikt XVI., dass diese ihm die Gelegenheit gegeben habe, öffentlich seinen Respekt vor dem Islam zu bezeugen. Die islamische Welt stehe heute vor einer Aufgabe, die jener ähnle, die den Christen seit der Aufklärung auferlegt worden sei; das II. Vatikanische Konzil habe diesbezüglich konkrete Früchten für die katholische Kirche hervorbringen können.

„Einerseits muss man sich einer Diktatur der positivistischen Vernunft widersetzen, die Gott vom Leben der Gemeinschaft und der öffentlichen Ordnung ausschließt…, andererseits ist es notwendig, die wahren Errungenschaften der Aufklärung anzunehmen – die Menschenrechte und vor allem die Freiheit des Glaubens und seiner Ausübung – und so in ihnen wesentliche Elemente auch für die Echtheit der Religion anzuerkennen.“

Der Inhalt des interreligösen Dialogs besteht für Benedikt XVI. in diesem historischen Augenblick vor allem in der gegenseitigen Begegnung bei der Aufgabe, die richtigen Lösungen zu finden.

Das Treffen mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Istanbul war nach Worten des Papstes eine Erfahrung der tiefen Einheit im Glauben. Er bitte den Herrn nach wie vor darum, dass er bald auch die volle eucharistische Gemeinschaft schenke.

Den letzten Abschnitt seiner Rede widmete der Papst dem Thema des Friedens: „Wir müssen lernen, dass der Friede nicht allein von außen her erlangt werden kann.“ Der Versuch, ihn mit Gewalt herzustellen, führe nur zu weiterer Gewalt.

„Wir müssen lernen, dass der Friede mit der ‚eudokia’ verbunden ist, damit, dass sich unsere Herzen zu Gott hin öffnen. Wir müssen lernen, dass es Frieden nur dann geben kann, wenn Hass und Egoismus von Innen her überwunden werden.“

Der Papst beschloss: „In unserem Leben muss sich das verwirklichen, was in der Taufe in uns sakramental geschehen ist: das Sterben des alten Menschen und das Entstehen des neuen Menschen“, dessen Vernunft des Friedens die Unvernunft der Gewalt besiege.