Die größte Stärke Benedikts XVI.

Interview mit dem Bischof von San Marino-Montefeltro (Italien)

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ROM, 10. Mai 2006 (ZENIT.org).- Die größte Stärke des Papstes sei dessen Liebenswürdigkeit, betont Bischof Luigi Negri von San Marino-Montefeltro (Italien). In diesem Interview mit ZENIT gibt der 64-jährige Oberhirte seine Einschätzung des ersten Amtsjahres des Heiligen Vaters ab.



ZENIT: Welche Grundzüge machen dieses Pontifikat aus?

Bischof Negri: Vor allem die Liebenswürdigkeit: Wir lernen, das christliche Mysterium zu lieben, es als eine wesentliche Erfahrung unseres Lebens zu lieben. Ich würde sagen, dass die Stärke des Heiligen Vaters in seiner Liebenswürdigkeit liegt. Diese Stärke gebraucht er, um das christliche Ereignis wieder als etwas wirklich Entscheidendes vorzustellen.
Des Weiteren wurzeln seine Lehraussagen – und das hat mich besonders überrascht! – vollkommen in jenen von Papst Johannes Paul II.

Es ist so, als ob Papst Benedikt XVI. der Kirche helfen wolle, einerseits das Geheimnis Christi zu lieben und andererseits den Inhalt dieses Geheimnis, den sein Vorgänger bereits erklärt hatte, tiefer zu erfassen.

ZENIT: Denken Sie, dass gerade dieser Aspekt für die Anziehungskraft des Heiligen Vaters auf die Jugend verantwortlich ist?

Bischof Negri: Das Geheimnis seiner Anziehungskraft auf junge Leute hat auch etwas mit dem zu tun, was die jungen Menschen selbst in sich tragen. Es handelt sich dabei um etwas schier Unglaubliches, wenn man daran denkt, was die Soziologie normalerweise über die Jungend sagt. Es gibt da etwas in den jungen Menschen, das die Begegnung mit dem Papst ermöglicht und ihr eine besondere Schwingung mitgibt.

Benedikt XVI. ist ein großartiger Lehrmeister und in einem bestimmten Augenblick seines Lebens braucht der Jugendliche einen Lehrer, der ihm zeigt, wie er leben soll und wie er dieses Wissen um die richtige Lebensführung in der konkreten Situation anwenden soll.

ZENIT: Eine der ersten Erklärungen des Papstes bestand in der Aufforderung, den Relativismus als Widersacher des Lebens und des Glaubens zu überwinden. Worum geht es dabei?

Bischof Negri: Der Heilige Vater spricht in diesem Zusammenhang mit großer Eindringlichkeit von zwei Ebenen, von Relativismus als Ausdruck von Schwäche und folglich von Relativismus als Ausdruck einer Krise des Denkens.

Hier befinden wir uns vor einem der größten Themen von Fides et ratio: Die Krise der Vernunft, die mit der modernen Hypertrophie des Denkens einhergeht, besteht darin, Unsicheres und Sicheres gleichzusetzen. Um die Toleranz zu retten, wird ein merkwürdiges individualistisches Zusammenleben der Menschen erzwungen, die keine Einmischung in ihr Privatleben dulden.

Der Heilige Vater hat auch erklärt, dass der Relativismus eine heimliche Sehnsucht nach Totalitarismus in sich birgt. In diesem Pseudo-Relativismus, in dem alle Positionen gleich sind, gibt es einige Haltungen, die mehr Gewicht besitzen als andere. Das sind jene Positionen, die die Macht hinter sich haben, vor allem die Macht der Massenmedien, so dass wir uns letzten Endes fragen müssen, wer denn wirklich entscheidet, was relativ ist beziehungsweise was weniger relativ ist.

Wer wacht eigentlich über diesem System des Relativismus? Die Massenmedien, die generell immer der kraftvollsten Stimme dienen, wollen sich meistens auf die eine oder die andere Art aufdrängen.

ZENIT: Der Heilige Vater hat eine Art Programm gegen den Relativismus aufgezeigt, als er von jenen Werten sprach, die nicht zur Disposition stehen. Könnten Sie ein wenig darauf eingehen?

Bischof Negri: Zweifellos. Wenn jemand die Religionsfreiheit als Möglichkeit definiert, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, dann öffnet er damit die Tür für die missionarische Tätigkeit, für die Sendung, wie sich Papst Johannes Paul II. ausdrücken würde. Das ist dann die Soziallehre in ihrer gelebten Form.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. hat immer wieder unterstrichen, dass wir Glauben und Vernunft miteinander verbinden müssen. Was sagt der "Vernunftmensch" zu diesem Vorschlag?

Bischof Negri: Die Antwort einiger "Vernunftmenschen" auf diese Einladung des Heiligen Vaters kann in einem Wort Papst Pauls VI. zusammengefasst werden: "Zu glauben ist besser als nicht zu glauben; gläubig zu leben ist besser als ungläubig zu leben." Die Theorie, dass Gott existiert, ist positiver als diejene, die annimmt, dass er nicht existieren würde.

In diesem Dialog zwischen Vernunft und Glauben geht es nicht nur um die Zukunft unserer Nation, sondern um die Zukunft der Zivilisation überhaupt, wie der italienische Senatspräsident Marcello Pera betont hat.