Die Heilige Schrift ist für die Erkenntnis Christi unerlässlich (1. Teil)

Interview mit P. Albert Vanhoye SJ

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ROM, 24. September 2008 (ZENIT.org).- „Die heilige Schrift ist unerlässlich, um Christus zu kennen“, erklärt der langjährigen Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts in Rom, Jesuitenpater Albert Vanhoye (83) gegenüber ZENIT. Ihn, dem vor zwei Jahren im Rahmen eines Konsistoriums die Würde eines Kardinals verliehen wurde, berief Papst Benedikt XVI. als Mitglied in die kommende Weltbischofsynode über das Wort Gottes, die am 5. Oktober in Rom beginnt.

P. Albert Vanhoye, der am 24 Juli 1923 im der französischen Stadt Hazebrouck geboren wurde offenbart in diesem dreiteiligen Interview mit Zenit seine Liebe zum Wort Gottes, Zugänge für das Leben in der Gemeinde und seine Erwartungen an die kommende Synode. In diesem ersten Teil gibt er den Lesern von ZENIT einen Einblick darin, wie seine Liebe zum Wort Gottes entstand und sein Leben als Christ prägt.

Als Schwerpunkt seiner bewegenden Biographie ist seine Zeit als Professor für Neues Testament am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom, als Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission sowie als Berater für Katholische Bildung an der Kongregation für Glaubenslehre zu nennen.

Bekannt ist P. Albert Vanhoye für seine Forschungsarbeiten zum Hebräerbrief sowie für seine Bibelhermeneutik, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil inspiriert worden ist. Der Professor Emeritus des römischen„Bbilicum" ist heute unter anderem Herausgeber der wissenschaftlichen Reihe „Analecta Biblica". Die „Heinz-Kühn-Stiftung" hat im Internet die lesenswerte Studie „Hexen und Heilige" (pdf) publiziert.

ZENIT: Wie und wann kam es zu Ihrem Interesse an einem Studium des Wortes Gottes?

- Kardinal Vanhoye: Mein Interesse am Wort Gottes hat schon in der Kindheit begonnen, aber es wurde sicherlich insbesondere durch das Studium der Theologie vertieft und intensiviert. Als ich mich auf die Priesterweihe vorbereitete, habe ich mich leidenschaftlich für das Johannes-Evangelium begeistert. Ich konnte es deshalb studieren, weil ich vor der Theologie, für zwei Jahre jungen Jesuiten, die sich in Vorbereitung auf das Diplom an der Sorbonne in Paris befanden, klassisches Griechisch beibringen musste. Daher stand ich in direkten Kontakt mit den griechischen Texten des Alten und Neuen Testaments.

Insbesondere studierte ich das Thema des Glaubens im Johannes-Evangelium, eine offensichtlich grundlegende Frage. Für Johannes ist Glaube, glauben an Christus, den Sohn Gottes, das ist nicht nur das Festhalten an eine Wahrheit, sondern es ist vor allem die Verbindung zu einer Person, die Sohn Gottes ist, die das Werk des Vaters vollbringt, und dies in Vereinigung mit dem Vater tut; zudem lädt er auch uns ein, an seinem Werk mitzuarbeiten.

ZENIT: Später wurden Sie zu einem der größten Spezialisten für den Brief an die Hebräer ...

- Kardinal Vanhoye: Mit diesen Johannesstudien, ergaben sich einige Publikationen, aber es war schlicht eine Frage der Zeit: ich hatte ja zu lehren und so konnte ich diese Arbeit nicht fort setzen. Gleichzeitig war mir klar, das ich einige sehr interessante Dinge im Brief an die Hebräer erkannt hatte, und daher würde es gut sein, einige Monate im Jahr eine Abhandlung über diese Schrift verfassen, die ja kaum untersucht worden war.

Daher konzentrierte sich mein Interesse auf den Brief an die Hebräer, ein sehr tiefes Schrieben, eine Zusammenfassung der Christologie aus dem Blickwinkel des priesterlichen Lebens. Ich bewundere die Tiefe dieses Schreibens, das eigentlich eine Predigt ist, in dem das Geheimnis Christi mit allen seinen Dimensionen gezeigt wird: Von der höchsten Dimension Christi als Sohn Gottes angefangen, dem Abglanz der Herrlichkeit Gottes, Ausfluss seines Wesens zu sein, bis zu Christus, unserem Bruder, der hat all unser Elend auf sich nahm und sich auf die Ebene derer herab gelassen hat, die zum Tode verurteilt sind, um genau dort allen seine Liebe zu eröffnen, ihnen einen Weg zu erschließen, der zu Gott führt.

Darüber hinaus zeigt der Brief an die Hebräer wirklich außerordentliche Kenntnisse des Alten Testamentes und erschließt die Erfüllung desselben mit seinen drei Dimensionen: Erfüllung, Bruch - wenn auch nur in mancher Hinsicht - und natürlich der Schritt hin zur Erfüllung: die volle Treue.

Die Vorsehung wollte es, dass ich wirklich in der Lage war, mein Leben dem tieferen Verständnis der Heiligen Schrift zum Nutzen vieler Studenten aus der ganzen Welt zu widmen. Deshalb danke ich dem Herrn für dieses Privileg.

ZENIT: Was waren Ihre Prämissen beim Studium der Bibel?

- Kardinal Vanhoye: Das waren eindeutig die Prämissen des Glaubens. Die Bibel ist ein Text, der Ausdruck des Glaubens ist. Um sie ernsthaft und tief zu erfassen, müssen wir in dieser Strömung stehen, in der sie entstand. Deshalb ist es von wesentlicher Bedeutung, sich einem inspirierten Text mit einer Haltung des Glaubens zu nähern. Auf der anderen Seite gibt es die Überzeugung, dass die Bibel gleichzeitg auch ein historisches Buch ist, also nicht nur ein abstraktes Wort. Es ist eine Offenbarung mit Fakten, Ereignissen, eine historische existentielle Wirklichkeit halt. Daher sollten wir sie unter diesem Aspekt angehen.

ZENIT: Gab es in all diesen Jahren des Studiums des Wortes Gottes etwas, das Sie zur Fortführung Ihrer weiteren Untersuchungen angeregt hat; also trotz der Schwierigkeiten in der Exegese oder ihrer Arbeit? Was sind Ihre tiefsten Motivationen?

- Kardinal Vanhoye: Sicherlich die Überzeugung, dass die Schrift von entscheidender Bedeutung ist, um Christus kennen zu lernen, ihm zu folgen, und alle Dimensionen des Geheimnisses Christi zu ergründen. Da ist die enge Beziehung zwischen Forschung und exegetischer Vertiefung des Glaubens und geistlichen Leben. Dies hat dazu geführt, dass ich nie gezögert habe, für dies Studium, das von grundlegender Bedeutung für das Leben der Kirche ist, zu forschen und dies dem Einsatz meiner ganzen Kräfte und meiner Fähigkeiten zu tun.

ZENIT: Was halten Sie für die wertvollsten Früchte, die der Umgang mit dem Wort in Ihrem priesterlichen Leben wachsen lies?

- Kardinal Vanhoye: Das Wort Gottes hat mein spirituelles Leben auf eine sehr fruchtbare Weise genährt. Zum Beispiel, als ich noch ein Student an der Päpstlichen Biblischen Institut war, machte ich eine Studie über zwei Sätze des Johannes-Evangeliums, die dass das Verhältnis zwischen den Werken Jesu und derArbeit des Vaters beleuchten. Jesus hat die Gabe der Werke empfangen.

In zwei Sätzen spricht Jesus von der Arbeit, die der Vater ihm übertragen hat. Ich spürte den Nachdruck: „Mein Vater arbeitet immer, und auch ich bin an der Arbeit" (Johannes 5, 17). Das wurde ein Thema von großer Bedeutung für die Vertiefung des geistlichen Lebens; aber nicht nur spekulativ, sondern vor allem im Tun. So wie der Vater Jesus bestimmte Werke übertrug, so übergibt er uns ganz eigene Werke.

Das ist ein Punkt, der mich genährt hat: Ich soll immer mit dem Herrn die Arbeit des Herrn tun.
Auf der anderen Seite habe ich verstanden, dass es unerlässlich ist, gerade um mit dem Herrn die Arbeit des Herrn zu tun, mit dem Herzen des Herrn verbunden zu sein, denn das Werk des Herrn ist kein Verwaltungsjob, der mit einer gewissen Distanz getan werden kann, sondern es ist eine Arbeit der Liebe.

Dies ist für mich eine schöne, tiefe und anspruchsvolle Weisung, auf die ich stets zurückkomme. Er ist der Hauptakteur, ich bin ein armer und bescheidener Assistent, der sich aber einsetzen sollte, denn die Arbeit ist wichtig: ein wunderschönes Werk eben, das der Herr vollbringt. In meiner Beziehung zur Schrift, ist dies das Wichtigste. (Der zweite Teil dieses Interviews erscheint am Donnerstag, den 23. September 2008.)

Von Lucas Teixeira L.C., aus dem Italienischen übersetzt durch Angela Reddemann.