Die Heilige Schrift ist für die Erkenntnis Christi unerlässlich (2. Teil)
Interview mit P. Albert Vanhoye SJ
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ROM, 25. September 2008 (ZENIT.org).- Welche Bedeutung hat das Wort Gottes in der Verkündigung?„Die heilige Schrift ist unerlässlich, um Christus zu kennen“, erklärte der langjährigen Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts in Rom, Jesuitenpater Albert Vanhoye (83) in diesem Interview gegenüber ZENIT.
Nachdem er im gestern veröffentlichten ersten Teil des Interview den Lesern von ZENIT einen Einblick gab, woher seine Liebe zum Wort Gottes kommt und wie dieses sein Leben als Christ prägt geht es in diesem zweiten Teil um wichtige Impulse für eine Spiritualität des Wortes Gottes im christlichen Lebensalltag.
Der Schwerpunkt von Vanhoyes bewegender Biographie ist seine Zeit als Professor für Neues Testament am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom, als Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission sowie als Berater für Katholische Bildung an der Kongregation für Glaubenslehre.
- ZENIT: Was tut der Kirche heute Not, damit die Heiligen Schrift eine zunehmend wichtigere Rolle im geistlichen Leben der Gläubigen spielen kann?
- Kardinal Vanhoye: Es fehlen zwei wesentliche Dinge: erstens die Mittel, Werkzeuge und Materialien, die den Gläubigen dabei helfen können, das Wort Gottes besser zu empfangen und zweitens die Meditation der Gläubigen über das Wort der Bibel. Beides wird Gott sei Dank schon im Leben der Kirche bedacht und dank des Vatikanischen Konzils mehr und mehr präsent. Aber es gibt ja immer die Möglichkeit, Fortschritte zu machen. Da gilt es zum einen die Gläubigen darin zu bilden, das Wort Gottes nicht nur mit dem Kopf, sondern im Herzen und im Leben an zunehmen. Das steht fest. Wir müssen die Gläubigen dazu hinleiten.
Und zum anderen ist es unerlässlich, dass die Gläubigen über das Wort Gottes meditieren und reflektieren. So wird ihr Leben schrittweise durch die Kraft des Wortes Gottes verwandelt.
- ZENIT: Die Lectio Divina, so hat Papst Benedikt bereits wiederholt bekräftigt, kann diesem Anliegen sehr gut dienen.
- Kardinal Vanhoye: Wahrhaftig ist die Lectio Divina eine sehr ernsthafte Methode der Vertiefung der Heiligen Schrift. Aber damit sie Einfluss auf das Leben der Gläubigen nimmt ist schließlich der Schritt notwendig, es im Leben umzusetzen. Es ist auch eine Lectio Divina möglich, die sich nur damit begnügt, die Inhalte des Textes zu bedenken; und dann zu meditieren. Aber dies muss durch die Verpflichtung der Gläubigen ergänzt werden, das Wort Gottes wirklich in ihrem Leben umzusetzen, damit es nicht nur gegenwärtig wird, sondern operativ.
Diese Methode hat den großen Vorteil, die Aufmerksamkeit zunächst auf die biblischen Text an sich zu lenken, auf seine genaue Bedeutung. Es bedarf der Anstrengungen sich zu konzentrieren, bevor man sich auf Spekulationen einlässt, die gar keine Beziehung zum Text haben. Lectio Divina beginnt mit der "lectio", dem aufmerksamen Lesen. Kardinal Martini hat darauf großen Wert gelegt, als er in der Kathedrale von Mailand Zusammenkünfte zur Lectio Divina abhielt.
Dann sollten wir meditieren, um eine Beziehung mit unserer aktuellen Lebenssituation herzustellen. Und schließlich geht es um geistliche Haltungen der Kontemplation, der Vereinigung mit Gott. Aber wie ich bereits sagte, wichtig ist es, dass die Lectio Divina auch zu einer Veränderung im Leben führt.
ZENIT: Die Synode wird sich auch mit dem Thema der Verkündigung des Wortes Gottes befassen, vor allem in der Liturgie. Was sind Ihrer Erfahrung nach die wesentlichen Elemente, die bei Predigten in der Eucharistiefeier zu beachten sind?
- Kardinal Vanhoye: Die Predigten sollten Frucht der Lectio Divina sein. Deren Praxis kann ja variieren, aber die Predigten müssen den Gläubigen wirklich einen konkreten Kontakt mit dem Wort Gottes erlauben, daher sollten sie eindeutig die Bedeutung des Wortes erklären, und dann weiter fortfahren es auf das Leben anzuwenden. Eine Predigt darf nie nur theoretisch sein. Sie muss eine Kraft beweisen, die das Leben zu durchdringen vermag. Deshalb müssen wir vom Schrifttext ausgehen und ihn dann auf das geistliche Leben anwenden.
Es muss dazu gesagt werden, dass es für die Predigt auch sinnvoll ist, wenn man das Beispiel der Heiligen hernimmt. Weil die Heiligen ja den Menschen helfen können, einige Aspekte der biblischen Texte, die vielleicht sehr fern scheinen, zu akzeptieren. Die Heiligen helfen dabei, dass die biblischen Texte für die Gläubigen besser zugänglich werden.
Es ist ja klar, dass Jesus uns in den Evangelien um einen Geist kindlicher Spiritualität bittet, wenn er sagt: „Wenn Ihr nicht werdet wie Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich gelangen“ (Mt. 18, 3 ) Dies wird besser verständlich, wenn man die hl. Therese vom Kinde Jesu als Modell dafür hernimmt. Wenn es um Nächstenliebe gegenüber den Armen geht, ist Mutter Teresa von Kalkutta ein Beispiel, das Menschen darin bestärkt, wirklich verstehen zu können, dass Nächstenliebe denen gilt, die sie am dringendsten benötigen. Wir können nicht mit Christus verbunden sein, wenn wir nicht offen für diese Nächstenliebe sind.
Auf der anderen Seite hat Mutter Teresa sehr gut Gebet, die Gemeinschaft mit Christus und die Liebe zu verbinden gewusst. Ihr Leben war von einem sehr tiefen Gebet genährt, einem anspruchsvollen spirituellen Leben, das manchmal sogar schmerzhaft war. Daher sind Beispiele sehr nützlich, aber sie sollten zusammen mit biblischen Texten verwendet werden, weil die Heiligen ja Zeugen dieser Texte sind.
- ZENIT: Die Synode hat erneutes Interesse an der Bibel geweckt. Welchen Zugang würden sie jemandem vorschlagen, der mehr über das Wort Gottes wissen will?
- Kardinal Vanhoye: Für einen Christen ist es klar, dass er zunächst mit dem Evangelium beginnen sollte.
Das Evangelium will vertieft werden, mit Meditation, Gebet und in seiner Anwendung auf das Leben Dies ist von erster und wesentlicher Bedeutung.
Aber das Evangelium selbst bezieht sich auf das Alte Testament. Jesus ist der verheißene Messias. Daher ist es sinnvoll, die prophetischen Texte zu lesen, vor allem diejenigen, die messianisch geprägt sind. Die Psalmen sind nützlich für das Gebet, aber es muss gesagt werden, dass sie nicht immer den Geist des Evangeliums ausstrahlen. Deshalb müssen wir da feine Unterschiede machen. Einige Psalmen sind voller Hassgefühle gegen die Feinde; sie sind weit entfernt von den Geboten Jesu, die Feinde zu lieben und für sie zu beten. Klar ist, dass ein Gläubiger Hilfe benötigt, die ihm die Texte vorstellt und seiner Intelligenz und Verstehenskraft entsprechend erklärt.
Dann gibt es in den Evangelien natürlich einen Unterschied zwischen den Synoptikern und dem Evangelium des Johannes. Das Evangelium, das auf den ersten Blick für einen Gläubigen sehr attraktiv wirkt, ist das Markusevangelium, das sehr lebendig ist und die Wunder so detailliert schildert. Das Matthäus-Evangelium gibt uns eine reiche Lehre und, daher müssen wir immer zu ihm zurückfinden, um uns mit dem Geist dieses Evangeliums zu füllen.
Auf der anderen Seite vertieft das Evangelium des Johannes den Glauben so wunderbar. Wir müssen wirklich das Johannesevangelium meditieren und es in einem Geist des Glaubens und der Liebe zum Herrn aufnehmen.
Lukas ist auch sehr interessant. Es ist das Evangelium des Jüngers. Es wäre möglich, mit dem Evangelium des Lukas zu beginnen, da es hier um die Beziehung eines Jüngers mit Jesus dem Herrn geht. Die großen Reden eines Mätthäus sind im Evangelium des Lukas anders akzentuiert. Die Seligpreisungen, sind hier statt in der dritten Person als ein direktes Wort an die Jünger formuliert: „Selig, ihr Armen ...". Dies ist nur ein Beispiel. Lukas zeigt eine sehr feinfühlige Beziehung zu Jesus, vor allem in der Passion. Da sieht man sehr gut seine empfindsame Liebe für den Herrn; und zwar durch die Art, wie er die grausamen und schockierenden Vorfälle darstellt.
(…) Nach dem Konzil wurde verstärkt die Anwendung der Psalmen auf das christliche Leben gefördert. Man ließ einfach Dinge aus, die vom Geist des Evangeliums entfernt waren. Das ist sehr notwendig denke ich, denn ein Christ, kann sich zum Beispiel nicht wünschen, dass die Kinder seiner Verfolger erdrückt werden sollen, wie es ein Psalm der im Exil lebenden Juden formuliert. Der Psalm drückt eine sehr tiefe Zuneigung für Jerusalem aus, endet aber in einem sehr grausamen Omen für die Feinde. Ich finde, dass es nur Recht und billig ist, aus der Perspektive des Wortes Gottes all jene Dinge zu vernchlässigen, die durch Jesus korrigiert worden sind.
[Von Lucas Teixeira L.C., aus dem Italienischen übersetzt durch Angela Reddemann]


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