Die Herausforderungen der Maroniten in der Diaspora (Teil 2)

Interview mit dem Bischof der maronitischen Kirche von Buenos Aires, Msgr. Habib Chamieh

Rom, (ZENIT.org) Robert Cheaib | 458 klicks

Heute veröffentlichen wir den zweiten und letzten Teil eines Interviews mit dem Bischof der maronitischen Kirche von Buenos Aires Msgr. Habib Chamieh. Der erste Teil erschien gestern, Donnerstag, dem 26. September 2013.

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Fanden ökumenische und interreligiöse Fragen Berücksichtigung?

Msgr. Chamieh: In der Tat! Unsere Gespräche kreisten um die ökumenische Beziehung zu unseren orthodoxen und protestantischen Brüdern. Dabei möchte ich jedoch vor allem auf den interessanten Beitrag von Kardinal Jean Louis Touran hinweisen. Dieser erinnerte in Zusammenhang mit dem Dialog mit dem Islam an zwei  grundlegende Aufgaben: Zunächst gilt es, Muslime bei einer kulturellen Öffnung zu unterstützen, da das Unwissen der Menschen den Fundamentalismus nährt und begünstig. In zweiter Linie ist es vonnöten, den Christen bei der Erlangung größerer Glaubensfestigkeit und einer Vertiefung des Glaubensbewusstseins zu verhelfen, denn oft fehlen ihnen die Grundlagen des Glaubens.

Viel Freude bereitet mir der Umstand, dass wir auch der Beziehung des Bischofsamtes zu den Medien viel Raum gaben. Ebenso denke ich gerne an die Ermutigung zum aktiven Einsatz der Laien im diözesanen Leben zurück.

Der Heilige Vater Franziskus richtete deutliche und fordernde Worte an Sie, die der Authentizität des Evangeliums entspringen. Er übte unter anderem Kritik an jener Art von Bischöfen, die nicht so sehr als Väter und Hirten des Volkes Gottes denn als „Amtspersonen“ geeignet erscheinen. Von welchen Teilen der Rede des Papstes wurden sie am meisten berührt?

Msgr. Chamieh: Am meisten berührt hat mich als neuer Bischof die Ermutigung des Papstes, das Amt ohne Ehrgeiz zu erfüllen. Sehr erheiternd, aber auch scharfsinnig fand ich den Vergleich eines stets nach einer „besseren“ Diözese strebenden Bischofs mit einem Ehemann, der die Frauen anderer Männer begehrt.

Bestimmt werde ich mir die Ermahnung des Papstes, als Bischof nicht die „Mentalität eines Fürsten“ anzunehmen, zu Herzen nehmen.

Mit Papst Franziskus greifen wir den Wunsch und den Willen zur Reform mit Händen. Sein durch Einfachheit, Armut und konkrete Nähe zum Volk Gottes gekennzeichneter Stil als Bischof von Rom ist für uns zugleich ein einzigartiges Beispiel und eine Ermahnung.

Der Heilige Vater sprach von drei Grundhaltungen eines Bischofes: Die Annahme mit Großmut, das Gehen mit der Herde und das Bleiben bei der Herde. Dieses Bleiben, dieses Dasein ist ein wiederkehrendes Element der Reden des Papstes, vor allem jener zu den Priestern und Bischöfen. Welche Bedeutung hat diese qualitative und qualifizierte Gegenwart in den „Peripherien der Existenz“?

Msgr. Chamieh:  Man muss sich der Tatsache besinnen, dass Papst Franziskus als Kenner der Sachlage von den Peripherien der Existenz spricht. In seiner Funktion als Erzbischof einer großen Metropole hat Jorge Maria Bergoglio nicht nur die Bedeutung, sondern die Unabdingbarkeit einer konkreten Nähe zum Volk Gottes und zu den verschiedenen Formen der Armut begriffen. Dies betrifft nicht nur die materielle, sondern vor allem die existenzielle Armut der Einsamkeit, Krankheit, Arbeitslosigkeit usw. Der Papst vermittelt uns somit eine Erfahrung aus erster Hand. Dieser Stil der Gegenwart ist nicht nur für das Volk notwendig, sondern ist auch die nötige Form, um den Bischof für die wahre Erfahrung Jesu Christi zu öffnen.

Ihrer Bischofswahl ging eine Missionserfahrung bei den Maroniten in Uruguay voraus. Mit welchen Herausforderungen waren Sie dabei konfrontiert?

Msgr. Chamieh: Ich wirkte drei Jahre lang als Missionar in Uruguay. Die Besonderheit Uruguays besteht darin, dass es das einzige wirklich Laien-Land im Südamerika ist. Man spürt dort einen ausgeprägten Antiklerikalismus und eine Ausgrenzung der Kirche. Die Laizität des Landes ist vergleichbar mit der so genannten negativen Laizität Frankreichs. Dieses Klima führte bedauerlicherweise zu einem schrittweisen Rückzug der Gläubigen aus dem kirchlichen Leben. Dasselbe Phänomen ereignete sich mit den anwesenden Maroniten.

Ich begegnete vor allem zwei Herausforderungen: Zunächst kam eine große Zahl der hier anwesenden Maroniten vor mehr als hundert Jahren, in vielen Fällen in der Zeit der ottomanischen Verfolgung im Jahre 1860. Nach ihrer Ankunft wurden sie „los turcos“ genannt, und zur Ablegung dieses Stempels bevorzugten viele eine Integration, die eine Ablösung und Trennung von ihrem orientalischen Ritus bedingte.

Die zweite Herausforderung betraf den herrschenden Laizismus, der auch auf die maronitischen Immigranten einen negativen Einfluss ausübte.

Ist die Lage in Argentinien nun anders?

Msgr. Chamieh: Selbstverständlich. Argentinien besitzt eine starke katholische Prägung. Es herrscht eine Öffnung für die Rolle und den Beitrag der Kirche. Man erinnere sich auch daran, dass in Argentinien etwa zwei Millionen Menschen libanesischen Ursprungs leben. Natürlich impliziert dies nicht, dass sie unsere Sprache beherrschen oder mit unserem maronitischen Ritus vertraut sind.

Die maronitische Diözese Argentiniens wurde im Jahre 1990 gegründet, zur Zeit Johannes Pauls II, und dabei entstand die Eparchie des hl. Scharbel für die Maroniten.

Als Maroniten besitzen wir vier Pfarreien, von denen zwei in Buenos Aires gelegen sind.

Wie finden Sie sich persönlich in jener Diözese zurecht, in der Bergoglio als Erzbischof wirkte?

Msgr. Chamieh: Bei meiner Ankunft erkannte ich, dass manche Umstände so bald wie möglich einer Änderung bedürfen. Beispielsweise ist der Sitz des maronitischen Episkopates sehr weit entfernt von der maronitischen Kathedrale. Aus diesem Grund ist mein Arbeitsleben als Bischof beinahe einsiedlerisch.

Eine der ersten Aufgaben war die Suche nach einer Residenz mit einer dazugehörigen Kirche, die es mir erlaubte, das Glaubensleben nicht nur am Sonntag, sondern jeden Tag mit den Gläubigen zu teilen.

Einer meiner ersten Pläne ist der Bau eines Heiligtums in St. Charbel.