Die Herausforderungen des religiösen Lebens in der Neuevangelisierung

Ein Interview mit P. Jacob Nampudakam, dem Generalrektor der Pallottiner

| 897 klicks

Von Josè Antonio Varela Vidal

ROM, 4. Juni 2012 (ZENIT.org). - Die bevorstehende besondere Versammlung der Bischofssynode für die Neuevangelisierung im Oktober konfrontiert uns mit der Frage, wie wir dem Aufruf Benedikts XVI. in unserem religiösen Leben Folge leisten können.

Im Rahmen einer Interview-Reihe mit den Generaloberen religiöser Orden führte ZENIT ein Gespräch mit dem indischen Geistlichen Jacob Nampudakam, dem Generalrektor der 1835 vom hl. Vincenzo Pallotti gegründeten Gesellschaft apostolischen Lebens.

***

ZENIT: Wie haben Sie den Aufruf Papst Benedikts XVI. zur Neuevangelisierung aufgenommen?

P. Nampudakam: Dieser Aufruf ist für uns Pallottiner von großer Bedeutung, denn das Thema steht in Verbindung mit unserem Charisma. Unser heiliger Gründungsvater hatte den Wunsch, eine Kirche zu bauen, in der alle Gläubigen, Ordensleute, Geistliche und Laien vereint sind und in Gemeinschaft als Apostel Christi wirken.

ZENIT: Welches Glaubensbild soll dem Menschen von heute vermittelt werden?

P. Nampudakam: Es ist wichtig, dass wir zum Evangelium zurückkehren und die Botschaft Jesu auf authentischere Weise in unserem Leben verwirklichen. Das Thema Neuevangelisierung erschöpft sich nicht in einer Reihe von Vorträgen oder Büchern. Es impliziert eine Neubesinnung auf den Geist des Evangeliums. Wir können nichts ändern. Meines Erachtens sollten wir Gott deshalb genauso darstellen, wie er ist.

ZENIT: Der Papst bezeichnete Gott als den „großen Unbekannten“ in der heutigen Gesellschaft …

P. Nampudakam: Aus meinem begrenzten Erfahrungshorizont kann ich dazu folgendes berichten: In der Tiefe des Herzens eines jeden von uns liegt die Sehnsucht nach Gott. Ganz besonders junge Menschen, die oft gleichgültig und unentschlossen wirken, offenbarten mir in der Beichte ein von Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit erleuchtetes Herz. Der Mensch kann nicht ohne Gott leben. Er kann ihn für eine bestimmte Zeit ablehnen und sich eine Illusion seiner Größe und Unsterblichkeit schaffen. Ich denke jedoch, dass das Ja zu Gott letzten Endes eine existenzielle Entscheidung ist.   

ZENIT: Inwieweit kann die Annahme der Herausforderung der Neuevangelisierung eine Veränderung im religiösen Leben bewirken?

P. Nampudakam: Die größte Versuchung besteht für uns alle im Materialismus. Das gilt für Laien und Ordensleute im selben Maße. Der Materialismus erzeugt in uns die Illusion von Allmacht. Daher ist eine Erfahrung der materiellen oder spirituellen Armut äußerst notwendig. Außerdem halte ich für die Jüngsten die Erfahrung der Mission sehr wichtig, denn die Begegnung mit Kindern, die nicht einmal das Nötigste haben, ergreift unser Herz und wandelt unsere Einstellung zum Leben.

ZENIT: Welche Elemente der im Orient oder in Afrika erfolgreiche umgesetzten pastoralen Strategie sind von der westlichen Gesellschaft erlernbar?

P. Nampudakam: In Indien war beispielsweise die missionarische Strategie Mutter Teresas sehr wirkungsvoll. Die Verkündigung des katholischen Glaubens fiel ihr leicht, und das wurde von allen akzeptiert. Entscheidend ist also eine aufrichtige Verkündigung unseres Glaubens, wobei allen anderen Religionen gegenüber jedoch Respekt zu wahren ist. Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Rückkehr des Menschen in das Zentrum des Dialogs, denn ohne Menschlichkeit und Achtung vor der menschlichen Person ist wahre Religion meiner Meinung nach nicht vorstellbar.

ZENIT: Welche Verbreitung, Berufungen, etc. hat ihre Glaubensgemeinschaft weltweit?

P. Nampudakam: Sie besteht aus 2.500 Priestern und Brüdern in insgesamt 43 Ländern. Das größte Wachstum verzeichnet derzeit Indien. Außerdem beginnen wir in asiatischen Ländern wie Taiwan und den Philippinen Fuß zu fassen; vielleicht auch bald im Vietnam oder in Kambodscha. Darüber hinaus wirken wir in einem Dutzend afrikanischer Ländern; dort ist ein großes Potenzial vorhanden. In Südamerika, vor allem in Brasilien, sind wir ebenfalls recht erfolgreich. In Europa ist die Lage weniger günstig. Interessanterweise befinden sich dort einige junge Menschen unter unseren Mitgliedern. Davon leben viele in Deutschland, aber auch in Irland.

ZENIT: Welche Beweggründe nennen Ihnen die jungen Bewerber? Warum entschließen sie sich zu einer Abkehr vom weltlichen Leben?

P. Nampudakam: Sie nannten mir die Gastfreundschaft, die unsere Priester ihnen geboten und die den Laien entgegengebrachte Offenheit, die ein Teil unseres Charismas ist. Der hl. Vincenz Pallotti hatte von Anfang an den Wunsch, eine durch eine starke Beteiligung von Laien geprägte Gemeinschaft zu gründen. Ich denke, dass das auch das Ziel der Kirche sein sollte, denn 90 Prozent ihrer Mitglieder sind heute Laien, und diese sollten keine Zuschauer bleiben.

ZENIT: Sind Selig- oder Heiligsprechungsverfahren von Mitgliedern aus den eigenen Reihen eingeleitet worden?

P. Nampudakam: Es gibt etwa 20 Kandidaten, beispielsweise die seliggesprochenen Geistlichen Józef Stanek und Józef Jankowski aus Polen. Sie wurden gemeinsam mit einigen weiteren Polen und Deutschen als Märtyrer während des 2. Weltkriegs ermordet. Unter den Märtyrern befinden sich auch Iren und Argentinier, die unter der Militärdiktatur in Argentinien ermordet wurden.

ZENIT: Welche Botschaft möchten Sie der Weltfamilie der Pallottiner abschließend mitgeben?

P. Nampudakam: Ich möchte die Einladung zu einer Rückbesinnung auf den Geist des Evangeliums und zu einer Orientierung am beispielhaften Lebensmodell Christi und an dessen vollendetem Christsein aussprechen. Wir müssen erneut einen tiefgehenden Entschluss fassen: Unser Wirken soll unterschiedliche Formen annehmen, aber stets im Namen Christi und seines Reiches vollbracht werden. Die Kirche gehört uns, und wir sind die Diener der vereinten Kirche Christi.  

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]