Die Herausforderungen für den neuen Papst

Kein Rambo oder Rockstar

Rom, (ZENIT.org) Rafael Navarro-Valls | 1112 klicks

Bei der Erörterung der Herausforderungen, die dem neuen Papst begegnen werden, sind politische Betrachtungen der Koordinaten des kirchlichen Bezugssystems wenig hilfreich.

Die Kirche ist ein geistliches „Unternehmen“ (wenn dieser Vergleich zulässig ist), dessen „Aktiva“ der Glaube und die Heiligkeit der Mitglieder ist, während die „Passiva“ von den Schwächen dieser Mitglieder gebildet wird.

Zunächst muss es dem neuen Papst gelingen, die spirituelle Innbrunst der ca. 1,2 Milliarden Katholiken in aller Welt zu erhöhen. Es gilt also, einen Zuwachs der spirituellen Aktiva der katholischen Kirche zu erreichen.

In diesem Zusammenhang sei an folgende Worte des emeritierten Papstes Benedikt XVI. erinnert: „In den letzten Jahren vergrößerte sich die Macht des Menschen auf unvorstellbare Weise, doch es vollzog sich kein Wachstum seiner moralischen Fähigkeiten. Die große Herausforderung besteht darin, Wege zu erkennen, die bei der Überwindung dieses Ungleichgewichtes helfen können.“

Die Aufgabe der Stärkung der „moralischen Fähigkeiten“ der Kirche stellt an den Neugewählten den Auftrag, umfassendes pastorales Wirken unter den Gläubigen zu vollbringen. Er muss daher von tiefer Spiritualität erfüllt sein.

Vor dem Hintergrund der spürbaren „Banalisierung des Bösen“, die in eine subtile Diktatur des Relativismus abzugleiten droht, ist in zweiter Linie eine Öffnung des Marktes der Ideen für die Werte des Geistes vonnöten. Um die Gläubigen aus dem Abgrund des so genannten „moralischen Antimerkantilismus“ befreien zu können, wird eine große Stärke nötig sein. Dieser Abgrund besteht in einer Art Angst davor, an dem sich außerhalb des „Schirmes der Moral“ abspielenden freien Wettbewerb der Gedanken und der moralischen Werte teilzunehmen. In dieser Angst verbirgt sich ein Misstrauen der Anziehungskraft der christlichen Werte gegenüber. Aus dieser zusammengekauerten Haltung, der „krankheitsbedingten Abwesenheit“ vom Markt der Ideen, die sich, ahnungslos und unberührt von den Ambitionen, Unsicherheiten und Zweifeln seiner Zeitgenossen, in seinem Elfenbeinturm einschließt, während sich die große Welt ringsum voran bewegt, muss der Papst die Kirche herausführen.

Eine geographische Herausforderung

Die dritte Herausforderung ist geographischer Natur. Während das erste Jahrtausend durch die Christianisierung Europas geprägt war und im zweiten eine Ausbreitung des Christentums in Amerika stattfand, weist das dritte Jahrtausend den Weg nach Asien und Afrika. Hierbei wird dem Papst eine Schlüsselrolle zukommen. Nicht ohne Grund begaben sich die letzten beiden Päpste insgesamt fünfzehn Mal nach Afrika, und Johannes Paul II. allein unternahm dreizehn Reisen nach Asien.

An dieser Stelle sei betont, dass das 21. Jahrhundert als großes „Novum“ eine Auferstehung der großen Religionen erlebte. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass in soziologischen Studien mit zunehmender Häufigkeit die De-Säkularisierung unter die markanten Weltereignisse der Zeit zwischen dem Ende des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts gereiht wird. Auch in Amerika, Afrika und Asien vollzog sich ein progressives Wiedererwachen der religiösen Frage entgegen den Tendenzen der Säkularisierung im alten Europa.

Der neue Papst soll nicht europazentriert, sondern weltzentriert sein. Dies impliziert nicht, das Potenzial der christlichen Wurzeln Europas ungenutzt zu lassen. Es bleibt jedoch zu bedenken, dass die Zukunft des Christentums in anderen Kontinenten liegt. Immerhin wird der Papst das Oberhaupt der Kirche mit der weltweit betrachtet größten Anzahl von Gläubigen sein: Von insgesamt 1,196 Milliarden Katholiken leben insgesamt 49,4 Prozent in Amerika und 15,2 Prozent in Afrika.

Eine Art Rambo oder ein Rockstar?

Die Organisations- und Reformfähigkeit des neuen Papstes wird von einer enorm bedeutungsvollen Reform, die als strukturell bezeichnet werden könnte, in besonderer Weise gefordert. Dabei beziehe ich mich auf die intellektuellen, menschlichen und geistlichen Voraussetzungen der 721.935 Ordensmitglieder und 412.236 Priester in aller Welt. Diese Aufgabe steht in direktem Zusammenhang mit der erzielten Wirkung der wichtigsten Verantwortungsträger in der Kirche bei ihrer Verbreitung der christlichen Botschaft.

Es sei darauf hingewiesen, dass beispielsweise die Fälle von Kindesmissbrauch einem erheblichen Mangel an emotionaler und intellektueller Reife von einigen Seminaristen und somit künftigen Priestern entspringen. An einigen von der sexuellen Revolution der 1960er Jahre beeinflussten katholischen Universitäten Amerikas und Europas entstanden Lehren, die eine falsche Auffassung der menschlichen Sexualität und der Moraltheologie verbreiteten. Gegen diese Lehren, die sich in einer ganzen Generation verwurzelten, waren auch einige der Seminaristen nicht immun und sie verhielten sich unwürdig. Für die Vermeidung neuer Probleme und vor allem für eine Erhöhung der Wirkung der katholischen Kirche muss dieses Problem der Bildung behoben werden.

Zur Bewältigung der genannten Herausforderungen sowie der Ökumene muss der neue Papst über eine große Stärke verfügen. Darüber muss es dem Gewählten gelingen, in der Menschheit den Gedanken einzupflanzen, dass der Kampf gegen die Armut weiter Teile der Gesellschaft nicht nur eine Frage der Wohltätigkeit ist, sondern vielmehr ein wahrer „göttlicher Impuls“.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir, wie in der „New York Times“ zitiert wurde, einen Papst benötigen, der wie eine Art Rambo mit Rockstarallüren zum Kampf an allen Fronten gewappnet auftritt.

Der neue Papst ist nicht alleine. Er ist das Haupt eines weit ausgedehnten geistlichen Körpers. Von Bedeutung sind nun weniger die „schwere Artillerie“ oder die „großen Ozeanflotten“. Vielmehr kommt es jetzt darauf an, dieser „leichten Infanterie“ (wenn dieser Vergleich zulässig ist), den in aller Welt verbreiteten 1.200 Millionen Katholiken den Atem einzuhauchen und Impulse zu geben.

Rafael Navarro-Valls ist Professor, Wissenschaftler und Autor des Buchs „Entre el Vaticano y la Casa Blanca“. Er ist verantwortlich für die Rubrik „Observatorio Jurídico“ der spanischen Edition von ZENIT.