Die Identität des Menschen in der Zeit und über das Zeitliche hinaus

Heute findet im Vikariat von Rom die Reihe von Debatten über die Osterpredigten Benedikt XVI. ihren Abschluss

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Von Luca Marcolivio

ROM, 2. Feburar 2012 (ZENIT.org) – Im Vikariat von Rom setzte sich die Reihe theologischer Lesungen zu den Osterpredigten von Benedikt XVI. fort. Im Rahmen eines runden Tisches zum Thema „Die Identität des Menschen in der Zeit und über die Zeit hinaus“ stand am vergangenen Donnerstag, dem 26. Januar, die Predigt der Osternacht vom 22. März 2008 im Mittelpunkt der Reflektionen.

Vortragende des Treffens waren Msgr. Livio Melina, Vorsitzender des päpstlichen Instituts „Giovanni Paolo II” (Johannes Pauls II.), Laura Palazzini, Professorin für Bioethik an der „Libera Università Ss. Maria Assunta” (LUMSA) und Angelo Luigi Vescovi, wissenschaftlicher Leiter des Krankenhauses „Casa sollievo della sofferenza” in San Giovanni Rotondo. Moderiert wurde die Debatte wie schon am Donnerstag zuvor vom emeritierten Präsidenten des italienschen Verfassungsgerichtshofes, Cesare Mirabelli.

In seiner Predigt hatte der Heilige Vater darauf hingewiesen, dass der Mensch zuerst einmal ein endliches Wesen sei, was sich in Bezug auf Raum, Zeit und Körper verdeutlicht.

„Dennoch”, bemerkte Msgr. Melina, „weist der Körper auch auf die Möglichkeit einer Überwindung dieser Grenzen hin. Er entdeckt gerade in den Beziehungen mit anderen, zu einer Öffnung in der Liebe gerufen zu sein”.

Unser sterblicher Körper könne sich daher in der Erfahrung der Liebe gewissermaßen eine Wahrnehmung der Ewigkeit aneignen, welche die Person dazu drängt, über die Grenze des eigenen Egoismus zu springen und sich zu schenken, um so schließlich in die Beziehung „mit Ihm, der selbst das Leben in sich trägt” einzutreten.

Jesus Christus sei somit derjenige, welcher „über den Tod hinaus” schreitet und sogar zurückkehre. „Das Ostergeheimnis Jesu ist der große Schritt, die große Reise, welche unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft vereint – in der Umarmung des Vaters”, kommentierte Msgr. Melina.

In weiterer Folge müsse das Körperliche kraft Auferstehung und Himmelfahrt Christi integraler Bestandteil unseres ewigen Lebens sein. Es sei kein Zufall, dass der Erlöser von seinen Jüngern Abschied nahm, als diese einen Ausdruck ihres gemeinsamen, sozusagen leiblichen Lebens feierten - das Abendmahl - und dass die Heilige Schrift oft vom Essen und Festmählern mit dem Herrn spricht, ohne dabei zu metaphorisch zu sein. (vgl. Jes 25,6; Lk 22,30; Off 3,20).

Es liege gerade in der „Zerbrechlichkeit des Körpers” und im „Drama der Zeit”, dass „der auferstandene Herr uns bei der Hand nimmt”. Auf diese Weise „schenkt er uns jenen Geist der mit unserer Berufung zur Liebe die intimste und verborgenste Verheißung des Lebens zur Vollendung führt”, fügte Msgr. Melina schließlich hinzu.

Davon überzeugt, dass der Körper allein nicht die Identität des Menschen ausmachen könne ist auch der Biologe Angelo Luigi Vescovi, der daran erinnerte, dass die Wahrnehmung der Welt durch den Menschen gemessen an der objektiven Wirklichkeit immer extrem begrenzt sei.

Der Schwerpunkt des Beitrags von Prof. Laura Palazzani lag auf einem höchst delikaten Thema: dem Ende des Lebens in Beziehung zum medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritt. Die Bioethikerin hob hervor, dass sich mit der Zeit die Standards geändert hätten: so seien neurologische Kriterien (Tod des ganzen Gehirns oder der Hirnrinde) von Herz-Kreislauf-Kriterien abgelöst worden.

Auf philosophischer Ebene andererseits, würden sich die Theorie von der Trennung Körper und Person und die Theorie der Identifikation von Körper und Person gegenüberstehen.

Das erste der beiden Axiome habe seine Wurzeln in der kartesischen Unterscheidung von „res cogitans“(Geist) und „res extensa“(Körper) und stünde am Ursprung jener eugenischen Theorien, welche die „Würde” der Person anhand der Funktionalität und Effizienz des eigenen Körpers beurteilten.

Laut Prof. Palazzini basiere diese Auffassung in der Bioethik „zuerst einmal auf der Vergegenständlichung des menschlichen Körpers und der De-Inkarnation der Person”. 

Im Gegensatz dazu stehe die Theorie der Identifikation von Körper und Person, welche Thomas von Aquin erschöpfend ausformuliert habe. Selbige „arbeitet eine starke theoretische Fundierung des Konzepts der ‘menschlichen Würde’ heraus, welches sich auf die ursprüngliche Identifikation von Person und menschlichem Wesen beruft und als solches Fundament und Sinn der Menschenrechte bekräftigt.”

Auf diesem kulturellen Erbe stehend habe die aktuelle Epoche des wissenschaftlichen Fortschritts der Biomedizin eine „unlimitierte, nicht enden wollende Rolle” zukommen lassen, welche in der Anmaßung gegipfelt sei, Tod und Leid zu besiegen, was unvermeidbar Euthanasie und lebensverlängernde Maßnahmen [um jeden Preis auch wenn es bei keiner Chance auf Heilung zu gleichzeitiger Schmerzsteigerung kommt, Anm. d. Übers.] zur Folge gehabt habe, welche als solche komplementäre Konsequenzen der Ablehnung von Krankheit, Schmerz und Tod seien.

Die Reihe theologischer Lesungen über die Osterpredigten Benedikt XVI. endet am heutigen Donnerstag, den 2. Februar 2012 um 20 Uhr. Das Thema im Vikariat wird „Die Standfestigkeit des Menschen in der globalisierten Welt sein“. Zur Debatte treffen sich Msgr. Luis Ladaria Ferrer SJ, Sekretär der Glaubenskongregation, Enrico Giovannini, Vorsitzender des „Istituto nazionale di statsistica“ (Istat) und Giampiero Milano, ordentlicher Professor für kanonisches und kirchliches Recht an der Universität von Rom (Tor Vergata).

[Übersetzung des italienischen Originals von Joachim Honeck]