Die Innenwelt des Anderen

Edith Steins Erstlingswerk „Zum Problem der Einfühlung“ in einer kritischen Neuausgabe

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Von René Raschke

ROM, 9. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- „Wir sind allein, allein, allein“, war Anfang diesen Jahres in einem Musiktitel der Dresdner Künstler Polarkreis 18 zu hören. Diese Aussage wurde im Musikvideo visuell mit pathetischem Tenor eines Caspar David Friedrichs unterlegt, wo vereinsamte Menschen vor monumentaler Natur ohnmächtig erscheinen. Wie notwendig ist mir der Andere? Edith Stein (1891 Breslau – 1942 Auschwitz) beschäftigte in ihrer Dissertation „Zum Problem der Einfühlung“ von 1917 genau diese Frage nach der Erfahrung fremden Bewusstseins und seiner Bedeutung für die eigene leibseelische und geistige Verfasstheit.

In seiner kritischen Neuauflage hat dieses Buch an Aktualität offenbar nichts verloren. Mit dem fünften Band der Edith Stein Gesamtausgabe (ESGA) bekommt der Leser einen ganz neuen Einblick in die erste selbstständige Arbeit der späteren Karmelitin. Die recht kurze Einführung zur kritischen Neuausgabe, die sich hauptsächlich als Verortung des Werkes im Leben und Denken der Autorin versteht, bietet einen ersten pointierten Zugang. Das Besondere ist, dass „nun erstmals eine kritische Ausgabe dieses Werkes mit Edith Steins eigenen Korrekturen veröffentlicht werden [kann]“. Die bereits in der Staatsexamensarbeit um den Jahreswechsel 1914/15 angerissene Problematik, deren Begutachtung durch Husserl im Anhang der neuen Ausgabe abgedruckt ist, entfaltete sich rasch zu einer großen Darstellung. Über die rekonstruierte Bibliographie eröffnet sich dem Leser, in welchen geistigen Strömungen Stein in dieser Zeit zu Hause war. Leider handelt es sich bei dem von Stein veröffentlichten Text nicht um die vollständige Dissertation, sondern lediglich um den II. – VI. Teil, deren rahmende historische Teile als verschollen gelten.

Das philosophische Problem beginnt mit einer zweifelnden Frage: Wie ist es möglich, dass ich im Körper des anderen mehr „sehe“, obwohl doch den Sinnen „nur“ ein physisches Ding vorliegt, und wie habe ich überhaupt Zugang zu seiner Innenwelt? Die Phänomenologin entzieht sich dem kaum überblickbaren Dickicht an Einfühlungstheorien und gelangt unter Ausblendung der verschiedenen Schulen, Meinungen, Traditionen, ja selbst unter Freistellung der Existenz der Sache zum ganz unmittelbar erlebten Phänomen, was ihre zweifelsfreie Ausgangsposition bildet. In Abgrenzung zu anderen Akten des reinen Bewusstseins (Erinnerung, Erwartung, Phantasie) ist Einfühlung für Stein eine Art erfahrender Akt sui generis, worin Erfahrung von fremdem Bewusstsein überhaupt stattfindet. Ein eigenes Erleben, das ein nicht eigenes Erleben bekundet. In scharfer Kritik behauptet Stein ihre Einsicht gegenüber den vorliegenden wissenschaftlichen Theorien, die ihrer Meinung nach nur zu wenig komplexe Auslegungen des Phänomens liefern, da sie es meist nur erklärend streifen oder rein gar nicht beleuchten. „Bevor man etwas seiner Entstehung nach schildern will, muss man wissen, was es ist.“

Der strukturelle Aufbau des Menschen und die dabei dringlichen Fragen zur Bedingtheit durch psychophysische Vorgaben sowie fremde Individuen sind jedoch die eigentliche Leistung Steins in ihrer Dissertation. Wie baut sich das Individuum in seiner leibseelischen Verfasstheit auf?

Nach Stein ist es zunächst kein aus beliebigen Erlebnissen zusammengesetztes und allein gelassenes Konglomerat von irgendetwas, sondern deutlich umgrenzt. Die Besonderheit besteht in der Verankerung dieses Erlebnisplurals in einem reinen Ich, das sich vor dem Hintergrund der Andersheit des Anderen als Selbstheit abhebt.

Augenscheinlich wird sofort klar, dass Individualität nicht allein aus sich selbst besteht, sondern unmittelbar überindividuellen Vorgaben unterliegt. Außerdem erscheint das Individuum als eine Komplexion vieler Schichten, die es nicht nur abstrakt, sondern ganz konkret fassbar machen. Denn wer würde ernstlich leugnen, empfindend leibhaft verfasst oder er selbst zu sein, charakteristische Eigenschaften oder eigenen Willen zu besitzen? Stein erweist diese Punkte als notwendige und vernetzte Voraussetzung eigener psychophysischer Individualität. Was Einfühlung schließlich leistet, ist genau jener Zugang zum „mehr als“ das, was wir in der rein physischen Welt ausmachen können.

Die Präzision, mit der Stein die vorliegenden Theorien anhand ihrer eigenen Analyse prüft und damit eine von Husserls Denken ausgesparte Stelle zu füllen vermag, zeigt ihren bereits gefestigten phänomenologischen Standpunkt.

Die Herausstellung der Bedeutung der Einfühlung für das psychophysische Individuum und die geistige Person ist eine beachtliche Leistung. Es klingen aber auch bereits die philosophischen Horizonte ihres späteren Wirkens an, insbesondere der Aufbau der menschlichen Person und die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Kausalitäten und Welten (Natur und Geist). Vor allem aber ist der junge und in der Problemanalyse wendige Geist Steins, der selbst komplexe Sachverhalte anschaulich darzulegen vermag, im Text deutlich zu spüren.

Das praktische Ziel der Herausgeberin, „der Öffentlichkeit das phänomenologische Erstlingswerk Edith Steins zugänglich zu machen“, kann als ausgezeichnet verwirklicht angesehen werden. Dass es aber nicht nur beim Zugang bleibt, sondern sich der Sinn der kritischen Ausgabe entfaltet und eine innige Auseinandersetzung mit dem ersten philosophischen Schaffen der „preußische[n] Staatsangehörige[n] und Jüdin“ – wie sie selbst im abgedruckten Lebenslauf schreibt – einsetzt, ist zu wünschen.

Ausgehend von verkaufsstarker und kollektiver Einsamkeit im Musikgeschäft bleibt abschließend zu fragen, an wen der einsame Sprecher seine Aussage adressiert, denn setzt nicht auch das klagende „wir sind allein“ immer schon ein anderes Ohr voraus?

[Edith Stein: Zum Problem der Einfühlung. Eingeführt und bearbeitet von Maria Antonia Sondermann OCD, ESGA 5, B. Philosophische Schriften, Abteilung I. Frühe Phänomenologie (bis 1925). Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2008, ISBN 978-3-451-27375-9, 200 Seiten, EUR 32,– © Die Tagespost vom 9.6.2009]