Die Jünger - guter Durchschnitt

Impuls zum 5. Ostersonntag 2014

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 744 klicks

Wieder erleben wir – als starken Kontrast zu dem erhabenen Geschehen der Auferstehung des Herrn – die Einfachheit der Jünger. Mit unseren heutigen Bildungsstandards könnten wir fast am IQ mancher Jünger des Herrn zweifeln.

Wenn Jesus, provozierend wie so oft, die Jünger fragt: “Wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr” (Joh 14,4), dann ist die Reaktion der Apostel eher dürftig.

Aber nur auf den ersten Blick sind die Jünger etwas simpel. Sie haben alle einen gesunden Menschenverstand, was man von intellektuellen Menschen nicht immer sagen kann. Sie haben vor allem ein gerades Herz, ohne Hintergedanken und unerwartete Anwandlungen. Der Herr lässt erkennen, dass er dies besonders liebt, zum Beispiel als er die Bekanntschaft des Nathanael macht. Von diesem sagt er nämlich: “Ein echter Israelit, ein Mann ohne Falsch” (Joh 1,46).

Die Jünger sind zwar meist von mäßiger Intelligenz, und es kommt vor, dass sie eine Situation nicht richtig einschätzen (wie zum Beispiel beim Vorschlag der “Donnersöhne” Johannes und Jakobus, Jesus möge Feuer auf ein Dorf herabrufen, weil man dort ihn bzw. die Jünger nicht aufgenommen hat, vgl. Luk 9,54). Aber was sie immer wieder auszeichnet: sie sind lernfähig, sie nehmen an, was der Herr ihnen sagt.

Als Jesus zu verstehen gibt, dass sie ja den Weg wohl wissen, den er gehen werde, antwortet Thomas mit einer für ihn offensichtlich typischen Schnoddrigkeit: “Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, wie sollen wir dann den Weg kennen?” (Joh 14,5) Seine ungenierte Antwort zeigt aber auch, in welchem vertraulichen Ton die Jünger mit dem Herrn zu sprechen gewohnt waren.

Wenn wir aber daran denken, wie die Jünger sich verhalten haben, als der Herr gefangen genommen wurde, spätestens dann wird uns klar, dass diese Männer ganz normale Menschen und keine Helden waren (was die Frauen betrifft, so waren sie in den schweren Stunden der Erniedrigung Christi eigentlich mutiger und stärker als die Männer). Auch besondere Charakterfestigkeit zeichnete sie nicht aus. Sogar der erste unter ihnen, Petrus, versagte angesichts der Gefahr, schief angesehen zu werden.

Von all dem können wir lernen, denn wir sind dem Herrn genauso wichtig wie die Apostel. Auch wir können ganz unbefangen mit ihm reden, solange wir die Ehrfurcht nicht verletzen. Auch wir dürfen annehmen, dass er uns die Dinge in Ruhe und geduldig erklärt, wenn wir etwas nicht verstanden haben.

Vor allem können auch wir davon ausgehen, dass der Herr uns immer wieder unsere Fehler und Sünden vergeben wird, so wie er Petrus vergeben hat. Er hätte auch dem Verräter Judas verziehen, wenn der ihn darum gebeten hätte. Aber seine Reue war keine wirkliche Reue. Auch er wollte seine Verfehlung rückgängig machen, aber da war kein Reueschmerz, sondern nur der stolze Gedanke: warum musste mir das passieren? Hüten wir uns vor der falschen Reue des Judas!

Und der Herr selbst? Immer wieder sehen wir, dass er die Menschen ernst nimmt, auch wenn sie ihm haushoch unterlegen sind. Zugleich aber nutzt er die Schwachheit der Menschen, um seine Lehre in ihren Lebenszusammenhang zu stellen. Auf das Wort des Thomas: woher sollen wir das wissen…? erfolgt eine Antwort, die in ihrer Größe und Bedeutung Himmel und Erde bewegt: “Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben” (Joh 14,6).

Im Evangelium des 5. Ostersonntags gibt uns der Herr noch ein weiteres Wort von unendlicher Tragweite. Als Philippus ihm den naiven Vorschlag macht: “Herr, zeig uns den Vater, das genügt uns” (Joh 14,7), erklärt Jesus einen wahrhaft hohen Gedanken der trinitarischen Theologie: “Philippus, wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen” (Joh 14,9).

All diese erhabenen Lehren haben die Jünger sicher erst später wirklich verstanden.

Und auch hier wieder unsere legitime Gemeinsamkeit mit ihnen. Wenn wir uns, so wie sie es taten, vom Herrn führen lassen, werden auch wir aus unserer ‘Normalität’, die zunächst gut ist, höher steigen und schließlich zu den Persönlichkeiten werden, die sich der Herr gedacht hat, als er uns schuf. Genau wie die Apostel werden wir – vom Hl. Geist geführt – wachsen an Einsicht und Tugend und schließlich bereit sein, dem Herrn sogar noch auf dem Kreuzweg zu folgen.

Welch ein Unterschied zwischen den einfachen Fischern und Zöllnern und den gewaltigen Aposteln und Märtyrern, die sie später wurden!

Heiligkeit ist möglich!

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).