Die Karfreitagsfürbitte - eine lange Geschichte

Die Ereignisse des 20. Jahrhunderts trugen maßgeblich zur Neuentwicklung bei

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ROM, 6. Februar 2008 (ZENIT.org).- Die Karfreitagsfürbitte für die Bekehrung der Juden, die schon im Sacramentarium Gregorianum (vgl. K. Gamber, Sacramentarium Gregorianum I. Das Stationsmeßbuch des Papstes Gregor, Regensburg 1966, Formular 65, S. 61-64) enthalten war, das vermutlich aus dem Jahr 592 stammt, wurde in der Formulierung von 1962 von vielen zum Anlass genommen, um dem Motu proprio „Summorum Pontificum“ vom 7. Juli 2007 zur Regelung des Missale Romanum des seligen Johannes XXIII. kritisch gegenüberzustehen. So hatten die Oberrabbiner der sephardischen und askenasichen Gemeinden Jerusalems in einem Brief an den Papst ihre Bedenken zum Ausdruck gebracht und um eine Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte gebeten.



Es war dies nicht das erste Mal, dass diese Fürbitte ins Rampenlicht der Aufmerksamkeit trat. Die Formulierung vor der Erneuerung Johannes XXIII. hatte gerade auch durch die geschichtlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts und die in ihm verbrochenen Grauen gegen das jüdische Volk Anlass zu Bedenken gegeben.

Der Anfang des ursprüngliche Textes lautete: „Oremus et pro perfidis Judaeis – Lasset uns auch beten für die treulosen Juden“. Papst Johannes XXIII. ließ in der Karfreitagsliturgie von 1959 das Adjektiv „perfidi – treulos“ weg, und schrieb dies 1960 für die ganze Kirche vor. Diese Neuerung fand dann Eingang in das von ihm reformierte Missale Romanum.

Die Geschichte der Problematik des Adjektivs „perfidus“ für das Volk der Juden reicht jedoch weiter zurück, und steht in engem Zusammenhang mit der Thematik des Verhältnisses der katholischen Kirche zur Plage des Antisemitismus. Im Jahr 2004 veröffentlichte hierzu der Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf in der „Historische Zeitschrift Heft“ (279/3, 2004) einen Beitrag mit dem Titel: „ ‚Pro perfidis Judaeis’. Die ‚Amici Israel’ und ihr Antrag auf eine Reform der Karfreitagsfürbitte für die Juden (1928) Oder: Bemerkungen zum Thema katholische Kirche und Antisemitismus“. Die im Zuge der Teilöffnung der Vatikanischen Archive im Februar 2003 für den Pontifikat Pius XI. erschlossenen Akten zu den „Amici Israel“ eröffneten Wolf Einblick in eine „ambivalente Haltung der Kirche“.

Die „Amici Israel“ (Freunde Israels) waren eine Gruppe von 3.000 Priestern, 328 Bischöfen, Erzbischöfen und 19 Kardinälen, unter ihnen der Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber. Diese schlossen sich 1926 in Rom zusammen. Zu den Hauptinitiatoren gehörte Sophie Franziska van Leer, eine zum Christentum konvertierte und mit Faulhaber in engem Kontakt stehende holländische Jüdin.

Ziel der Vereinigung war die Förderung der Versöhnung von Juden und Christen und dabei insbesondere der Katholiken. In einer Zeit, als der Antisemitismus in ganz Europa zu einem ernsten Problem wurde, war es die Absicht dieser hohen Würdenträger, Priester und Ordensleute, die Freundschaft mit dem Volk des Alten Bundes zu betonen. Christen sollten verstehen lernen, dass das Alte und das Neue Testament zusammengehören und die jüdische Wurzel des Christentums nicht vernachlässigt werden darf.

Bis zur vorzeitigen Öffnung der Vatikanischen Archive 2003 war wenig von dieser Priestervereinigung bekannt. Wolf fand in den Akten der Glaubenskongregation, der Nachfolgebehörde der Römischen Inquisitions- und Indexkongregation, einen Faszikel über die „Amici Israel“, vor allem über ihre Forderung, die Karfreitagsfürbitte bezüglich der Juden grundsätzlich zu reformieren. Diese Forderung sorgte, so Wolf, 1928 in Rom für große Aufregung.

Papst Pius XI. übergab das Anliegen der „Amici Israel“ der zuständigen Ritenkongregation. Einer der Gutachter, Abt der Abtei St. Paul vor den Mauern und spätere Erzbischof und Kardinal von Mailand, der sel. Ildefonso Schuster, stellte Fest, dass der Antrag berechtigt war. Das Wort „perfidus“, das theologisch einen Mangel oder eine Verfinsterung im Glauben bedeutet, hatte für Schuster diese Bedeutung im modernen Sprachgebrauch verloren; es würde nur „perfid“ im heutre herkömmlichen Sinn verstanden werden. Dies machte für den künftigen Seligen eine Streichung des „perfidus“ notwendig. Die Ritenkongregation begrüßte das Votum und sprach sich für die Reform aus.

Dem „Heiligen Officium“ kam die Untersuchung des dogmatischen Aspekts zu. Für den Theologen des Päpstlichen Hofes Marco Sales OP bot eine Änderung keinen Nutzen. Er betonte, dass die Liturgie so alt sei, dass an ihr nichts verändert werden soll. Zudem sein die Vereinigung „Amici Israel“ privater Natur.

Das Urteil des Sekretärs des Sant’Ufficio, Kardinal Merry del Val, Staatssekretär unter dem hl. Pius X., fiel härter aus. Es gebe einen Antisemitismus, der zu verurteilen sei, so der Kardinal. Aber was die „Amici Israel“ wollten, sei nicht mehr die Konversion der Juden, sondern lediglich ihr Übergang vom Reich des Vaters in das Reich des Sohnes. Das sei auf jeden Fall abzulehnen. Die Liturgie der Karwoche gehe auf eine „achtenswerte alte Zeit“ zurück und entziehe sich so jeglicher Reformierbarkeit. Das Wort „perfidus“im uralten Ritus bringe „die Verabscheuung für die Rebellion und den Verrat“ des auserwählten Volkes zum Ausdruck. So stellt das Sant’Uffiio fest: „Nihil esse innovandum – nichts ist zu modifizieren“.

Papst Pius XI. billigte das Urteil des Sant’Ufficio, und verschärfte den Beschluss darüber hinaus durch zahlreiche Präzisierungen weiter. Die Antragsteller der „Amici Israel“ wurden dazu verpflichtet, von ihrem Ziel abzuschwören; die Vereinigung wurde aufgelöst. Dem Aufhebungsdekret ließ Pius XI. eine scharfe Verurteilung des rassistisch motivierten Antisemitismus folgen. Die Kirche werde immer und überall gegen die Verfolgung der Juden protestieren.

Von Armin Schwibach