Die katholische Moral duldet keinen Präventivkrieg

Interview mit Pater Michele Simone, s.j., Vizedirektor von "Civiltà Cattolica"

| 196 klicks

ROM, 6. Dezember 2002 (ZENIT.org).- Die Drohungen George Bushs eines Militärschlags gegen den Irak stellen unvermeidbar schwerwiegende ethische Fragen auf. Ist das ein "gerechter Krieg? Und ist die Vorstellung eines Präventivkrieges mit der katholischen Moral vereinbar?".



Die Jesuitenzeitschrift der Civiltà Cattolica, deren Artikel vor der Veröffentlichung vom Staatssekretariat selbst überprüft werden, hat am 2. November einige Überlegungen zu einem Präventivkrieg in katholischer Sicht veröffentlicht. Einem solchen Unterfangen wird ein verstärkter Rückgriff auf die Dienste der Intelligenz und eine bessere Kontrolle der gegen den Terrorismus verwendeten Gelder entgegengestellt.

Zenit hat Pater Michele Simone, s.j., den Vizedirektor der Civiltà Cattolica, interviewt.

-- Wie weit kann die christliche Lehre einen "gerechten Krieg" legitimieren?

MICHELE SIMONE: Die extreme zerstörerische Kraft der modernen Waffen hat im Gegensatz zu früher das Wesen und die Qualität des Krieges völlig verändert. Daher ist heutzutage die traditionelle Auffassung vom "gerechten Krieg" total überholt. Eines jedoch ist auch heute noch aktuell, nämlich die Pflicht, die Folgen für die Zivilbevölkerung eines Militärschlages zu erwägen. Auch die UNO rechtfertigt nur eine militärische Aktion eine legitime Verteidigung, die als solche auch erwogen sein muss.

-- Ist der fundamentalistische Terrorismus, der Selbstmordattentäter eine Bedrohung, die einen Krieg rechtfertigen würde?

MICHELE SIMONE: Lassen wir einmal die Situation im Heiligen Land außer Acht, wo sich zeigt, dass Gewalt als Racheakt eine Sackgasse ist, wodurch Probleme nicht gelöst werden, sondern eher verschlimmert werden und den gegenseitigen Hass schüren. Außerdem scheint mir bewiesen zu sein, dass ein Staat sich an der Finanzierung und Organisation des internationalen islamisch-fundamentalistischen Terrorismus beteiligt. Daher ist ein Krieg mitnichten gerechtfertigt. Vielmehr muss der Terrorismus von den Staaten bekämpft werden, welche sich der Allianz des amerikanischen Präsidenten angeschlossen haben, und zwar durch eine intensivere und koordiniertere Kontrolle des Dienstes der Intelligenz und einer Kontrolle der internationalen Finanztransaktionen im Zusammenhang mit den Terroristen.

-- Die USA könnten den Irak angreifen. Ist ein Präventivschlag gegen in sicheres Übel von der katholischen Moral vorgesehen?

MICHELE SIMONE: Wer entscheidet denn, dass der Irak ein sicheres Unheil ist? Das Land mit der stärksten Wirtschafts- und Militärmacht der Welt? Kann ein Präventivschlag allein durch Propaganda der Angreifer, die daraus am meisten Vorteil beziehen, gerechtfertigt werden? Ein sogenannter Präventivkrieg gegen den Irak würde inakzeptable und schwerwiegende humanitäre Folgen haben und den ganzen Nahen Osten schwächen, außerdem dient er nicht dem Frieden, sondern stürzt die Menschheit in eine Art permanenten Krieg, denn nach dem Irak käme wohl der Iran, Nordkorea usw. dran. Es ist zu wünschen, dass die UNO alles mobilisieren, um einen militärischen Schlag gegen den Irak mit "Massenvernichtungswaffen" zu verhindern.

Die katholische Moral sieht nur einen legitimen Verteidigungskrieg gegen ungerechtfertigte Waffengewalt vor, aber keineswegs einen westlichen "Präventivkrieg". Es wäre das x-te mal in der Geschichte, dass der Stärkere mit Gewalt seine Interessen durchsetzt zu Lasten des Schwächeren.

-- Wie sieht die katholische Friedensvorstellung aus, und worin unterscheidet sie sich vom Pazifismus der Nordamerikaner, mit denen viele das ganze Unheil der Welt identifizieren?

MICHELE SIMONE: Nicht nur der Katholik, sondern jeder Weltenbürger, der nur ein bisschen vernünftig und objektiv denkt, lehnt die These, dass die Amerikaner die Ursache allen Übels in der Welt sind, als simples ideologisches Vorurteil ab.

Diese These entbehrt jeder Grundlage und ist das Resultat von Propaganda. Außerdem ist für einen Katholiken der Friede etwas positives, was Tag für Tag muss innerhalb der menschlichen Kommunität und zusammen mit den Nationen geschaffen werden muss. Wie der Papst oftmals sagte, gründet er auf der Gerechtigkeit und gegenseitiger Vergebung. Und darin unterscheidet er sich auch vom Pazifismus, der sich lediglich an der absoluten Gewaltlosigkeit orientiert.