Die katholische Soziallehre, „entschiedenste Fürsprecherin“ der Armen und Unterdrückten

Erzbischof John Onaiyekan über Globalisierung und den Einsatz der Kirche

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WIEN, 8. Juni 2009 (ZENIT.org).- „Als Christen sollten wir den Prozess der Globalisierung als wunderbare Gelegenheit betrachten, um Gottes Plan der Erlösung der gesamten Menschheit zu erreichen", meinte der frühere Vorsitzende der Nigerianischen Bischofskonferenz (CBCN), Erzbischof John Onaiyekan (Abuja), am vergangenen Freitag (5. Juni) bei einem Vortrag zum Thema Globalisierung. Der Erzbischof war anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Österreichischen Bischöflichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (Iustitia et Pax) nach Wien eingeladen worden.

In Teilen seines Vortrags kamen die großen Herausforderungen und auch negative Folgen der Globalisierung zur Sprache wie globale Erwärmung oder die ungleiche Verteilung von Wissen und Technologie; diese seien „Folge menschlicher Schwäche und Fehler". Doch gerade im Hinblick auf den Einsatz der Kirche verwies das kirchliche Oberhaupt auch auf heutige Chancen, da Christen in der Lage seien, „das Evangelium allen Nationen zu verkünden".

Positiv bewertete Onaiyekan die Rolle etlicher Katholiken in Afrika: „In vielen Ländern übertrifft die politische und soziale Durchschlagskraft unserer Katholiken ihre relative Bevölkerungsstärke. Das liegt teilweise an dem hohen Aufwand für gute Erziehung, für den die Kirche bekannt ist." Am wichtigsten sei freilich das Zeugnis der Gläubigen im Alltag. „Im täglichen Kampf ums Überleben, der oft das Los vieler Menschen in meist schlecht verwalteten Nationen ist, sind die Christen dazu aufgerufen, ein Beispiel der Geduld, der harten Arbeit und ehrwürdiger Ausdauer zu geben."

Christen mit der „Fähigkeit zur Führung" sollten dazu ermutigt werden, sich im öffentlichen Leben einzubringen, und zwar „im Geist des Dienstes an Gott und dem Nächsten". Denn: „In vielen afrikanischen Ländern, und gewiss in meinem Land Nigeria, werden öffentliche Ämter primär als Mittel zur Selbstbereicherung und Aneignung von Macht und Einfluss betrachtet."

Die Rolle der Kirche für die Ärmsten sei gerade in Afrika entscheidend. „Wenn alles zusammengebrochen ist, bleiben in vielen Fällen nur mehr kirchliche Institutionen da, um den Menschen zu dienen. Wenn alle Oppositionsstimmen zu Schweigen gebracht wurden, bleibt oft die kirchliche Führung die einzige Stimme jener, die keine Stimme haben. In Nigeria stehen die Interventionen der katholischen Bischöfe bei Bevölkerung und Führungspersönlichkeiten gleichermaßen in hohem Ansehen. Es ist bedeutsam, dass selbst am Höhepunkt militärischer Unterdrückung und Diktatur in unserem Land die katholische Bischöfe in der Lage waren ohne irgendwelche Schikane von der Regierung mit klaren Worten für intakte Ordnung und den Respekt fundamentaler Menschenrechte öffentlich einzutreten." Freilich treffe das nicht auf alle Länder Afrikas zu; in manchen Staaten würden auch kirchliche Führer für das öffentliche Auftreten gegen Ungerechtigkeit einen hohen Preis zahlen.

Unter Hinweis auf die kirchliche Lehre kam der Erzbischof mehrfach auf die katholische Soziallehre zu sprechen. „In der Mitte des verwirrenden Lärms widerstreitender Ideologien kommen die klaren Verkündigungen der Päpste und das offizielle Lehramt der Kirche wie frischer Wind. In vielen Fällen haben die Armen und Unterdrückten in der Soziallehre der Kirche den entschiedensten Fürsprecher." Mit besonderem Nachdruck verteidigte er dabei den Umgang der Kirche mit Aids-Kranken. „Goldrichtig" seien die jüngsten Aussagen Papst Benedikts gewesen, denen zufolge Kondome allein nur „unbekümmertes sexuelles Verhalten und damit die Ausbreitung der Krankheit fördern". Gerade jene, die tagtäglich mit dem Leiden konfrontiert seien, wüssten das am besten. Die wichtigste Ursache für HIV-Tode sei Armut. „Viele sterben ohne Pflege und Aufmerksamkeit." Anstatt einfach Kondome zu verteilen, die noch dazu mit öffentlichen oder privaten Geldern finanziert würden, lebe die Kirche gemeinsam mit Aids-Kranken, pflege sie und helfe ihnen, in Würde zu sterben. Das sei viel „anspruchsvoller".

Zu sprechen kam Onaiyekan auch auf die Rolle der Kirche als „globaler Familie Gottes", die als „genuiner Ausdruck globalisierter Solidarität" angesehen werden solle. Auch auf Möglichkeiten des gemeinsamen Einsatzes mit anderen Religionen kam der Erzbischof zu sprechen. Dabei verwies er auf das positive Beispiel seines Landes Nigeria, das mit einer Bevölkerung von 140 Millionen Muslimen und Christen mit jeweils gleich großer Zahl die „größte islamisch-christliche Nation der Welt" sei. Trotz mancher Spannungen gelinge es gestützt auf gemeinsame Werte, für die wichtigsten gemeinsame Interessen einzutreten. „Wir glauben, dass das der Weg vorwärts ist für die Welt von heute - und von morgen."

Von Stefan Beig