"Die Katholizität der Kirche besteht darin, dass sie das Haus aller Menschen ist"

Ansprache des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 453 klicks

Die heutige Generalaudienz begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

Im Mittelpunkt der in italienischer Sprache gehaltenen Rede des Papstes stand die Katholizität der Kirche.

Nach einer Zusammenfassung in mehreren Sprachen richtete Papst Franziskus einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Ansprache des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung:

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag! An diesem trüben Tag habt ihr mit eurem Erscheinen großen Mut bewiesen: Ich lobe euch!

„Ich glaube an […] die eine, heilige, katholische […] Kirche […].“ Heute wollen wir über die letztgenannte Eigenschaft der Kirche nachdenken: Mit katholisch bezeichnen wir das Jahr der Katholizität. Fragen wir uns vor allem: Was bedeutet katholisch? Das Wort stammt vom griechischen Begriff „kath’olòn“ ab und besagt so viel wie „allgemein“, „allumfassend“. Inwiefern ist diese Totalität auf die Kirche anzuwenden? Inwiefern sagen wir, dass die Kirche katholisch ist? Die folgenden drei Bedeutungen sollen uns helfen, die Katholizität der Kirche besser zu verstehen.

Zunächst ist die Kirche jener Raum, jenes Haus, in dem der gesamte Glaube verkündet wird, in dem das Heil, das Christus uns gebracht hat, allen angeboten wird. Die Kirche lässt uns dem Erbarmen Gottes begegnen, das uns verwandelt, da in ihr Jesus Christus gegenwärtig ist, der das wahre Glaubensbekenntnis, die Fülle des sakramentalen Lebens und die Authentizität des geweihten Amtes schenkt. In der Kirche findet jeder, was nötig ist, um zu glauben, um als Christen zu leben, um heilig zu werden, um an jedem Ort und in jede Zeit zu gehen.

Dies können wir beispielsweise mit dem Leben in der Familie vergleichen; in der Familie wird jedem von uns alles geschenkt, was er oder sie braucht, um wachsen, reifen und leben zu können. Man kann nicht alleine wachsen, man kann nicht alleine und isoliert gehen, sondern tut dies in einer Gemeinschaft, in einer Familie. Ebenso verhält es sich mit der Kirche! In der Kirche können wir das Wort Gottes hören und gewiss sein, dass uns die Botschaft vom Herrn geschenkt wurde; in der Kirche können wir dem Herrn in den Sakramenten begegnen. Diese sind offene Fenster, durch die das Licht Gottes zu uns gelangt; Bäche, aus denen wir das Leben Gottes selbst schöpfen. Die Kirche lehrt uns das Leben der Gemeinschaft, der von Gott stammenden Liebe. Ein jeder von uns kann sich heute fragen: Wie lebe ich in der Kirche? Fühle ich mich in der Kirche wie in einem Stadion, als ob ich einem Fußballspiel zusähe? Fühle ich mich wie im Kino? Nein, es ist anders. Wie gehe ich in die Kirche? Wie nehme ich die Gaben an, die sie mir bietet, um als Christ zu wachsen und zu reifen? Nehme ich am Leben der Gemeinschaft teil, oder gehe ich in die Kirche und verschließe mich dort in meine Probleme, indem ich mich von den anderen abgrenze? In dieser ersten Bedeutung besteht die Katholizität der Kirche darin, dass sie das Haus aller Menschen ist. Wir alle sind Kinder der Kirche und leben in diesem Haus.

In zweiter Hinsicht bezieht sich katholisch auch auf  „universal“. So ist die Kirche in der ganzen Welt verbreitet und verkündigt jedem Mann und jeder Frau das Evangelium. Sie ist keine Elite und betrifft nicht nur wenige, weist keine Schlösser auf und ist der Gesamtheit der Menschen, der Gesamtheit der Menschheit, gesandt worden. Die eine Kirche ist auch in ihren kleinsten Teilen gegenwärtig. Jeder von uns kann sagen: Die Kirche ist in meiner Pfarrei gegenwärtig, denn auch sie ist Teil der Weltkirche, auch in ihr ist die Fülle der Gaben Christi, der Glaube ,die Sakramente, das Amt; sie steht in Gemeinschaft mit dem Bischof, mit dem Papst und ist ohne Unterschied allen Menschen offen. Die Kirche besteht nicht nur im Schatten unseres Kirchturms. Vielmehr umarmt sie eine Fülle von Völkern, die sich zum gleichen Glauben bekennen und sich an der gleichen Eucharistie nähren und von den gleichen Hirten behütet werden. Sich in Gemeinschaft mit allen Kirchen fühlen, mit allen kleinen oder großen katholischen Gemeinschaften der Welt! Das ist schön! Und dann spüren, dass wir uns alle auf Mission befinden, große oder kleine Gemeinschaften, wir alle müssen unsere Türen öffnen und für das Evangelium hinausgehen. Fragen wir uns also: Was tue ich, um den anderen die Freude über die Begegnung mit dem Herrn mitzuteilen, die Freude, zur Kirche zu gehören? 

Einen letzten Gedanken möchte ich noch anführen: In einem dritten Sinne ist die Kirche katholisch, weil sie das „Haus der Harmonie“ ist, wo sich „Einheit“ und „Verschiedenheit“ miteinander verbinden und einen Reichtum schaffen. Dies ist vergleichbar mit einer Sinfonie, in der verschiedene Instrumente zusammenwirken und unter Beibehaltung der jeweiligen unverwechselbaren klanglichen Eigenschaften ein neues Ganzes bilden. Bei der Darbietung der Sinfonie übernimmt der Dirigent die Führung des Orchesters. Es entsteht eine Harmonie, in der die individuelle Klangfarbe eines jeden Instruments jedoch erkennbar bleibt und sogar in höchstem Maße zur Geltung kommt!

Wie schön ist der Vergleich der Kirche mit einem von Verschiedenheit gekennzeichneten Orchester! Wir sind nicht alle gleich und sollen dies auch nicht sein. Wir sind alle verschieden, anders, jeder von uns besitzt Qualitäten.

Das ist das Schöne an der Kirche. Jeder leistet seinen Beitrag, den Gott ihm gegeben hat, um die anderen zu bereichern. Dazu zählt die Verschiedenheit, die jedoch keinen Konflikt darstellt, sondern sich vom Heiligen Geist in Harmonie gründen lässt. Er ist der wahre Meister, er selbst ist Harmonie. Stellen wir uns daher folgende Frage: Leben wir in unseren Gemeinschaften die Harmonie, oder streiten wir uns? Gibt es in meiner Pfarrei, in meiner Bewegung, dort, wo ich Teil der Kirche bin, Geschwätz? Wenn dort geschwätzt wird, gibt es keine Harmonie, sondern Kampf. Und das ist nicht die Kirche. Die Kirche ist Harmonie aller. Lasst uns nie schlecht gegeneinander reden! Nie streiten! Nehmen wir den anderen an; akzeptieren wir die Tatsache, dass eine rechte Verschiedenheit existiert und dass wir auf verschiedene Weisen denken können. – Man kann denselben Glauben haben und unterschiedlich denken – oder wollen wir alles uniformieren? Uniformität tötet! Das Leben der Kirche ist Verschiedenheit, und wenn wir wollen, dass diese Uniformität Oberhand gewinnt, töten wir die Gaben des Heiligen Geistes. Beten wir zum Heiligen Geist, den Urheber dieser Einheit in der Verschiedenheit, dieser Harmonie, auf dass er uns immer „katholischer“ mache, d.h., immer mehr Teil dieser katholischen und universalen Kirche! Danke.