Die Kette, an die ich gefesselt war, wurde zu meinem Rosenkranz

Nach Ablauf einer 39-jährigen schweren Haft berichtet ein ehemaliger Hauptmann des vietnamesischen Heeres von seiner Bekehrung hinter Gittern

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 232 klicks

Beim Lesen der Geschichte des vietnamesischen Soldaten J.B Nguyen Huu Cau entsteht der Eindruck, dass ihn die evangelische Botschaft der Seligpreisungen im Inneren seines Herzens erreicht habe. 

Der heute 60-jährige Cau wurde am vergangenen 22. März nach insgesamt 39 Jahren aus seiner Haft entlassen und zählt somit zu den am längsten ihrer Freiheit beraubten politischen Gefangenen. Als Hauptmann des vietnamesischen Heeres wurde er während des Kriegs zwischen dem kommunistischen Norden und dem pro-amerikanischen Süden verhaftet.

Sein brennender Glaube ermöglichte ihm die Bewältigung der von Leiden, Demütigungen und körperlichem Verfall geprägten unendlich langen Gefangenschaft.

Alles begann im Jahre 1975. Nach der Wiedervereinigung des asiatischen Landes wurde der damalige Hauptmann von den als Sieger hervorgegangenen kommunistischen Truppen in ein Arbeitslager zur Umerziehung geführt. Dort blieb er insgesamt sechs Jahre lang. 1982 wurde er wegen seiner Gedichte und der in manchen seiner Texte anklingenden Kritik am kommunistischen Regime erneut verhaftet.

Ein Jahr später geriet er erneut ins Visier. Aufgrund seiner Denunzierung der in den oberen Rängen des Heeres verbreiteten Korruption und seiner Thematisierung der von den kommunistischen Soldaten begangenen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung wurde ein Prozess gegen ihn eingeleitet. Die Anklage lautete auf Sabotage, Schädigung des Ansehens des Regimes. Da Cau jedoch stets seine Unschuld beteuerte, wurde die gegen ihn verhängte Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt.

Diese erwies sich als äußerst hart. Er musste sie in Einzelhaft, an der Grenze und im Dschungel verbringen. Diese schwierigen Bedingungen führten zu schweren gesundheitlichen Schäden. J.B Nguyen Huu Cau wurde taub, erblindete am linken Auge, während sich die Sehkraft des rechten erheblich verschlechterte.     

Am vergangenen 22. März nahm Caus Schicksal endlich eine positive Wende. Dank einer vom vietnamesischen Präsidenten Truong Tan Sang gewährten Amnestie wurde er freigelassen. Laut dem Sohn des ehemaligen Gefangenen ist dieser Schritt angesichts des prekären Gesundheitszustandes eher als eine Geste der Barmherzigkeit als eine politische Rehabilitation zu verstehen.

In den vergangenen Tagen äußerte sich J.B Nguyen Huu Cau in einem von „Asia News“ veröffentlichten Interview über seine Begegnung mit „Gott und der Jungfrau“, die ihm bei der Bewältigung seines schweren Schicksals geholfen hätten.

Während der Osterzeit des Jahres 1986 taufte ihn Pater Joseph Nguyen, ein in der Gefangenenmission tätiger Jesuit. Von ihm wurde Cau in die Grundlagen des Christentums, der Gebete und des Katechismus eingeführt. Aufgrund der unendlichen Sehnsucht seiner Seele nach Gott konnte er die Lehren sofort mit großem Eifer aufnehmen.

In dem Gespräch schilderte Cau, wie er die aus 90 Ringen bestehende Kette, die ihn Tag und Nacht fesselte, in ein einzigartiges Werkzeug zum Gebet verwandelte: „Ich habe die Kette zu meinem ganz persönlichen Rosenkranz umgestaltet; vielleicht den härtesten Rosenkranz auf der Welt.“

Einen Lichtblick in die Tage der Haft brachte ihm ein kleines, aus einer Kokosnuss geschnitztes Kreuz, das ihm ein Mithäftling in einer Zeit gemeinsamer Unterbringung gegeben hatte. Durch dieses kleine Geschenk erhielt er die Eingebung, seine kompositorischen Fähigkeiten in den Dienst Gottes zu stellen. So schrieb er ein Lied, das er dem Heiligen Kreuz widmete. Dem Journalisten gegenüber rezitierte er den folgenden Teil daraus: „Das heilige Kreuz kommt zu mir, aus den tiefsten Abgründen der Welt […] und stützt mich in diesem irdischen Gefängnis.“ Er fügt hinzu: „Ich habe immer an die Liebe Gottes geglaubt.“

Die Worte des nun in Freiheit lebenden J. B Nguyen Huu Cau zeigen keine Spuren von Bitterkeit. Nur Dankbarkeit und Verzeihung sprechen aus ihnen. Seine Peiniger bzw. die Anhänger des kommunistischen Regimes nennt er „Brüder und Schwestern“. Er gibt an, ihnen gegenüber „keinerlei Groll“ zu verspüren. Als Begründung fügte er hinzu: „Wir haben alle die gleichen Wurzeln. Wir stammen von König Hung Vuong ab. Daher müssen wir einander lieben.“ Am meisten berührt die folgende Liebeserklärung: „Einmal mehr glaube ich an die heilige Dreifaltigkeit und an die Jungfrau Maria. Sie haben mir dabei geholfen, den Hader mit meinem Schicksal zu überwinden und mich davor bewahrt, in den Jahren der Haft Selbstmord zu begehen.“