Die Kindersoldatin

Priestererlebnis von Henry de Penfentenyo, Frankreich

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 594 klicks

2002 ging ich an die Elfenbeinküste, gerade zu der Zeit, als dort der Bürgerkrieg begonnen hatte. Ich lernte Jeanne kennen, ein 14-jähriges Mädchen, das täglich die Gewaltausbrüche ihres Vaters ihrer Mutter gegenüber mit ansehen musste. Eines Tages packte sie den Vater am Hals und schrie ihn an: „Wenn du weiter meine Mutter schlägst, bringe ich dich um!“ Es war offensichtlich, dass sie die ständige Gewalt, die sie zuhause erlebte, nicht mehr ertragen konnte.

Als der Krieg ausbrach, verließ sie ihre Familie, um an der Seite der Anhänger des Präsidenten zu kämpfen. Als sie merkte, wie schwach diese Soldaten waren, wechselte sie die Seite und schloss sich den Rebellen an. Sie nahm an blutigen und grausamen Kämpfen teil. Später erklärte sie mir: „Wenn du weder etwas zu essen noch zu trinken hast, bleibt dir nur noch der Kampf. Drogen sind das Einzige, was dir diese Leute immer zur Verfügung stellen, und du kannst davon nehmen, so viel du willst. Aber das ist eine Falle, denn sobald du einmal welche genommen hast, bist du dir nicht mehr bewusst, was du tust. Du gehorchst nur noch willenlos den Befehlen. Wenn sie sagen, du sollst schweigen, schweigst du. Wenn sie sagen, du sollst töten, tötest du. Und ich bin sogar so weit gegangen, dass ich Zivilisten, eine Frau mit ihrem Kind in den Armen, getötet habe…“ Mit einer Gruppe von Rebellen hatte Jeanne eine andere Bande verfolgt, die einige ihrer Freundinnen umgebracht hatte. Als sie sie aufspürten, tötete Jeanne sogar den Anführer dieser Bande. Dabei war sie erst fünfzehn Jahre alt.

Im Oktober 2003 nahm ich sie in ein Zentrum für Kinder auf, die Opfer des Krieges geworden waren. Hier hatte man bereits mehr als 1500 Kindern geholfen und sie versorgt. Darunter waren auch sehr viele Kindersoldaten wie sie. Drei Jahre lang versuchten die Erzieher des Zentrums, ihr zu helfen, von Drogen und Gewalt loszukommen. Aber sie lief oft weg.

Einmal, nachdem sie etwa zwei Monate lang verschwunden war, kam sie ganz abgezehrt und in schlechter gesundheitlicher Verfassung wieder zurück. Sie versuchte gerade, ihr Kind abzutreiben, indem sie spezielle, giftig wirkende Kräuter aß. Nach langen Diskussionen entschied sie sich, das Kind zu behalten – denn ich hatte ihr versprochen, mich um es zu kümmern. Während der ganzen Schwangerschaft war sie so angespannt und schwierig, dass sie nicht aufhörte, mich und die Schwester, die sie betreute, zu beschimpfen, weil wir sie dazu überredet hatten, das Kind zu behalten. Als sie endlich ein wunderschönes Mädchen zur Welt gebracht hatte, besuchte ich sie, um das Neugeborene zu mir zu nehmen. „Du hast mich sechs Monate lang beschimpft, weil du dieses Mädchen nicht haben wolltest, deshalb komme ich jetzt, um es abzuholen“, sagte ich. Daraufhin rief sie: „Nein, das wirst du nicht tun, das ist doch meine Tochter!“

Nach zwei turbulenten Jahren waren alle, die sich um dieses Mädchen gekümmert hatten, mutlos geworden. Wir wussten nicht mehr, was wir mit ihr machen sollten, weil sie so schwierig war. Als sie sogar einen Selbstmordversuch unternommen hatte, brachten wir sie in eine psychiatrische Anstalt. Auch von dort versuchte sie zu fliehen. Das Einzige, was sie noch ein wenig beruhigte, war es, über ihre Tochter zu sprechen. Es war immer dasselbe Thema: Sie musste und wollte sich aus Liebe zu ihrer Tochter anständig benehmen, damit diese bestmöglich aufwachsen und so eine gute Zukunft haben könnte.

2007 mussten wir sie dann heimlich aus dem Dorf wegbringen, weil sie wegen ihrer Vergangenheit als Kämpferin in einer Rebellengruppe zum Tode verurteilt worden war. Wir haben für sie und ihre Tochter Pässe besorgt.

Heute lebt Jeanne im Ausland, weit entfernt von ihrer Heimat. Sie hat sich damit einverstanden erklärt, sich psychiatrisch behandeln zu lassen und einen Nähkurs in einem Institut von Ordensschwestern zu besuchen. Sie hat sogar um die Taufe gebeten. Sie ist HIV-positiv, ihre Tochter aber Gott sei Dank nicht. Jeanne hat ihre Krankheit mit Gelassenheit angenommen und bat mich nur darum, mich um ihre Tochter zu kümmern. „Jetzt bin ich glücklich“, hat sie mir vor kurzer Zeit am Telefon gesagt.

Ich danke Gott für seine Hilfe, die er mir in den schweren Momenten geschenkt hat, die ich mit Jeanne und allen Kindern, die so waren wie sie, so nötig brauchte.

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