Die Kirche braucht eine pastorale Veränderung und mutige Kreativität

Papst Franziskus trifft den römischen Klerus

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 616 klicks

Auch als Papst fühle er sich immer noch als Priester. So die Worte von Papst Franziskus während seines Treffens am vergangenen Montag mit den Priestern seiner römischen Diözese. Gemeinsam mit Kardinalvikar Agostino Vallini fand die Begegnung in der Lateranbasilika statt.

Der Pontifex baute seine einleitenden Worte an die Priester auf der Frage auf, worin die Ermüdung des Priesters und auch des Bischofs bestehe. Er habe die Inspiration zu dieser Frage in einem Brief bekommen, den er vor kurzem von einem älteren Priester erhalten habe, der von der Ermüdung gesprochen habe, der „Ermüdung im Herzen“. Eine „Ermüdung der Arbeit“ würden alle kennen, so der Papst, die Müdigkeit am Abend, müde würden sie am Tabernakel stehen, um den Herrn zu grüßen. Es sei wichtig, immer am Tabernakel vorbeizugehen. Er sagte:

„Wenn ein Priester mit seiner Gemeinde, den Menschen, in Kontakt ist, ist dies ermüdend. Wenn ein Priester nicht mit den Menschen in Kontakt ist, ermüdet er auf schlechtem Weg, und um zu schlafen muss er eine Tablette nehmen. Hingegen wer mit seiner Gemeinde ist, die viele Bedürfnisse hat, der ermüdet wirklich, und der braucht auch keine Schlaftabletten.“

Es gebe jedoch eine Ermüdung, die am Ende komme, am „Abend des Lebens“. Diese komme in dem Moment, wenn eigentlich der Triumph kommen solle. Dies geschehe, so der Papst, wenn sich der Priester Fragen über seine Existenz stelle, wenn er auf den Weg, den er gegangen sei, zurückschaue und an den Verzicht denke, an die Kinder, die er nicht gehabt habe und er frage sich, ob er alles richtig gemacht habe, ob sein Leben misslungen sei. Dies sei die „Ermüdung im Herzen“, von der der Priester geschrieben habe. Papst Franziskus nannte daraufhin einige Figuren der Bibel, denen es ähnlich gegangen sei, wie Elias und Moses, Jeremias und Johannes den Täufer. Letzterer lebe in der Dunkelheit des Kerkers die Dunkelheit seiner Seele und schicke seine Jünger zu Jesus, um ihn zu fragen, ob es wirklich er sei, auf den sie warteten. Der Pontifex stellte daraufhin die Frage, was der Priester machen könne, der die Erfahrung von Johannes dem Täufer lebe und antwortete, er solle vor dem Tabernakel beten bis er dort einschlafe. Dann solle er die Nähe zu anderen Priester und vor allem zu den Bischöfen suchen.

„Wir Bischöfe müssen den Priestern zur Seite stehen, wir müssen barmherzig zu unseren Nächsten sein, und die Nächsten sind die Priester. Die Nächsten am Bischof sind die Priester, und dies gilt auch umgekehrt. Dies ist ein schöner Austausch. Der wichtigste Moment dieser Nähe zwischen Bischof und Priestern ist der Moment ohne Worte, denn es gibt keine Worte, die diese Ermüdung beschreiben können.“

Nach diesen einleitenden Worten begann der Dialog zwischen Papst Franziskus und den Priestern. Der Pontifex forderte die Anwesenden auf, sich frei zu fühlen und ihn alles zu fragen, was ihnen einfalle.

Als Antwort auf die erste Frage sagte er, es sei im pastoralen Dienst wichtig, Kreativität nicht mit „irgendetwas Neuem“ zu verwechseln. Kreativität bedeute, einen Weg zu finden, wie das Evangelium verkündet werden könne, und dies sei nicht einfach. Kreativität bedeute nicht, einfach die Dinge zu verändern. Sie komme vom Heiligen Geist, und sie entstehe durch das Gebet und das Gespräch mit den Gläubigen. Diesbezüglich erzählte Papst Franziskus eine Episode aus seiner Zeit als Erzbischof in Buenos Aires, in der er mit einem Priester überlegt habe, wie dieser seine Kirche einladender gestalten könne.

„Es wäre schön, wenn die Kirche den ganzen Tag geöffnet sein könnte und wenn immer ein Beichtvater zur Verfügung stünde… Eine gute Idee! Und so wurde es gemacht.“

Dies nenne man eine „mutige Kreativität“, so der Pontifex anschließend. So müsse man auch bezüglich der Kurse vor der Taufe das Hindernis der Eltern überwinden, die die Woche über arbeiteten und sich am Sonntag ausruhen möchten. Wenn dies so sei, dann müsse man neue Wege finden, dies sei die „pastorale Veränderung“. Die Kirche und auch das kanonische Gesetz würden viele Möglichkeiten und Freiheiten geben, um Lösungen zu finden. Man müsse Momente der Aufnahme und des Willkommens schaffen, wenn die Gläubigen in das Pfarramt kommen. Papst Franziskus kritisierte scharf, wer mehr daran interessiert sei, Geld für eine Bescheinigung zu bekommen, als am Sakrament selbst, so vergraule man die Menschen. Man müsse sie hingegen freundlich aufnehmen, damit sich derjenige, der in die Kirche komme, wie bei sich zu Hause fühle, nicht ausgenutzt.

„Ein Priester hat mir einmal erzählt: ‚Ich lasse mir nichts bezahlen, auch nicht die Kollekte während der Kirche. Ich stelle eine Schachtel hin und jeder gibt, was er möchte. Und ich sage ihnen: Ich habe fast das Doppelte von dem, was ich vorher hatte! Weil die Menschen großzügig sind, und Gott segnet diese Dinge‘.“

Anschließend antwortete der Papst auf die Frage, wie er sich heute definiere, da er sich als Erzbischof von Buenos Aires gern als einfacher Priester definiert habe.

„Ich fühle mich als Priester, ganz ehrlich. Ich fühle mich als Priester, als Bischof. Und ich danke dem Herrn dafür. Ich habe Angst davor, mich wichtig zu fühlen. Der Teufel ist schlau. Erlässt dich fühlen, dass du Macht hast, dass du alles machen kannst, aber er umkreist uns, wie ein Löwe, wie der heilige Petrus sagt. Aber Gott sei Dank, habe ich dies nicht verloren. Und wenn ihr bemerken solltet, dass ich es verloren habe, sagt es mir. Sagt es mir, wenn es nicht privat geht, dann öffentlich, sagt mir: ‚Bekehre dich!‘“

Im Folgenden ging der Papst auf die Skandale in der Kirche ein. Er sagte, diese gebe es ohne Zweifel, aber es gebe auch „viel Heiligkeit“, und von der gebe es mehr. Und es gebe die „alltägliche, versteckte Heiligkeit“, die der Mütter und die vieler Frauen, Männer, die den ganzen Tag für die Familie arbeiteten.

„Ich wage zu sagen, der Kirche ging es nie so gut ging wie heute. Die Kirche bricht nicht zusammen, da bin ich ganz sicher!“

Anschließend ging der Pontifex auf die Peripherien ein und unterstrich seine Worte über die „leeren Klöster“ und die Großherzigkeit gegenüber den Bedürftigen. Abschließend verweilte er bei dem Thema der Familie, insbesondere bei der Frage der gescheiterten Ehen und zweiten Bindungen, ein Problem, das besonders Benedikt XVI. am Herzen gelegen habe. Es gehe bei diesem Problem nicht allein um die Frage, ob man zur Kommunion gehe könne oder nicht. Wer das Problem allein auf diese Fragestellung reduziere, habe nicht verstanden, was das wirkliche Problem sei. Es sei ein schwerwiegendes Problem, dem sich die Kirche in ihrer Verantwortung gegenüber den Familien, die in dieser Situation leben, gegenübergestellt sehe. Die Kirche müsse etwas tun, um diese Probleme zu lösen. Er werde darüber mit der Gruppe der acht Kardinäle sprechen, mit der er sich Anfang Oktober treffen werde. Überdies werde dies Thema auf der nächsten Bischofssynode sein, bei der es auch über das anthropologische Verhältnis des Evangeliums mit der Person und der Familie gehen werde.