„Die Kirche braucht euch, und ihr braucht die Kirche“: Kardinal Kasper über den Dienst der Bewegungen

„Alternative zum Geist des Machens und des Konsumismus“

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STUTTGART, 12. Mai 2007 (ZENIT.org).- Walter Kardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, hielt am Freitag in Stuttgart im Rahmen des Ökumenischen Kongresses der Bewegungen und Gemeinschaften für ein christliches Europa einen Vortrag, in dem er unter anderem darauf aufmerksam machte, worauf das Augenmerk zu legen sei: „offen und sensibel (zu) sein für die Anregungen des Heiligen Geistes, die Schrift, das Sakramentenleben, um mit den Menschen zu sein“.



Der Kardinal ermutigte die Vertreter von mehr als 230 Gemeinschaften aus ganz Europa, in ihrem Dienst nicht nachzulassen: „Meine Freunde, wir sind nur glaubwürdig in der Welt, wenn wir gemeinsam ein Netz bilden und gemeinsam Zeugnis geben. Sie können einen Betrag geben, indem Sie Bewegung sind.“

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Kardinal Walter Kasper
Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen
Was können die geistlichen Bewegungen beitragen, um das Leben der Kirche zu befruchten?
Vortrag in Stuttgart (11. Mai 2007)



Ich bin gefragt worden: Was können die geistlichen Bewegungen beitragen, um das Leben der Kirche zu befruchten? Meine Antwort: Sie können beitragen, indem sie erstens geistlich und zweitens Bewegung sind.

Sie sind geistlich, wenn Sie deutlich machen, dass Ihr Leben und das Leben der Kirche vom Heiligen Geist getragen, belebt und geleitet wird. Er ist der Hauptakteur im Leben der Kirche. Nach einem altkirchlichen Autor ist Kirche dort – ich sage es zuerst lateinisch: Ubi floret spiritus – wo der Geist aufblüht. Vom ihm und aus ihm lebt die Kirche. Das haben wir manchmal etwas vergessen und sind geistlos geworden.

Der Geist ist es, der Jesus Christus und sein Evangelium immer wieder neu gegenwärtig macht, jung und frisch hält. Der Geist ist immer auch für Überraschungen gut. In der Wirkung des Heiligen Geistes ist die Kirche nie veraltet, staubig, alt, sie ist immer wieder jung und lebendig.

Geistlich leben, das heißt, neu von Jesus Christus her anfangen. Wie der heilige Franziskus das gesagt hat, als er vor Papst Innozenz stand, dem mächtigsten Papst im Mittelalter, als er gefragt wurde, was er wolle: Er wolle mit seinen Brüder nach der Art des Evangeliums leben. Nicht Macht, Geld, Prestige, sondern offen und sensibel sein für die Anregungen des Heiligen Geistes, die Schrift, das Sakramentenleben, um mit den Menschen zu sein.

Das ist eine Alternative zum Geist des Machens und des Konsumismus, das ist aber auch ein Gegengift gegen die lähmende Angst. Die Früchte des Geistes sind Freude und Friede, und genau dies braucht die Kirche heute, dass sie eine frohe und freudige Kirche ist.

Ein geistlicher Lebensstil bedeutet Leben in comunio, gemeinschaftliches Leben. Das wird bereits deutlich bei der Beschreibung der Jerusalemer Urgemeinde. Sie hatten alles gemeinsam. Das ist die Antwort auf den Individualismus, der eben beschrieben worden ist; wo die Netze zerbrechen, wo sich Menschen einsam und allein fühlen, wo sie sich aber auch abschließen. Das geht über in Sektierertum, wo einer meint, dass er allein den Geist Gottes hat. Der Geist Gottes wirkt, das haben wir heute Morgen gehört, ein frohes Bereichern von Geistesgaben. Er ist größer als die jeweilige Gemeinschaft. Es gibt viele Geistesgaben, aber nur einen Geist und nur einen Leib des Herrn, sagt Paulus. Deshalb müssen wir über den eigenen Zaun hinausschauen und Grenzen überwinden, ökumenisch offen sein für andere Christen, weltweite Netzwerke bilden, wir können auch sagen, weltweite Freundschaften bilden. Dann werden wir erstaunt und auch erfreut feststellen, dass der Heilige Geist so frei ist, auch außerhalb unserer Gemeinschaft zu wehen.

Meine Freunde, wir sind nur glaubwürdig in der Welt, wenn wir gemeinsam ein Netz bilden und gemeinsam Zeugnis geben. Sie können einen Betrag geben, indem Sie Bewegung sind.

Die Kirche ist das Volk Gottes unterwegs. Das ist keine statische Institution sondern ein Bau, der ständig neu erbaut wird. Die Kirche ist nie fertig, sie ist immer unterwegs auf den staubigen Straßen – zusammen mit all den Mühseligen und Beladenen, die der Heilige Geist immer neu einführt in alle Wahrheit. Die Kirche ist Bewegung, und deshalb braucht sie Bewegungen, die immer wieder das Laufen, das Gehen vormachen und lernen. Manchmal sind wir ja Langweiler geworden.

Die Tradition zählt zu den Hauptsünden die Trägheit, Bequemlichkeit, Schwerfälligkeit, Sattheit und Lustlosigkeit. Aber die Angst vor Veränderungen, die gibt es nicht nur bei jenen da oben, sondern die ist auch da unten zu finden. Das meist gehörte Argument lautet doch: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Gegen dieses Argument kann ich eigentlich gar nichts mehr sagen, aber genau in diese Verkrustungen , Erstarrungen, Versteinerungen und Verkalkungen erweckt Gott immer wieder in der Geschichte neue Bewegungen, die zeigen sollen, was die Kirche wirklich ist – denn das wisst ihr noch gar nicht, dass fängt heute ganz neu wieder an.

Nicht dem heutige Zeitgeist, nicht der Mode, nicht dem Haarschnitt sollen wir nachlaufen; wer heute ganz modern sein will, ist morgen schon wieder aus der Mode. Paulus sagt uns, wir sollen uns dem (Zeit-)Geist nicht anpassen, aber er will von uns eine Erneuerung des Geistes, den Denkens. Es geht nicht nur um eine neue Kirche, sondern eine neue Art, Kirche, die eine Kirche zu sein und deutlich zu machen: Die alte Kirche ist nicht am Ende. Das Christentum fängt gewissermaßen neu an. Da ist noch was drin.

Die Bewegungen sollen sagen, da ist noch Vision, da ist noch Hoffnung. Hoffnung, das ist heute Mangelware. Aber ohne Hoffnung, da ist kein Weg, kein Volk und auch keine Kirche. Diese neue Art, Kirche zu sein, ist nicht eine Frömmigkeit, die nur sich selbst erbaut, die wohlig, kuschelig und gemütlich ist. Zur neuen Art, Kirche zu sein, gehört Beispiel zu geben: zum Beispiel eine neue Kultur des Teilens und der Solidarität, der zwischenmenschlichen Beziehungen gegen die Versachlichung aller Verhältnisse. Dazu gehört Einsatz für Frieden, der aufbaut, für Gerechtigkeit.

Meine Freunde, lassen Sie mich zum Schluss etwas Ungemütliches sagen: Die Bewegungen sind noch jung, und das ist gut so. Aber auch Sie werden älter, und das Älterwerden hat so seine Probleme. Nicht nur, dass einem manche Jugendfreuden vergehen, man ist auch in der Gefahr, sich einzurichten , nichts Neues mehr zuzulassen, äußerst kritisch zu sein gegen die, die nachkommen, die jung sind und ihre eigenen Ideen haben. Die Orden haben das Problem des Altwerdens erfahren. Ich bin neugierig, wie Sie das schaffen. Wir ihr das in der zweiten, dritten, vierten Generationen hinter euch bringt, und wo ihr dann seid. Ich hoffe und wünsche, dass ihr jung bleiben und den Anfangsimpuls durchhalten könnt. Ihr müsst ihn durchhalten. Ihr seid noch am Anfang und längst nicht am Ende. Bleibt also geistig jung, bleibt in Bewegung, bleibt junge geistliche Bewegungen.

Die Kirche braucht euch, und ihr braucht die Kirche.

[Von der Schönstatt-Bewegung zugesandtes Original]