Die Kirche in Norwegen: Explosives Wachstum, große Distanzen

Vizerektor des Campo Santo erklärt Herausforderungen und Prioritäten

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 1150 klicks

Benedikt XVI. hat ein Jahr des Glaubens ausgerufen, um den Blick auf die Neuevangelisierung zu konzentrieren. Im Kernland Europas existierten immer noch viele christliche Strukturen, selbst wenn sie nach und nach aufgegeben werden. Aber was ist mit den nordischen Ländern Europas? Wie kann die Kirche in diesem Landstrich leben und überleben, in den weniger bevölkerten und hauptsächlich protestantischen Ländern?

ZENIT interviewte Don Sigurd Markussen, Co-Präsident von Caritas Norwegen und momentaner Vizerektor am deutschen Campo Santo Teutonico im Vatikan, über die Situation der katholischen Kirche in seinem Heimatland Norwegen.

ZENIT: Sie kommen aus Norwegen; das bedeutet, Sie haben in der Diaspora Ihre Berufung entdeckt. Was bedeutet es, Priester in der Diaspora zu sein?

Don Markussen: Diaspora in Norwegen ist eine komplexe Sache. Das Land selbst besteht aus Bergen und Fjorden, was zur Folge hat, dass die Norweger ziemlich verstreut leben. Nur ein Prozent der Fläche ist bevölkert, den Zählungen zufolge leben ca. 4,5 Millionen Menschen in Norwegen, was bedeutet, fünfzehn Menschen pro Quadratkilometer.

Norwegen ist hauptsächlich evangelisch-lutherisch (ca. 80 Prozent), und die katholische Bevölkerung umfasst ungefähr 200.000 Menschen. Unsere Pfarreien befinden sich hauptsächlich auf der südöstlichen Seite des Landes, bis hin zur nordöstlichen Seite. Die Katholiken in Norwegen kommen aus der ganzen Welt. Ich habe in der Pfarrei St. Hallyard in Oslo als Pfarrer gearbeitet (als ich nicht in Rom studiert habe), in der es mehr als 21.000 Seelen aus über 140 Ländern gibt. Die meisten von ihnen sind weniger als eine Stunde von ihrer Heimatpfarrei entfernt, die Mehrheit kann Kirchen mit der Metro oder Bussen erreichen.

Meine zwei vorigen Wirkungsstätten als Pfarrer waren dagegen anders. Ich habe sechs Jahre in Haugesund gedient (Westnorwegen) und war für über 1000 Seelen aus 80 Ländern zuständig, auf einer Landfläche verteilt, die halb so groß ist wie Belgien. Ich musste die hl. Messe an fünf verschiedenen Orten feiern, zwischen ihnen lagen ein bis drei Stunden Autofahrt. Dies musste ich mehrmals die Woche machen, um die Gemeinden zu versorgen. In Arendal (Südnorwegen) hatte ich lediglich eine weitere Kirche neben der Pfarrkirche. Hier leben die meisten Menschen weniger als eine Stunde Fahrt von der Kirche entfernt.

Ich weiß, dass für viele Menschen anderer Länder es merkwürdig erscheinen mag, eine Stunde Fahrtzeit auf sich zu nehmen, um an der Messe teilzunehmen; das gleiche gilt für viele unserer Pfarrmitglieder, die aus allen Teilen der Welt in unser besonderes Land kommen. Wir haben trotzdem an den meisten Orten eine Teilnahme von 50 Prozent. Sie würde sicherlich noch wachsen, wenn wir mehr Kirchen hätten, aber das ist, zumindest im Moment, zu teuer für uns. Es muss auch gesagt werden, dass die Anzahl der Katholiken in Norwegen sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt hat.

Ein Priester in Norwegen zu sein bedeutet, auf Achse zu sein, wenn nicht ohne Unterbrechung, dann zumindest die meiste Zeit der Woche. Um einer größeren Gruppe von Einwanderern zu dienen, haben wir Missionen für sie organisiert, die von Priestern versorgt werden, die andere Sprachen sprechen, wie Polnisch, Tamil, Vietnamesisch, Spanisch, Tagalog/Ilungo und so weiter.

ZENIT: Wie viele Priesterberufungen gibt es durchschnittlich in Norwegen, und in welchem Verhältnis steht die Zahl zur Anzahl der Katholiken im Land?

Don Markussen: Wir haben über 90 Priester in drei Diözesen, 70 von ihnen in der Oslo Diözese, der den ganzen Süden Norwegens (südlich von Trondheim) einnimmt. Wir haben 24 Pfarreien in dieser Diözese, und verglichen mit vielen anderen Ländern auf der Welt scheint es so, als ob wir genug Priester hätten. In der momentanen Situation kommen wir gerade so über die Runden, aber die Herausforderung   was auch uns sehr überrascht hat , war der „Tsunami“ von polnischen Arbeitern, die seit 2005 mehr und mehr einreisten. Die Anzahl der polnischen Pfarrmitglieder ist in die Höhe geschossen, und sie beträgt momentan über 100.000. Aus diesem Grund hat die Diözese von Oslo eine stattliche Anzahl von polnischen Priestern geholt, um diesen Gläubigen zu dienen. Norwegen hat dank der Öl- und Gasproduktion eigentlich keine wirtschaftlichen Probleme. In Norwegen ist die Arbeitssituation normal, daher suchen hier viele Arbeit. Auch wenn die Anzahl der Priester hoch ist, könnten wir noch mehr Pfarrmitglieder haben, wenn wir den Luxus von mehr Priestern hätten.

ZENIT: Wo leben die meisten Katholiken? In ländlichen Bereichen, in Oslo?

Don Markussen: Die meisten der Katholiken leben im Süden Norwegens und hauptsächlich um Oslo herum, aber beide Städte Stavanger und Bergen im Westen Norwegens erleben ein enormes Wachstum an Pfarreien.

[Der zweite Teil des Interviews folgt am 5. März 2013]