Die Kirche in Norwegen: Explosives Wachstum, große Distanzen (II)

Vizerektor des Campo Santo erklärt Herausforderungen und Prioritäten

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 907 klicks

Benedikt XVI. hat ein Jahr des Glaubens ausgerufen, um den Blick auf die Neuevangelisierung zu konzentrieren. Im Kernland Europas existierten immer noch viele christliche Strukturen, selbst wenn sie nach und nach aufgegeben werden. Aber was ist mit den nordischen Ländern Europas? Wie kann die Kirche in diesem Landstrich leben und überleben, in den weniger bevölkerten und hauptsächlich protestantischen Ländern?

ZENIT interviewte Don Sigurd Markussen, Co-Präsident von Caritas Norwegen und momentaner Vizerektor am deutschen Campo Santo Teutonico im Vatikan, über die Situation der katholischen Kirche in seinem Heimatland Norwegen. [Teil I hier]

ZENIT: Das norwegische Königshaus ist mit König Harald V. protestantisch. Genießt der König in Fragen öffentlichen Interesses einen guten Ruf, oder wird er lediglich als Repräsentant betrachtet? Gibt es katholische Persönlichkeiten, die sich eines hohen Ansehens in der Öffentlichkeit erfreuen?

Don Markussen: Im April des vergangenen Jahres (2012) wurde in Norwegen eine Reform des Staatskirchenrechtes durchgeführt. Die evangelisch-lutherische Kirche Norwegens ist nun nicht mehr die „Staatskirche”. Dies bedeutet, dass der Kirche die Wahl der Bischöfe und die Regelung ihrer Angelegenheiten obliegt. Da der Staat jedoch die Gebäudekosten und die Gehaltszahlungen für Lutheraner gänzlich übernimmt, hält er dennoch mit einer Hand das „Steuerrad” fest. Der König, der das nominelle Oberhaupt der Kirche war, ist dies nun nicht mehr. Zudem gilt immer noch das ungeschriebene Gesetz, wonach der König evangelisch-lutherisch zu sein habe.

Im öffentlichen Leben Norwegens sind einige Katholiken vertreten, doch unsere Sichtbarkeit ist nach wie vor unzureichend.

ZENIT: In vielen nordischen Ländern existieren seit den 90er Jahren starke antichristliche Bewegungen. Ist dies auf die Neigung zum Puritanismus zurückzuführen? Gelingt der katholischen Kirche die Verbreitung ihrer Lehre, oder ist sie in ein Konglomerat verschiedener Konfessionen eingebunden?

Don Markussen: Seit den 1970er Jahren erlebt Skandinavien eine wachsende Säkularisierung. Norwegen, Schweden und Dänemark sind traditionell sehr christliche Länder. Infolge der Reformation von 1536/7 wurde die Katholizität in Dänemark und Norwegen ausgelöscht, in Schweden jedoch nicht ganz. Traditionell wurde sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich der stark ausgeprägt evangelisch-lutherische Glaube der Einwohner bewahrt. Aufgrund der politischen Wandlungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts und vor allem seit den 1960er Jahren hat sich dieser Zustand grundlegend verändert. Heute praktiziert nur ein Prozent der Lutheraner Norwegens ihren Glauben. In Schweden und Dänemark ist die Lage vermutlich ähnlich.

Auch wir Katholiken Norwegens sind von dieser Situation betroffen. Die hohe Anzahl der praktizierenden Katholiken und der Kirchenbesucher ist vor allem auf das stete Bevölkerungswachstum durch Immigration zurückzuführen. Weniger als acht Prozent der Mitglieder meiner Pfarrei sind ethnisch-norwegischer Herkunft. In den anderen Pfarreien ist dieser Prozentsatz etwas höher. Unsere Herausforderung besteht daher in der Katechese und in der Unterstützung der Kirchenmitglieder in der Glaubenspraxis und im geistlichen Wachstum vor dem Hintergrund einer zunehmend säkularen Gesellschaft.

ZENIT: Wir befinden uns im Jahr des Glaubens. Welche Initiativen wurden zur Vermittlung und zur Verbreitung des Glaubens ergriffen?

Don Markussen: In sämtlichen Pfarreien wurde das Jahr des Glaubens mit einem Festgottesdienst begonnen. Darüber hinaus sind örtliche Veranstaltungen, Seminare, Wallfahrten, etc. der einzelnen Pfarreien vorgesehen. Die drei Diözesen werden kommenden Oktober eine landesweite Pilgerreise nach Rom organisieren. Die Diözesanverlage und unsere katholische Buchhandlung (es gibt nur eine einzige in Oslo) werden dafür Sorge tragen, dass Publikationen in den verschiedenen Sprachen vorliegen. Norwegen ist als Land und Nation zwar reich, doch die katholische Kirche ist relativ arm.

Uns stehen daher nicht die gleichen Ressourcen wie vielen anderen Ländern zur Verfügung.

ZENIT: Was benötigt die Kirche Norwegens am dringendsten?

Don Markussen: Im Mittelpunkt unseres Bemühens steht vor allem die große Herausforderung der Betreuung der zahlreichen neuen Immigranten. Wir haben nicht die Zeit für die Festigung und Betrachtung unserer Katholizität. Die folgenden Zahlen sollen eine Einblick in unsere Entwicklung geben: Als die seit 1537 verbotene katholische Kirche im Jahre 1843 in Norwegen wieder erlaubt war, lebten 40 ausländische Katholiken in Christiania (die frühere Bezeichnung für die Hauptstadt Oslo). In meinem Geburtsjahr 1966, zählte die katholische Kirche 6.000 Mitglieder. 1996, bis zur Zeit meiner Priesterweihe, war die Zahl auf 40.000 angestiegen und heute sind wir insgesamt 200.000. In meiner Kindheit und Jugend „kannten wir uns alle untereinander”. Die heutige Realität ist vollkommen anders. Wir erleben ein rasches Wachstum und zusätzlich einen Zuwachs jener Gemeindemitglieder, die aus katholisch geprägten Ländern stammen und in einem säkularisierten Land wie Norwegen nicht an jeder Ecke ein katholisches Gotteshaus vorfinden. Die Bewahrung des Glaubens und der religiösen Praxis ist daher für jeden einzelnen Neuankömmling eine ernste Herausforderung. Diese stellt sich auch uns Priestern insofern, als uns die Betreuung so vieler Menschen wie möglich und deren Förderung im geistlichen und sakramentalen Leben oft in einer Sprache gelingen muss, die sie unzureichend oder nicht verstehen.  

Doch wir vertrauen auf den Heiligen Geist und auf die göttliche Barmherzigkeit. Wir handeln nach unseren besten Kräften. Bitte nehmt uns in euer Gebet auf.

*

Sigurd Markussen, geboren 1966 in Oslo, wurde im Jahre 1996 zum Priester für die Diözese Oslo geweiht. Von 1996-1998 wirkte er als nationaler Jugendpfarrer. Bis zum Jahr 2012 war er Pfarrer drei verschiedener Gemeinden. In diesem Jahr übersiedelte er zum Studium der dogmatischen Theologie nach Rom, das er mit dem Lizentiat abschloss. Darüber hinaus war Don Markussen, derzeit Co-Präsident von Caritas Norwegen, viele Jahre lang Mitglied des Priesterkollegiums der Diözese, in dem er in den letzten fünf Jahren eine leitende Funktion übernahm. Des Weiteren fungierte er jahrelang als beratendes Mitglied des Bischofsvorstands und ist momentaner Vize-Rektor des deutschen Priesterkollegs „Campo Santo Teutonico” im Vatikan.