„Die Kirche muss anspruchsvoll bleiben“

Eine Sammlung kirchenmusikalischer Schriften von Papst Benedikt XVI.

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Von Michael Karger



WÜRZBURG, 18. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).-„Wenn in unserer Traunsteiner Pfarrkirche an Festtagen eine Messe von Mozart erklang, dann war mir als vom Land gekommenem Buben, als stünde der Himmel offen. ... Und vom Chor erklang Musik, die nur aus dem Himmel stammen konnte. Musik, in der der Jubel der Engel über die Schönheit Gottes für uns offenbar wurde. Es war etwas von dieser Schönheit mitten unter uns da.“

In diesen Erinnerungen des Papstes aus dem Jahr 2006 an frühe und prägende musikalische Eindrücke aus den Gottesdiensten seiner Kindheit klingen bereits zentrale Inhalte seiner Theologie der Kirchenmusik an wie Erfahrung der Schönheit (Gottes und der Schöpfung), das Einstimmen in die Anbetung Gottes durch die Engel (Einheit von himmlischer und irdischer Liturgie), das sich von Chor und Orchester ergreifen lassen als Ausdruck der aktiven Teilnahme („participatio actuosa“). Alle Stellungnahmen des Papstes zur Kirchenmusik liegen nun gesammelt in einem Band vor. Nahezu zeitgleich hat das Haus Herder auch die „Gesammelten Schriften“ von Joseph Ratzinger mit dem Band „Theologie der Liturgie“ eröffnet, der ebenfalls alle Beiträge zur Kirchenmusik, bis auf die eher situationsbezogenen kurzen päpstlichen Äußerungen am Schluss des vorliegenden Bändchens, enthält. Somit handelt es sich hier faktisch um einen Auszug aus der Werkausgabe, der um knappe sechzehn („neue“) Seiten erweitert wurde.

Den Band hat Herausgeber F.J. Stoiber von der Hochschule für Kirchenmusik Regensburg in drei Kapitel gegliedert: 1. „Kirchenmusik und Theologie“, 2. „Kirchenmusik und Liturgie“, 3. „Kirchenmusik und Spiritualität.“ Vorangestellt ist dem Band, der zur Segnung der sanierten Gebäude der Hochschule für Kirchenmusik erscheint, ein Geleitwort des Bischofs von Regensburg Gerhard Ludwig Müller. Er tritt darin entschieden für die Kirchenmusik ein: „Zu einer würdigen Feier der zentralen Geheimnisse unseres Glaubens gehört wesentlich die Musik, das Lied und der Gesang. Die Musik tritt dort für den Lobpreis Gottes ein, wo das bloße Sprechen und das Reden des Menschen nicht mehr ausreichen.“

Am Anfang stehen gewichtige theologische Aufsätze, die es gerechtfertigt erscheinen lassen, Papst Benedikt XVI. einen Theologen der Kirchenmusik zu nennen. Bereits 1974 wandte er sich gegen das nachkonziliare Übergewicht der „Gebrauchsmusik“ als Folge eines einseitigen pastoralen Pragmatismus. Es führe zu einer „erschreckenden Verarmung“, wenn man „dem zwecklos Schönen in der Kirche die Tür weist und sich statt dessen ausschließlich dem ,Gebrauch‘ unterordnet.“ In einer detaillierten historischen Analyse werden die Kirchenväter für die folgenschwere Ablehnung der Instrumentalmusik durch Thomas von Aquin verantwortlich gemacht. Der Verfasser bedauert es, dass Thomas Aristoteles hier nicht gefolgt ist, der die Musik in ihrer zweckfreien Schönheit verteidigt hat. Positiver Aspekt der Musikkritik der theologischen Tradition sei dagegen die Abwehr ekstatisch-heidnischer Kultmusik, die dem christlichen Verständnis von Musik als „Verherrlichung Gottes durch die Schöpfung“ widerspreche.

Falsche Uniformität und Banalität in der liturgischen Musik sind nach Meinung des Papstes die Folge des falschen Verständnisses des konziliaren Schlagwortes von der „participatio actuosa“, der „tätigen Teilnahme“ der Gläubigen am Gottesdienst. „Wieso“, fragt der Papst, „soll eigentlich nur Reden und nicht auch Hören, Aufnehmen mit Sinnen und Geist, geistliches Mitvollziehen, Aktivität sein? Ist Vernehmen, Aufnehmen, Ergriffensein nichts Aktives?“ Seine Zurückweisung der Gebrauchsmusik mit dem Grundsatz „Die Kirche muss anspruchsvoll bleiben“ rechtfertigt der Papst mit theologischen Argumenten: „Wenn die Kirche die Welt verwandeln, verbessern, ,humanisieren‘ soll – wie kann sie das tun und dabei zugleich auf die Schönheit verzichten, die mit der Liebe eng zusammengehört und mit ihr der wahre Trost – die größtmögliche Annäherung an die Auferstehungswelt – ist?“

Als Ursache für die Krise der Kirchenmusik benennt der Papst auch den „puritanischen Funktionalismus“ in der heutigen liturgischen Praxis, der wiederum seinen Ursprung in der Ablehnung des Sakralen, dem überzogenen Mahlcharakter der Messe, der Leugnung des Priesteramtes und des Opfercharakters der Eucharistie habe. Andererseits dürfe sich die Kirche im Dialog mit der Kunst nicht deren Absolutheitsanspruch einfach beugen. Zwischen der populären Musik als Massenware und der elitären modernen Musik habe die Kirche heute natürlich keinen leichten Stand.

Von zentraler Bedeutung ist die These vom doppelten Ursprung des kultischen Lobpreises der frühen Kirche im reinen Wortgottesdienst der Synagoge, aber auch im Tempelkult Israels. Mit dem eucharistischen Opfer übernimmt die Kirche das Erbe des Tempels. Damit ist für den Papst kunstvolle Kirchenmusik „eine notwendige Ausdrucksform des Glaubens an die weltumspannende Herrlichkeit Jesu Christi.“ Gegenüber dem Puritanismus müsse die Kirche auf die Inkarnation des Geistes in der Musik achten. Gregorianischer Choral, die polyphone Musik der Neuzeit und das Kirchenlied bezeugen die schöpferische Kraft der Kirchenmusik.

Eine breite Rezeption des Bändchens in Lehre und Praxis der Kirchenmusik und darüber hinaus könnte die christlichen Mysterien weit mehr zum Leuchten bringen, die Mysterien von denen der Papst sagt, „sie reichen über die menschliche Vernunft hinaus, aber sie führen nicht ins Formlose des Rausches hinein, nicht in die Auflösung der Vernunft in einen vernunftlos verstandenen Kosmos, sondern sie führen zum Logos, das heißt zur schöpferischen Vernunft, in der der Sinn aller Dinge gründet“. Quellenverzeichnis, Namen- und Sachregister sowie ein Bibelstellenregister beschließen den Band.

[Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Im Angesicht der Engel. Von der Musik im Gottesdienst. Herder Verlag, Freiburg 2008, 198 Seiten, ISBN-13: 978-3451299- 414, EUR 14,95; © Die Tagespost vom 11. Oktober 2008]