Die Kirche von heute braucht Bekenner - Predigt zum Münchner Korbiniansfest

Kardinal Friedrich Wetter ermutigt Gläubige, „sich als Jünger Jesu Christi zu outen“

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MÜNCHEN, 27. November 2007 (ZENIT.org).- „Früher mag es in der Kirche genügt haben, Mitläufer zu sein. Heute brauchen wir Bekenner, die sich hinstellen und sich als Jünger Jesu Christi outen“, stellte Kardinal Friedrich Wetter in seiner Predigt zum diesjährigen Korbiniansfest klar.



Der Diözesanadministrator der Erzdiözese München-Freising zog am Fest des Bistumspatrons Bilanz: 25 Jahre Hirtendienst waren „eine hohe Herausforderung, dem Auftrag des Herrn gerecht zu werden, andererseits aber auch eine große Entlastung, nämlich zu wissen: das Eigentliche tut der Herr“. Bei allen Problemen in den einzelnen Lebensbereichen gebe es ein reges Glaubensleben in Gruppen und Gemeinschaften, eine große Akzeptanz des Religionsunterrichtes, engagierte Mitarbeiter und vorbildliche Ehepaare in seiner Diözese, so der 72. Nachfolger des heiligen Korbinian.

Der heilige Korbinian wurde um das Jahr 680 in Arpajon geboren, das in der heutigen Diözese Évry-Corbeil-Essonnes (Frankreich) rund 70 Kilometer südlich von Paris liegt. In die Diözese Freising kam Korbinian, als er sich auf dem Rückweg von seiner zweiten Rom-Pilgerreise befand. Dort starb er vermutlich im Jahre 728.

Beide Bistümer verehren den heiligen Korbinian heute als ihren Patron. In beiden Bistümern hat der Heilige zu verschiedenen Lebensabschnitten gewirkt.

Kardinal Wetter betonte, dass er seinem Nachfolger „ein befriedetes Erzbistum übergeben“ könne. Aber ob dies schon das letzte Mal war, ihn als Oberhirten beim Fest des Bistumspatrons zu erleben, weiß in seinem Bistum niemand.

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Predigt des Erzbischofs Friedrich Kardinal Wetter
zum Korbiniansfest in Freising
am 24. November 2007


Jedes Jahr am Korbiniansfest begegnet uns in der Lesung aus dem Buch Ezechiel Gott als unser guter Hirte: „So spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert, … so kümmere ich mich um meine Schafe. … Auf gute Weide will ich sie führen“ (Ez 14,11 f. 14).

Das sind nicht nur schöne Worte. Was Gott uns in diesem Prophetenwort zusagt, das tut er auch. Er tut es in Jesus Christus. In seiner Menschwerdung ist er selber zu uns gekommen und hat wahr gemacht, was beim Propheten steht: jetzt will ich meine Schafe selber suchen. In Jesus Christus ist Gott als guter Hirte selber zu uns gekommen und hat uns gesucht um den Preis seines Lebens. „Ich bin der gute Hirt“, sagt Jesus, „der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11).

Die Liebe des guten Hirten wird uns auch im Evangelium des heutigen Festes vor Augen geführt. Jesus hat Mitleid mit den Menschen. „Müde sind sie und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36).

Und zugleich hält Jesus Ausschau nach Arbeitern für seine große Aufgabe. „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“ (Mt 9,37 f.).

Wenn Jesus hier Ausschau hält nach Arbeitern für sein großes Erntefeld, zieht er sich nicht zurück, um seine Hirtenaufgabe anderen zu übertragen. Das Wort „ich selber will meine Schafe suchen, ich will mich selber um sie kümmern“, dieses „ich selber“ wird nicht aufgehoben. Er braucht diese Arbeiter, um in ihnen selber zu den Menschen zu gehen und durch sie seine Hirtenaufgabe zu erfüllen. In ihrem Dienst ist er immer dabei.

Der hl. Korbinian war ein solcher Arbeiter im großen Erntefeld Gottes. Er hat fest gearbeitet. Sein 3. Nachfolger, Bischof Arbeo, berichtet von Korbinian: „Immer war er tätig bei der Arbeit, bemüht um das Gebet, ein Vorbild beim Psalmengesang, häufiger Teilnehmer an den Nachwachen. Doch was soll ich von ihm noch weiter sagen: er ist einfach allen alles geworden.“ Korbinian war ein fleißiger Arbeiter im Dienst des Herrn, er war aber auch ein großer Beter, der stets die innere Nähe des Herrn gesucht hat, um aus ihr zu leben und zu arbeiten. Ora et labora, nach diesem Grundsatz hat er sein Leben gestaltet, bei dem das Beten die erste Stelle einnimmt. So hat er den christlichen Glauben unserem Land eingepflanzt und die Kirche von Freising begründet. Mit Recht verehren wir ihn als Vater im Glauben.

Seit 25 Jahren bin ich nun als Ihr Bischof der 72. Nachfolger des hl. Korbinian und habe mich bemüht, den mir vom Herrn übertragenen Hirtendienst getreu zu erfüllen. Ich war mir stets bewusst, dass in meinem bischöflichen Wirken Jesus Christus selbst am Werk ist. Das ist einerseits eine hohe Herausforderung, dem Auftrag des Herrn gerecht zu werden, andererseits aber auch eine große Entlastung, nämlich zu wissen: das Eigentliche tut der Herr.

Darum darf ich mir heute ein wenig abwandelnd einige Worte zu eigen machen, die der Apostel Paulus an die Gemeinde zu Thessalonich geschrieben hat und die wir in der zweiten Lesung gehört haben: „Ich habe im Vertrauen auf unseren Gott das Evangelium Gottes … freimütig und furchtlos bei euch verkündet. … Ich habe dies getan, weil Gott mir das Evangelium anvertraut hat, nicht um den Menschen, sondern nur Gott zu gefallen, der mein Herz prüft. Nie habe ich mit meinen Worten zu schmeicheln versucht, dafür ist Gott Zeuge. Ich habe keine Ehre bei den Menschen gesucht“ (vgl. 1 Thess 2,2.4-6).

Bei aller Schwachheit, die ich bei mir erfuhr, habe ich mich bemüht, meine Sendung zu erfüllen, wohl wissend, dass in meinem Hirtendienst der gute Hirt Jesus Christus mit am Werk war, um zu vollenden, was bei mir unvollkommen und bruchstückhaft geblieben ist.

Ich möchte Ihnen im Rückblick einige Erfahrungen nennen aus meinem 25-jährigen Hirtendienst bei Ihnen.

Die Zahl der Priester und Ordensleute ist zurückgegangen, weil mehr gestorben als nachgekommen sind. Doch hat sich der Priesternachwuchs, wenn auch auf niedrigem Niveau, stabilisiert; dieses Jahr sind erfreulicherweise 18 junge Männer ins Priesterseminar neu eingetreten. Bei den Ständigen Diakonen haben wir geradezu eine Erfolgsgeschichte zu verzeichnen, wenn dieses Wort im geistlichen Bereich überhaupt angewandt werden darf. Ihre Zahl hat sich in diesen Jahren verdreifacht.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist zurückgegangen; aber gleichzeitig war auch intensives geistliches Leben in Gruppen und Gemeinschaften zu spüren. Dankbar denke ich an viele Gottesdienste, bei denen ich erleben konnte, wie die Gläubigen wirklich betend vor Gott standen und ihre Freude am Christsein lebendig wurde. Und die große Zahl der Ehrenamtlichen, die in allen Bereichen selbstlos mithelfen, belebt unsere Gemeinden, ja das ganze Bistum.

Eine große Sorge war mir die Zunahme auseinander brechender Ehen und das Leid, das damit verbunden ist. Andererseits durfte ich im September hier im Dom beim Segnungsgottesdienst für länger verheiratete Ehepaare erleben, wie viele ihre Ehe in Treue leben und dabei das Glück wirklicher Liebe erfahren. Das war ein großes Fest der Liebe und der Treue.

Die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist schwieriger geworden. Die Weitergabe des Glaubens scheint ins Stocken geraten zu sein. Zugleich erfahren wir eine hohe Akzeptanz des Religionsunterrichts und unserer kirchlichen Schulen. Wie in jedem Jahr konnte ich am vergangenen Sonntag das Korbiniansfest der Jugend feiern. Der Dom war überfüllt mit Jugendlichen, die in dieser großen Gemeinschaft Freude an Jesus Christus, am Glauben, an der Kirche erfahren. Immer wieder bin ich in all den Jahren jungen Christen begegnet, die mich in ihrer frischen Art und Gläubigkeit erfreut haben und mich hoffen lassen, dass unsere Kirche lebt und in eine gute Zukunft geht.

Die fortschreitende Pluralisierung unserer Gesellschaft hat sich auch kirchlich bemerkbar gemacht in divergierenden Gruppen und Gemeinschaften. Trotzdem ist es gelungen, den Zusammenhalt und die Einheit zu wahren, so dass ich meinem Nachfolger ein befriedetes Erzbistum übergeben kann.

Der Wohlstand in unserem Land ist gewachsen, aber die Armut ist geblieben; ja man spricht von neuer Armut. Nicht wenigen Kindern fehlt es am Notwendigen, und auch alte Menschen geraten zunehmend in Engpässe. Es ist erfreulich, wie viel liebevolle persönliche Zuwendung es in unseren Familien gibt und wie intensiv der Einsatz unserer Caritas ist, zunehmender Armut und Not wirksam zu begegnen; das ist eine bleibende Aufgabe, denn auch bei uns wird es immer Arme und Notleidende geben.

Die voranschreitende Säkularisierung hat es mit sich gebracht, dass die Kirche nicht mehr wie in früheren Zeit Rückhalt in der Gesellschaft findet. Wir sind Missionsland geworden und müssen Menschen für den Glauben gewinnen, Menschen, die den Glauben noch nicht kennen, aber auch Katholiken, die auf Distanz gegangen sind, damit sie wieder neu Freude an der Kirche und ihrem Glauben finden. Diese Herausforderung hat aber auch neues Interesse geweckt und manche religiöse Tradition neu belebt.

Wenn in unserer säkularisierten Gesellschaft verstärkt der Ruf nach Werten laut wird, richtet sich der Blick oft auf die Kirche. Nicht zu Unrecht. Woher kommen denn die Werte? Letztlich von Gott, dessen Botschaft die Kirche zu verkünden hat. Früher mag es in der Kirche genügt haben, Mitläufer zu sein. Heute brauchen wir Bekenner, die sich hinstellen und sich als Jünger Jesu Christi outen.

Diese und andere Erfahrungen haben wir in den letzten 25 Jahren gemeinsam gemacht. Ich habe mich bemüht, mich in der Wahrnehmung meines Hirtenamtes an das Vorbild des göttlichen Hirten zu halten, der mich in das Bischofsamt berufen hat. Beim Propheten Ezechiel sagt er uns, wie er handelt: „Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist“ (Ez 34,16).

Nach diesem Vorbild habe ich mich bemüht, für die mir anvertrauten Menschen zu sorgen, wie es recht ist, und sie auf die gute Weide zu führen. Es ist die beste Weide, die es gibt; hier finden wir die beste Nahrung; eine bessere gibt es nicht. Auf dieser Weide durfte ich Sie nähren mit Gottes Wahrheit durch sein Evangelium und mit seiner Gegenwart, die er uns in den Sakramenten schenkt.

Ich wäre glücklich im Wissen, dass es in meinem Erzbistum niemanden gibt, der durch mein Verschulden in diesen 25 Jahren unterernährt geblieben wäre.

Im Rückblick auf diese Zeit mache ich mir, freilich sehr zaghaft, die Worte des Apostels zu eigen, die wir am Ende der zweiten Lesung gehört haben: „Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben; denn ihr wart uns sehr lieb geworden“ (1 Thess 2,7f.)

Dass Sie mir alle sehr lieb geworden sind und dass ich 25 Jahre für Sie Dasein und diesen Hirtendienst für Sie tun durfte, dafür danke ich Gott von ganzem Herzen. Amen.

[Vom Erzbistum München-Freising veröffentlichtes Original]