"Die Kirche wächst durch die Liebe, die vom Heiligen Geist kommt"

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 553 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Ansprache verweilte der Papst noch einmal beim Begriff der Gemeinschaft der Heiligen. 

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit einem besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunsers und dem apostolischen Segen. 

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Mittwoch habe ich von der Gemeinschaft der Heiligen gesprochen, also von der Verbindung zwischen heiligen Menschen; das heißt, zwischen uns Gläubigen. Heute möchte ich die andere Seite dieser Glaubenswahrheit vertiefen: Erinnert ihr euch, dass sie zwei Seiten hat? Nämlich einerseits die Gemeinschaft im Sinne einer Verbindung zwischen uns allen, andererseits die Teilhabe an den heiligen Dingen, an den geistigen Gütern. Diese zwei Aspekte sind eng miteinander verknüpft, denn die Gemeinschaft aller Christen wächst durch die Beteiligung aller an den geistigen Gütern. Das sind insbesondere: die Sakramente, die Charismen, die Liebe (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 949-953). Durch die Sakramente, die Charismen (also die Gaben, die ein jeder von uns vom Heiligen Geist empfangen hat) und die Liebe, wachsen wir zu einer Gemeinschaft zusammen.

Zunächst einmal die Gemeinschaft an den Sakramenten. Die Sakramente sind Ausdruck und Verwirklichung einer wahren, tiefen Gemeinschaft unter uns, denn in ihnen begegnen wir Christus, dem Erlöser, und durch ihn begegnen wir auch unseren Brüdern und Schwestern im Glauben. Die Sakramente sind kein Schein, keine Riten, sondern die Kraft Jesu; Jesus Christus ist in den Sakramenten gegenwärtig. Wenn wir die Eucharistiefeier begehen, ist es der lebendige Christus, der uns zusammenruft, uns zu einer Gemeinschaft zusammenschweißt und uns den Vater anbeten lehrt. Tatsächlich wird jeder von uns durch Taufe, Firmung und Eucharistie an Christus angebunden und mit der ganzen Gemeinschaft aller Gläubigen vereint. Wenn also einerseits die Kirche die Sakramente „macht“, so „machen“ doch auch andererseits die Sakramente die Kirche, indem sie sie aufbauen, ihr neue Kinder schenken und diese dem heiligen Volk Gottes angliedern und ihre Zugehörigkeit zu diesem Volk festigen.

Jede Begegnung mit Christus, der uns durch die Sakramente unser Heil schenkt, ist für uns eine Aufforderung, den anderen Menschen dieses Heil mitzuteilen, das wir sehen, berühren, finden, annehmen durften und an das wir wirklich glauben können, weil es aus Liebe besteht. So spornen die Sakramente uns dazu an, Missionare zu sein; der apostolische Eifer, die frohe Botschaft überallhin zu tragen, auch dorthin, wo man ihr mit Feindseligkeit begegnet, ist die kostbarste Frucht eines im Einklang mit den Sakramenten geführten Lebens, denn er bedeutet eine Teilnahme am Heilswerk Gottes, der allen Menschen Rettung bringen will. Die Gnade der Sakramente nährt in uns einen starken und freudigen Glauben; einen Glauben, der über die „wunderbaren Dinge“ staunen kann, die von Gott kommen, und der es versteht, sich von den Götzen dieser Welt fernzuhalten. Deshalb ist es wichtig, zur Kommunion zu gehen, die Kinder früh taufen zu lassen und sie zu firmen; denn die Sakramente sind die Gegenwart Jesu Christi in uns; eine Gegenwart, die uns hilft. Es ist wichtig, wenn wir uns sündig fühlen, dass wir uns dem Bußsakrament nähern. Manche werden sagen: „Aber ich fürchte mich davor, weil der Beichtvater mich schelten wird!“. Nein, der Beichtvater wird dich nicht schelten; weißt du, wem du im Sakrament der Beichte begegnen wirst? Jesus wirst du begegnen, der dir vergibt! Jesus ist es, der in der Beichte auf dich wartet; und dieses Sakrament lässt die ganze Kirche wachsen.

Ein zweiter Aspekt der Gemeinschaft an den heiligen Dingen ist die Gemeinschaft an den Charismen. Der Heilige Geist schenkt allen Gläubigen eine Vielzahl an geistigen Gaben und Gnaden aus; diese „phantasievolle“ Vielfalt der Gaben des Heiligen Geistes dient der Erbauung der Kirche. Die „Charismen“ – ein etwas schwieriges Wort – sind weiter nichts als diese Geschenke des Heiligen Geistes, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten. Diese Gaben empfangen wir nicht, um sie versteckt zu halten, sondern um sie mit unseren Mitmenschen zu teilen. Sie sind nicht dazu gedacht, dass der Empfänger sie zu seinem eigenen Nutzen einsetzt, sondern zum Wohl des gesamten Gottesvolkes. Wenn ein Charisma, eine dieser Gaben, benutzt wird, um sich selbst durchzusetzen, darf man berechtigte Zweifel daran haben, ob dieses Charisma auch echt ist und mit Treue gelebt wird. Charismen sind besondere Gnaden, die manche Menschen empfangen, um anderen damit Gutes zu tun. Es sind Eingaben und innere Antriebe, die im Geist und in der Lebenserfahrung mancher Menschen aufkeimen, die berufen sind, sie in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Insbesondere gehen diese geistigen Gaben zu Nutzen der Heiligkeit der Kirche und ihrer Mission. Wir alle müssen die Charismen in uns selbst und in den anderen achten, sie als nützliche Anregungen für ein fruchtbares Wirken der Kirche verstehen. Der heilige Paulus warnt uns: „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19). Lasst uns niemals den Geist auslöschen, der uns diese Geschenke, diese Fähigkeiten, diese schönen Tugenden gibt, durch die die Kirche wächst!

Was ist unsere Einstellung zu diesen Gaben des Heiligen Geistes? Sind wir uns immer bewusst, dass Gottes Geist frei ist, sie zu schenken, wem er will? Betrachten wir sie als eine geistige Hilfe, durch die der Herr unseren Glauben stärken und unsere Aufgabe in der Welt unterstützen will?

Kommen wir nun zum dritten Aspekt dieser Teilhabe an den heiligen Dingen, zur Gemeinschaft in der Liebe; die Einheit von uns allen, die aus der Liebe, aus der Nächstenliebe kommt. Als die Heiden die ersten Christen beobachteten, sagten sie sich: Wir gern sie sich untereinander haben, wie sehr sie sich lieben! Es ist kein Hass unter ihnen, sie reden nicht der eine gegen den anderen. Das ist die Liebe, jene göttliche Liebe, die der Heilige Geist uns ins Herz legt. Die Charismen sind wichtig im Leben der christlichen Gemeinschaft, aber sie bleiben doch immer nur ein Mittel, um in der Liebe zu wachsen, die Paulus höher stellt als alle Charismen (vgl. 1 Kor 13,1-13). Ohne Liebe sind auch die größten Gaben wertlos; da ist ein Mann, der heilen kann, große Fähigkeiten besitzt, sehr tugendhaft ist… doch hat er auch Liebe im Herzen? Hat er sie, dann ist es gut so; aber hat er sie nicht, kann er der Kirche nicht dienen. Ohne Liebe kann die Kirche all diese Gaben und Charismen nicht brauchen, denn wo keine Liebe ist, bleibt eine Leere zurück, in der sich der Egoismus einnistet. Und ich frage mich: Wenn wir alle Egoisten wären, könnten wir dann friedlich zusammenleben? Natürlich nicht; deshalb brauchen wir die Liebe, die uns alle vereint. Die kleinste Liebesgeste, die einer von uns tut, hat positive Folgen für alle! Deshalb bedeutet die Einheit der Kirche und die Gemeinschaft in der Liebe, dass wir nicht unseren persönlichen Interessen nachgehen dürfen, sondern Freude und Leiden unserer Brüder und Schwestern teilen (1 Kor 12,26) und bereit sein müssen, die Lasten der Ärmeren und Schwächeren zu tragen. Diese brüderliche Solidarität ist keine Redensart, sondern fester Bestandteil der Gemeinschaft unter Christen. Wenn wir uns im Leben danach richten, werden wir in der Welt ein Zeichen, „Sakrament“ der Liebe Gottes sein. Wir sind es die einen für die anderen, und wir sind es für alle! Es geht hier nicht um ein kleinliches Almosen, das wir uns gegenseitig spenden können, sondern um etwas viel Höheres: Es geht um eine Einheit, durch die wir Freude und Leiden der anderen wahrhaftig zu unseren eigenen machen können.

Oft sind wir viel zu ausgebrannt, gleichgültig und fremd, um Brüderlichkeit auszustrahlen, und so strahlen wir nur schlechte Laune, Kälte und Eigensinn aus. Doch mit schlechter Laune, Kälte und Eigensinn kann man die Kirche nicht wachsen lassen; die Kirche wächst nur durch die Liebe, die vom Heiligen Geist kommt. Der Herr lädt uns dazu ein, uns für die Einheit mit ihm zu öffnen, durch die Sakramente, die Charismen und die Liebe, damit wir auf eine Weise leben können, die unserer christlichen Berufung würdig ist.

Und jetzt will ich euch um eine kleine Liebesgeste bitten. Keine Sorge, es geht nicht um eine Spendensammlung! Bevor ich hierher auf den Petersplatz gekommen bin, habe ich ein Kind besucht, ein kleines Mädchen von anderthalb Jahren, das schwer krank ist. Ihre Eltern beten und bitten den Herrn um die Heilung ihres schönen Kindes. Sie heißt Noemi. Sie lächelte, die Ärmste! Lasst uns eine Geste der Liebe begehen. Wir kennen sie nicht, aber sie ist getauft, sie ist eine von uns, eine Christin. Lasst uns eine Geste der Liebe für sie tun und den Herrn in der Stille bitten, dass er ihr in diesem schweren Augenblick helfen und sie gesund machen möge. Nur kurz, in Stille, und dann beten wir ein Ave Maria. Jetzt lasst uns alle zusammen die Muttergottes für die Heilung Noemis bitten. Ave Maria… Danke für diese Geste der Liebe.