Die Krise einer christlichen Familienauffassung (Erster Teil)

Randbemerkungen zum jüngst veröffentlichten Beitrag von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller

Rom, (ZENIT.org) Nicola Reali | 477 klicks

Es ist eine bekannte Tatsache, dass die meisten neueren Publikationen über das Ehesakrament und die Familie aus einer pastoralen Notsituation heraus entstanden sind, denn seit Jahrzehnten schon steckt dieses Sakrament in einer tiefen Krise. Die Aussage, dass die christliche Auffassung von Liebe und Familie heute gefährdet sei, ist daher so selbstverständlich, dass es sich kaum lohnt, sie noch einmal zu wiederholen. Ebenso offensichtlich ist die Tatsache, dass das christliche Familienbild seine Schwäche am deutlichsten immer dann zeigt, wenn es um die eheliche Treue und, damit verbunden, um die Unauflöslichkeit der Ehe selbst geht: Die Anzahl der Trennungen und Ehescheidungen hat dermaßen zugenommen, dass es wohl kaum eine Überraschung wäre, wenn in wenigen Jahrzehnten viele Gemeinden feststellen müssten, dass die Mehrzahl ihrer Gläubigen geschieden ist [1].

Doch man beobachtet auch eine Reaktion seitens der christlichen Gemeinschaft, einen wachsenden Einsatz zugunsten der Familien, der vor allem auf eine eingehende Vorbereitung setzt, um dem traumatischen Ungleichgewicht zwischen christlichen Werten und modernem Lebensstil mit einer geeigneten pastoralen Lösung entgegenzutreten. Wenn diese seit Jahrzehnten fortgesetzten Bemühungen einerseits die gesellschaftlichen und kulturellen Gründe dieser Krise auf brillante Weise aufgezeigt haben, so haben sie doch andererseits diesen Trend nicht verlangsamen und schon gar nicht umkehren können.

Der Grund dafür ist (vielleicht) ein ganz einfacher: Es genügt nicht, den immer stärker werdenden Konsens zu einem Kulturmodell zu beklagen, das dem Menschen die Fähigkeit abspricht, sich in einer ein Leben lang halten Beziehung zu binden. So wahr diese Klagen sind, sie genügen nicht, um dieses Phänomen herauszuheben, da sie auf mehr oder weniger explizite Weise die Lösung des Problems auf einen Zeitpunkt vertagen, zu dem die kulturellen Vorbilder sich im von der Kirche erwünschten Sinn geändert haben werden.

Den Ausweg aus dieser Situation darf man aber nicht darin suchen, dass man sich einfach der (dringend nötigen) kulturellen Auseinandersetzung mit der Moderne entzieht, und natürlich schon gar nicht in einem Versuch, die Wahrheiten Christi über die eheliche Liebe den neuen Zeiten anzupassen. Der Ausgangspunkt, von dem wir beginnen müssen, ist vielmehr die Feststellung, dass die Kirche gerade heute diesen pastoralen Notstand erlebt und folglich dieser Seite der seelsorgerischen Aktion der Vorrang gegeben werden muss. In anderen Worten: Es ist wahrscheinlich der Zeitpunkt gekommen, die Probleme der Pastoral nicht mehr nur als „pastorale Probleme“ zu betrachten, denn angesichts der gegenwärtigen Krise erscheint es als eine Unmöglichkeit, den Ausweg aus diesem Engpass einzig und allein in einer seelsorgerischen Antwort zu suchen, ohne auch jene Kräfte innerhalb der Kirche zu aktivieren, die nicht in erster Linie mit der Pastoral beschäftigt sind. Der Verlust des Wertempfindens angesichts der ehelichen Treue ist daher kein Problem mehr, das nur die Seelsorger betrifft, die sich täglich mit diesem Problem konfrontieren müssen, sondern muss als Aufgabe für die ganze Kirche aufgefasst werden, die im Schatz ihrer reichen Tradition nach Mitteln suchen muss, die nützlich sein können, um diesem pastoralen Notstand zu begegnen.

In diesem Kontext kommt ein entscheidender Anreiz vom Beitrag des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, den der „Osservatore Romano“ am vergangenen 23. Oktober veröffentlicht hat. Darin weist Erzbischof Müller, im Einklang mit den pastoralen Empfehlungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, auf die Tatsache hin, dass die fortschreitende Schwächung des christlichen Eheverständnisses Fragen aufwirft, mit denen man sich nunmehr ernsthaft auseinandersetzen muss, indem man die Debatte von der rein pastoralen Ebene auch auf die theologische und, zum Teil, kanonische Ebene überträgt. Besonders interessant finde ich die Art und Weise, in der der Präfekt einerseits die theologische Problematik wiederaufgreift, die als Basis für den heute üblichen Umgang der Kirche mit dem Problem der wiederverheirateten Geschiedenen dient, und andererseits neue mögliche Entwicklungen andeutet. Genauer: die Art, wie Erzbischof Müller die christologischen Fundamente des Ehesakraments und, damit verbunden, dessen in der von Christus verwirklichten göttlichen Offenbarung verankerte Unauflöslichkeit betont und durch das Zeugnis der Heiligen Schrift, der kirchlichen Tradition und des Lehramtes untermauert, imponiert und macht zugleich Mut. Man freut sich richtig, Worte wie diese zu lesen: „Man kann die Ehe nur im Kontext des Christusmysteriums als Sakrament verstehen und leben. Wenn man die Ehe säkularisiert oder als bloß natürliche Wirklichkeit betrachtet, bleibt der Zugang zur Sakramentalität verborgen.“ Damit wird noch einmal betont, dass man das Ehesakrament nicht einfach mit dem natürlichen Fakt der Paarbildung gleichsetzen kann. Deshalb klingt in den Worten des Erzbischofs auf einmalig deutliche Weise die ewige Überzeugung der Kirche nach, die – der Annahme Tertullians treu, dass man nicht als Christ geboren werde, sondern zum Christen werden müsse [2] – die Vorstellung eines „von Natur aus“ christlichen Menschen immer abgelehnt hat, und damit auch die Idee einer „von Natur aus“ christlichen Ehe.

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FUSSNOTEN

[1] Selbstverständlich meinen wir hier die sogenannte „westliche“ Welt, obwohl das Phänomen auch in Ländern zunimmt, die lange Zeit als frei von den kulturellen Einflüssen des Abendlands galten, etwa in Indien und Afrika.

[2] Tertullian, „De testimonio animae“, 1,7: CCL 1,176.

Prof. Nicola Reali ist Dozent für Theologie der Ehe- und Familienpastoral am Päpstlichen Institut „Redemptor Hominis“ der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom.

[Der zweite Teil folgt morgen, am Freitag, dem 15. November]