Die Krise einer christlichen Familienauffassung (Zweiter Teil)

Randbemerkungen zum jüngst veröffentlichten Beitrag von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller

Rom, (ZENIT.org) Nicola Reali | 521 klicks

Wie man sieht, ist die Problematik von höchster Wichtigkeit, da sie eine Neubewertung des Verhältnisses zwischen Anthropologie und Theologie erfordert, ohne die eine Klarstellung der theologischen Voraussetzungen der christlichen Ehe nicht stattfinden kann. Die große Herausforderung, die der Text des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre enthält, ist die Feststellung, dass die christliche Ehe zum „Prüfstein“ werden könnte, auf dem man testen kann, ob eine solche Beziehung aus der Sicht eines Bildes des Menschen als „Natur“, also eines vom geschichtlichen Heilsverhältnisses mit Gott losgelösten Wesens, überhaupt denkbar ist.

„Die Originalität der christlichen Offenbarung über den Menschen verliert ihre Zentralstellung, und damit ist das geschichtliche Ereignis des Lebens Jesu nicht mehr die Quelle der theologischen Antworten zum Thema Mensch, sondern wird auf eine oft unklare Weise neben eine Anschauung gesetzt, die den Menschen über andere Quellen (die Natur) als hinreichend definiert sieht“ [3]. Das hat zahlreiche Folgen auf der theologischen Ebene (und mehr noch auf der kanonischen Ebene), die wir hier gar nicht alle auflisten wollen und können. Trotzdem lohnt es sich, wenigstens eine dieser Folgen hervorzuheben, an deren Beispiel der Vorschlag von Erzbischof Müller für die Pastoral am besten erläutert werden kann.

Indem Erzbischof Müller die Grundlagen der Unauflöslichkeit der Ehe in ihrer Identität als Sakrament (und nicht in ihrem naturbedingten Wesen als Paarbildung) sieht, bringt er unweigerlich die Beziehung zwischen Glaube und Sakrament in den Vordergrund, da auf diese Weise deutlich wird, dass ein echter christlicher Glaube (ein Glaube also, der eine christologische Grundlage besitzt, und nicht eine vage anthropologische Öffnung zum Göttlichen hin) nötig ist, wenn man die Entscheidung trifft, eine Ehe (und ein ganzes Leben) im Zeichen des Herrn einzugehen: „Wo die Grundeinsichten des christlichen Glaubens verloren gegangen sind, vermag eine bloß konventionelle Zugehörigkeit zur Kirche wichtige Lebensentscheidungen nicht mehr zu tragen und in Krisen im Ehestand […] keinen Halt mehr zu bieten.“

Deshalb kann der Erzbischof, im Einklang mit seinen theologischen Prämissen, auch dafür plädieren, dass die Gültigkeit der Ehen eingehender überprüft werde: „… In unseren Tagen sind Ehen wahrscheinlich häufiger ungültig als früher, weil es am Ehewillen im Sinn der katholischen Ehelehre mangelt […]. Darum ist eine Überprüfung der Gültigkeit der Ehe wichtig und kann zu einer Lösung von Problemen führen.“

Bleibt nur noch zu verstehen (und zu entscheiden), ob „der Sinn der katholischen Ehelehre“ einen Hinweis auf den christlichen Glauben enthalten soll: Die pastorale Sorge, die den Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre dazu bewegt hat, das sakramentale (und somit geoffenbarte) Wesen der christlichen Ehe zu betonen, verweist uns auf eine tiefe Neubesinnung auf das Verhältnis zwischen Glauben und Sakrament in der Ehe, im Lichte der schlichten, aber inhaltsschweren Worte Papst Benedikts XVI. bei seiner letzten Ansprache vor der Römischen Rota: „‚Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen‘ (Joh 15,5): So lehrte Jesus seine Jünger und rief ihnen die grundsätzliche Unfähigkeit des Menschen ins Gedächtnis, allein von sich aus das zu vollbringen, was zur Erlangung des wahren Heils nötig ist […]. Der Glaube an Gott, gestützt von der göttlichen Gnade, ist also ein sehr wichtiges Element, um die gegenseitige Hingabe und die eheliche Treue zu leben. Das soll nicht heißen, dass die Treue und die anderen Eigenschaften in der natürlichen Ehe, die zwischen Nichtgetauften geschlossen wird, nicht möglich seien […]. Gewiss macht jedoch das Verschlossensein gegenüber Gott oder die Ablehnung der sakralen Dimension des Ehebundes und seines Wertes in der Ordnung der Gnade die konkrete Umsetzung des erhabenen Modells der Ehe schwierig, wie es nach dem Plan Gottes von der Kirche verstanden wird“ [4].

Es geht daher nicht nur um ein theoretisches Problem, sondern um die Feststellung, dass wir heute mehr noch als gestern (im Grunde genommen aber nicht anders als gestern) die christliche Ehe nicht vom Glauben trennen können und sie ohne den Glauben auch nicht feiern können. Der Beitrag von Erzbischof Müller kann also nicht in dieselbe Schublade geworfen werden, wie die zahlreichen und oft etwas langweiligen Beiträge zur Möglichkeit einer Revision der gegenwärtigen Haltung der Kirche zum Thema der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur eucharistischen Kommunion. Stattdessen ist er eine Herausforderung an die gesamte Kirche (allen voran an Theologen und Kirchenrechtsexperten), die Verkündung der frohen Botschaft Christi auch heute wieder wirksam zu machen, denn in der Botschaft der Evangelien finden wir die Antwort, die zu verkünden die Kirche sich nicht entziehen kann: „Seit der Sohn Gottes in die Welt gekommen ist, gibt es für uns keine andere Form der Liebe mehr, als die, mit der er uns geliebt hat […]. ‚Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe‘ (Joh 15,12). Das ist das Maß jeder christlichen Liebe, auch der Liebe und Treue innerhalb der Ehe“ [5].

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FUSSNOTEN

[3] A. Scola – G. Marengo – J. Prades Lopez, „La persona umana.Antropologia teologica“, Milano 2000, 200.

[4] Benedikt XVI., Ansprache zur Eröffnung des Gerichtsjahrs der Römischen Rota, 26.Januar 2013.

[5] H. von Balthasar, “Gli stati di vita del cristiano”, Milano 1962, 211.

Prof. Nicola Reali ist Dozent für Theologie der Ehe- und Familienpastoral am Päpstlichen Institut „Redemptor Hominis“ der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom.

[Der erste Teil wurde gestern, am Donnerstag, dem 14. November veröffentlicht]