Die Kunst der Erziehung nach Edith Stein (Teil 1)

Interview mit dem französischen Autor Eric de Rus

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PARIS 22. August 2008 (ZENIT.org).- Die nachhaltige Wirkung der Pädagogik von Edith Stein im 21. Jahrhundert wurde kürzlich auf einer Tagung mit dem Titel „Die unbekannte Edith Stein" vertieft. Schon seit Jahren werden die Intuitionen der Heiligen und Patronin Europas aufgegriffen. Während Papst Benedikt XVI. die Rolle der Erziehung als einer der Prioritäten christlichen Lebens betont, ist jetzt in Frankreich ein Buch über die Kunst der Erziehung nach Edith Stein („L'art d'éduquer selon Edith Stein. Anthropologie, éducation, vie spirituelle“) erschienen, verfasst vom französischen Philosophen Eric de Rus, der bereits im Jahr 2006 das Buch „Die Innerlichkeit der Person in der Erziehung bei Edith Stein“ publizierte.

ZENIT sprach mit dem Edith-Stein-Kenner in diesem ersten Teil des vorliegenden Interviews über seinen Zugang zur Kirchenlehrerin und ihr Konzept der Pädagogik als Zusammenwirken mit dem Heiligen Geist.

ZENIT: Wie kam es bei Ihnen zu diesem Interesse für einen Aspekt des Gesamtwerkes von Edith Stein, der heute noch wenig bekannt ist: Edith Stein als Erzieherin?

Eric de Rus: Wie die meisten französischen Leser von Edith Stein, und zweifellos auch anderswo, kannte ich unsere Autorin vor allem durch ihre geistlichen Texte. In geringerem Maße haben einige ihrer philosophischen Werke meine Aufmerksamkeit geweckt. Meine Ausbildung in Philosophie und mein berufliches Engagement haben mich aber für einen sehr viel weniger bekannten Aspekt im Leben von Edith Stein besonders sensibel gemacht, der vor ihrem Eintritt in den Karmel wichtig war: nämlich ihre Sorge um die pädagogischen Fragen.

In dem Maße, wie sich mein Wissen um ihr Leben und Werk vertieft hat, habe ich schrittweise erfasst, dass von dort eine sehr wichtige Botschaft ausgeht. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich Edith Stein nach ihrer akademischen Ausbildung in Breslau (1911-1913) mit den „großen Fragen der Bildung" beschäftigte, ohne dabei „die Praxis des Unterrichts" zu vergessen.

Dieses Interesse hat sie auch in den darauffolgenden Jahre während ihres Studiums an der Universität Göttingen begleitet. Nach ihrer Bekehrung und vor ihrem Eintritt in den Karmel in Köln hat sie sich dann der Doppelbelastung als Lehrerin und Dozentin gestellt.

Einmal im Karmel, verdeutlichte Edith Stein schließlich die Pädagogik der heiligen Reformatorin Teresa von Avila. Ihre geistlichen Texte selbst zeugen von diesem Interesse für die Bildung, in denen sie jeweils die Bedeutung vertieft, die die Offenbarung der mystischen Dimension hat. Hier wird also klar, dass Edith Stein uns etwas in diesem Bereich zu sagen hat!

ZENIT: Kürzlich haben Sie sich in einem zweiten Buch, Die Kunst der Erziehung nach Edith Stein. Anthropologie, Bildung, geistiges Leben", mit diesem Thema beschäftigt. Was bringt diese zweite Veröffentlichung fast drei Jahre nach der Publikation des ersten Bandes?

Eric de Rus: Wie ich bereits in der Einführung dieses Werkes festhalte, die eine neue Reihe eröffnet, die sich Edith Stein widmet, hatte ich mich im ersten Buch vor allem bemüht aufzuzeigen, dass es hier eine Einheit im existentiellen, philosophischen und spirituellen Ansatz der Autorin gibt. Ich habe versucht aufzuzeigen, dass es bei ihr eine Beziehung zwischen Anthropologie, Bildung und geistiges Leben gibt.

Auf dieser Grundlage war es für mich erforderlich, noch viel genauer auf die Bedeutung dieser Grundlage einzugehen. Deshalb habe ich mich entschlossen, in diesem zweiten Buch die Texte (insbesondere die Vorträge und die Korrespondenz) aus der Zeit des Lebens von Edith Stein zu erforschen, in denen sie sich der Reflexion und der pädagogischen Praxis (1923-1933) widmet.

Mein Interesse an diesen verschiedenen Texten sowie die Tatsache, auf die Marguerite Léna im Vorwort des Werkes zu Recht hinweist, wurde von der „inneren Stimmigkeit und ihrer Verwurzelung im philosophischen Denken und der mystischen Erfahrung der Autorin getrieben". So die „Überlegungen zur Bildung", die bei Edith Stein als „Fixpunkt erscheint, von woher die Vereinheitlichung ihrer Anthropologie, ihre Auswahl der geistlichen Tradition und Mystik, vom heiligen Augustinus bis zu Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz geschieht, und ihre persönliche Erfahrung von Gottes Wegen“.

ZENIT: Können Sie die Bedeutung der Verbindung zwischen „Innerlichkeit" und „Bildung" genauer beschreiben?

Eric de Rus: Diese Verbindung ist in der Tat entscheidend. Was mich in der betenden Annäherung an Edith Stein ergriffen hat, ist der Lebensgeist ihrer Gedanken und ihres Lebens. Bei den beiden letztgenannten gibt es eine völlige innere Einheit, und die beruht auf einer doppelten Bewegung: der Bewegung einer Verinnerlichung und der Bewegung eines Aufstiegs. (Vgl. „Edith Stein: Pädagogik im Aufstieg vom Natürlichen zum Übernatürlichen“ von Edith Beckmann in: Katholische Bildung, Heft 1, Jan 2002, 103. Jg., S. 14-26).

Auf dieser Intuition habe ich mein zweites Buch aufgebaut. Um kurz und klar auf ihre Frage einzugehen, würde ich Folgendes sagen: Ab dem Zeitpunkt, wo es um die Konzeption der Bildung als „Bildung des ganzen Menschen mit all seinen Stärken und Fähigkeiten geht, von dem, was er soll“, setzt dies eine gewisse Vorstellung über den Menschen voraus.

Edith Stein hält fest: „Alle erzieherische Arbeit, die sich auf die Bildung des Menschen und seine Begleitung stützt, setzt eine genaue Vorstellung über den Menschen, seinen Platz in der Welt und seine Aufgabe im Leben voraus, sowie eine genaue Vorstellung von den praktischen Möglichkeiten für die Ausbildung."

Mit anderen Worten: Die erzieherische Aufgabe stützt sich auf eine Anthropologie. Es war für mich daher notwendig, die grundlegenden Elemente der Steinschen Vision der menschlichen Person zu erhellen.

Edith Stein sieht den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist und zeigt auf, dass der Mensch eine Innerlichkeit besitzt, die unantastbar und die Grundlage seiner Würde ist, den heiligen Raum der Begegnung mit Gott, und untrennbar davon den Ort des Bewusstseins, wo sich die freien Entscheidungen vollziehen und ein echter Dialog mit der Welt.

Einen Menschen zu erziehen heißt, den Mut zu haben, dieser Innerlichkeit zu dienen. Edith Stein schenkt uns dazu eine sehr erhellende Formulierung, diese Verbindung zwischen Innerlichkeit und Erziehung, indem sie schreibt: „Es ist das innere Leben, das letztlich die Grundlage ist: Die Ausbildung erfolgt von innen nach außen.“

[Das Interview führte Anita S. Bourdin. Aus dem Französischen übersetzt von Angela Reddemann]