Die Kunst der Erziehung nach Edith Stein (Teil 2)

Interview mit dem französischen Autor Eric de Rus

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PARIS, 25. August 2008 (ZENIT.org).- Edith-Stein-Kenner Eric de Rus, Autor von Die Kunst der Erziehung nach Edith Stein (L'art d'éduquer selon Edith Stein. Anthropologie, éducation, vie spirituelle), sprach im ersten Teil des vorliegenden ZENIT-Interviews über seinen Zugang zur Heiligen und ihr Konzept der Pädagogik als Zusammenwirken mit dem Heiligen Geist.

In diesem zweiten Teil geht es um das Vorbild des Erziehers sowie um Erziehung als Begleitung einer ganzheitlichen Form von Menschsein, die im Einklang mit seiner natürlichen und übernatürlichen Berufung steht.

ZENIT: Benedikt XVI. hat seine Diözese Rom dazu aufgefordert, sich intensiv im Erziehungs- und Bildungsbereich zu engagieren. In dem entsprechenden Schreiben dazu betont er, dies sei Aufgabe aller Christen. Ist Ihr Anliegen ähnlich?

Eric de Rus: Ja, ganz genauso ist es. Edith Stein hatte sich in ihrer Aufgabe als Erzieherin zum Hören auf die Kirche disponiert. So verweist sie zum Beispiel in einer ihrer Vorlesungen über die „Ausbildung der Jugend im Licht des katholischen Glaubens" (1933) auf die die Enzyklika von Papst Pius XI. vom 31. Dezember 1929 über die christliche Erziehung der Jugend („Divini illius magistri").

Das Beharren von Benedikt XVI. auf Erziehung und Bildung ist genauso wenig ein Zufall wie das Dokument der Kongregation für das katholische Bildungswesen mit dem Titel Gemeinsame Erziehung in der katholischen Schule. Geteilter Auftrag von Geweihten und Laien (September 2007). Es handelt sich um eine anthropologische Herausforderung: Wer ist der Mensch, und was bedeutet folglich, authentisch zu leben? Denn genau das ist ja das Herzstück des Erziehungsauftrags, der im Dienst am Wohl der Person steht. Bildung ist Begleitung einer ganzheitlichen Form von Menschsein, steht also im Einklang mit seiner natürlichen und übernatürlichen Berufung. Es ist alles umsonst, wenn der Durst nach Sinn, den jeder Mensch hat, nicht geschätzt wird.

ZENIT: Was für eine Vorstellung hatte Edith Stein vom Erzieher als Vorbild, und wie kann das bei gewöhnlichen Menschen ausschauen?

Eric de Rus: Das Zeugnis des Erziehers besteht darin, vor allem einen Dienst an der Würde und der Schönheit eines jeden Menschen zu leisten.

Johannes Paul II. formulierte das so: Es handelt sich um einen authentischen Dienst an der Menschheit, „die unverletzliche Würde eines jeden Menschen neu zu entdecken und entdecken zu lassen“, denn es „ist eine wesentliche Aufgabe, ja in einem gewissen Sinn die zentrale und alle anderen einschließende Aufgabe im Kontext des Dienstes an der Menschheitsfamilie, zu dem die Kirche und in ihr die Laien berufen sind“ (Christifideles laici, 37).

Erziehung ist für Edith Stein die höchste Kunst; der Heilige Geist ist in ihren Augen der Meister, und der Mensch ein bescheidener Mitarbeiter. Ausgehend von diesem Punkt besteht die besondere Aufgabe des Erziehers in einer doppelten Verantwortung: zunächst die nötigen sicheren anthropologischen Grundlagen zu legen, und dann zu überlegen, wie die konkrete Umsetzung dieser ganzheitlichen anthropologischen Vorgehensweise in das erzieherische Handeln einfließen kann.

Auf die Frage, inwiefern diese Form von Zeugnis tatsächlich jede Person zu erreichen vermag, möchte ich sagen, dass niemand, der versucht, menschlich zu leben - und das mit der ganzen Fülle, die möglich ist - es vermeiden kann, sich der Frage zu entziehen, was Edith Stein meint, wenn sie davon spricht, das man „dem Leben eine Form" geben soll.

Ich möchte hinzufügen, dass die Kunst der Erziehung nach Edith Stein jedem Christen ungeheure innere Perspektiven eröffnet, die ihn zum Zentrum seiner Taufgnade zurückführen. Edith Stein erinnert uns daran, dass der Mensch kein ganzer Mensch sein kann, wenn er nicht das einzig große Abenteuer wagt: die Heiligkeit, die das Werk des Heiligen Geistes ist.

Und man wird nicht heilig für sich, sondern für die anderen Menschen. Denn wer sich mit der erzieherischen Tätigkeit des Heiligen Geistes verbindet und sich von Christus umformen lässt, der beteiligt sich in geheimnisvoller Weise an seinem Heilswerk, die Welt Gott zu weihen.

[Das Interview führte Anita S. Bourdin; Übersetzung aus dem Französischen von Angela Reddemann und Dominik Hartig]